Die Begegnung von Schriftstellern mit den britischen Kolonien hat eine große und variantenreiche Literatur hervorgebracht. Die von England aus betrachtet fremde Welt Südasiens und Afrikas war nicht nur landschaftlich exotisch, sondern sozial auf doppelte Weise abenteuerlich. Es erschienen sowohl ihre Bewohner fremd, wie auch die aufmerksameren Engländer Veränderungen feststellten, die in der fremden Umgebung an ihnen selbst auftraten. Man fühle sich, schreibt Leonard Woolf in seinen Erinnerungen, in einem fremden Land wie eine Figur in einem Theaterstück oder einem Traum. Soll heißen: unwirklich und gesteigert wirklich zugleich. Was wir heute viel harmloser im Tourismus erleben, fand spätestens um 1900 drastisch und gewalttätig im Kolonialismus statt: die Metamorphose von Europäern in Leute, die sich der von ihnen unterworfenen Fremde überlegen fühlten und zugleich isoliert in ihr, was alle möglichen Züge an ihnen hervortrieb. Hochmut, Melancholie, Zynismus, Grausamkeit und Ekel waren darunter.
Das wurde in vielen Erzählungen verarbeitet. Sie reichen von den Märchen Rudyard Kiplings über die schwermütigen Reisen Joseph Conrads und E.M. Forsters „A Passage to India“, eines der schönsten Bücher über die Komplikationen der kolonialen Dominanz, bis zu „Wide Sargasso Sea“ von Jean Rhys.
Leonard Woolfs „Sieben Jahre in Ceylon“ ist, anders als „Das Dorf im Dschungel“ von 1913, kein Roman, sondern als zweiter Band seiner Autobiographie das Gedächtnisprotokoll seiner kolonialen Erfahrungen, ergänzt um einige Briefe an seinen Freund, den Biographen und Literaturkritiker Lytton Strachey, sowie drei Erzählungen. 1904 reiste der vierundzwanzigjährige Student Woolf aus Cambridge als Kolonialbeamter nach Ceylon, weil ihm eine andere Karriere im öffentlichen Dienst mangels ausreichender Prüfungsleistungen verwehrt war. Das heutige Sri Lanka war damals schon seit neunzig Jahren dem britischen Weltreich eingefügt, aber als Station nicht sonderlich beliebt. Als Woolf sein Buch 1961 veröffentlichte, hatte Ceylon die Fremdherrschaft schon dreizehn Jahre lang hinter sich.
Ebenbilder des Gummistempels und der Maschine
Der Student aus Cambridge kommt mit neunzig Bänden Voltaire und einem Hund auf der Insel an, wird ein Verwaltungschef und erkennt sich im Nachhinein als einen „unbewussten Imperialisten“, der bald einen ganzen Bezirk an der Südküste der Insel verwaltete. Er bearbeitet Rechtsfälle, prüft Rechnungen, erteilt Lizenzen, beantwortet Briefe, engagiert sich in der Salzindustrie, führt den Pflug auf der Insel ein und erlässt Anordnungen wie die, Spucken auf Veranden sei untersagt. Er gilt als stur, arbeitet ruhelos und leidet an Langeweile.

Romantisiert wird hier nichts. Wir erhalten präzise Berichte, wie die Kolonialverwaltung aufgebaut war. Alles ist voller Beamter, Polizeidirektoren – mit wenigen Polizisten und außerhalb zweier Städte kaum Militär –, Bezirksrichter, Plantagenbesitzer und Missionare, die mehr oder weniger desinteressiert, oft an Malaria oder Typhus erkrankt, gern fluchend und meist ziemlich faul ihre Arbeit verrichten, um vorzugsweise irgendwelchen Hobbys nachzugehen. Woolf zeichnet glänzende Porträts des innerlich verwahrlosten Herrschaftspersonals. Großartig das des Polizeirichters Dutton, der seine fremde Mitwelt ebenso hasst wie fürchtet und sich „in den unverdauten, kitschigen Brei aus sogenannter Bildung zurückzieht“, um schreckliche Gedichte über Elfen zu fabrizieren.
Die Einheimischen bringen Tennisbälle und Drinks heran. Woolf begegnet ihnen durchweg mit fast ethnographischem Interesse. Er notiert, wie langsam die Zivilisation in Ceylon im Vergleich zu England sei, wo sich dem alltäglichen Leben der Rhythmus der Kutschen, Automobile und Eisenbahnen mitgeteilt habe. Man lebe dort nicht als Ebenbild Gottes, sondern als eines „des Gummistempels und der Maschine“. Die Einheimischen dagegen lebten näher am Dschungel, was sie schicksalsergeben mache, aber ebenfalls melancholisch.
Nichts von Kiplings Begeisterung oder Orwells Abscheu
Einmal kommt die Kaiserin vorbei, die von Frankreich, die es seit 1870 gar nicht mehr war. Woolf notiert, passenderweise habe sie ihn für den Gouverneur der Insel gehalten, der er gar nicht war. Zoodirektor Hagenbeck tritt auf und der Baron Blixen-Finecke, Großwildjäger von Beruf und durch seine literarische Gattin Tania Blixen erinnerlich. Woolf beschreibt die Austernfischerei der Araber, skizziert das Leben der Buddhisten auf der Insel, kontrastiert Tamilen und Singhalesen. Er wird Zeuge zahlreicher Hinrichtungen, einer Praxis, die er für einen Skandal hält, und er räsoniert, selbst frequenter Besucher von Bordellen, über die Sexualmoral unter den Engländern. Besonders eindrücklich sind seine Beobachtungen an der Tierwelt Ceylons, an Büffeln, Pferden, Leoparden und an einem Hirsch, an den er Zigaretten verfüttert. Dem Dschungel begegnet er mit Angstlust.
Leonard Woolf blickt auf seine Beteiligung an der Kolonialverwaltung mit gemischten Gefühlen zurück. Kiplings Begeisterung für den Imperialismus als angeblich zivilisierende Kraft ist ihm ebenso fremd wie George Orwells Abscheu gegenüber der britischen Herrschaft in seinem Buch „Tage in Burma“. Ihn interessiert viel mehr die Deformation aller sozialen Beziehungen und Charaktere durch den Kolonialismus diesseits roher Gewalt, und er nimmt sich von ihr nicht aus. Das Nachwort des Übersetzers weist auf die signifikanten Auslassungen hin, die sich selbst dieser große Autobiograph genehmigte. Sie ändern nichts an der Dichte seiner Beschreibungen und der Schärfe seiner Beobachtungen. An einer Stelle heißt es, das Schlimmste am Leben in der Kolonie sei seine sinnlose Fülle, gegen die Widerstand zu leisten aber verrückt mache. So präzise hat Woolf nicht zuletzt seine eigenen Seelenzustände erkundet.
Leonard Woolf: „Sieben Jahre in Ceylon“. Aus dem Englischen und hrsg. von Alexander Pechmann. Mare Buchverlag, Hamburg 2026. 384 S., geb., 38,– €.
