Nur wenige Leser werden die soeben erschienenen 3106 Seiten, auf denen Hannah Arendts zuerst 1951 erschienenes epochales Werk „The Origins of Totalitarianism“ in drei Bänden der kritischen Gesamtausgabe ausgebreitet wird, vollständig durchmessen. Zumal der eindrucksvollen Edition unlängst Thomas Meyers Arendt-Biographie und eine von ihm herausgegebene zwölfbändige Studienausgabe vorausgegangen sind. Deren Band zu „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ enthält einen vorzüglichen Kommentar von Jens Hacke, der sich in Kombination mit Meyers filigraner Darstellung als verlässlicher Zugang zu den drei schwergewichtigen Bänden der kritischen Ausgabe denken lässt. Ohne Frage sind jedoch ebendiese Ereignis, Monument und Meilenstein. Schließlich handelt es sich um einen Text, der seit fast achtzig Jahren wie nur wenige Analysen des 20. Jahrhunderts Widerspruch und Faszination erzeugt, hitzige und produktive Debatten entfacht – kanonisch und umstritten, verehrt und verhöhnt, für die deutsche, europäische wie globale Geschichte gleichermaßen bedeutsam.
Hunderte von Interpretationsschichten haben ihn bis heute nicht begraben. Im Gegenteil: Der Funkenschlag des Textes hat in den letzten zwanzig Jahren eher zu- als abgenommen. Die drei Bände der kritischen Ausgabe präsentieren die amerikanische, die erheblich erweiterte deutsche Ausgabe und über 50 Vorstudien, Typoskripte, Skizzen und Entwürfe, die den langen und gewundenen Entstehungsprozess des amorphen Werks nachvollziehbar machen. Die kritische Edition führt erneut vor Augen, wie sehr das ungewöhnliche Werk einem Puzzle gleicht, zusammengesetzt aus Einzelteilen, die in über zwanzig Jahren entstanden. Dies gilt sowohl für die Entstehung und Verbindung seiner wie ein Triptychon gebauten drei Hauptteile – Antisemitismus, Imperialismus und Totale Herrschaft – als auch für die pulsierende Argumentation, die bis heute nichts von ihrem intellektuellen Schmiss verloren hat.

Arendt selbst war nach Erscheinen der amerikanischen Erstausgabe zum Schluss gekommen, der Begriff „Origins“ im Buchtitel sei eine Fehlbezeichnung. Ihr Textpuzzle glich vielmehr einer weltweit gespannten Suche nach den „Elementen“, nach jenen Bauteilen, aus denen sich die Grausamkeiten und Zivilisationsbrüche des 20. Jahrhunderts zusammengesetzt, oder, wie es bei ihr heißt, „herauskristallisiert“ hatten. Wohl kein anderes Werk aus dieser Zeit vereint die historischen und analytischen Elemente, die eine Annäherung an die großen Untergänge der Moderne erlauben, in vergleichbarer Weite und Dichte.
Dass Arendt diese Teile in keinen festen Rahmen zu fügen weiß, gehört zu den ältesten und triftigsten Einwänden gegen das Buch. Neben der Inkohärenz der Anordnung ist stets das Fehlen jeglicher Kausalketten beklagt worden – der Weg aus südafrikanischen Goldminen zur Zwangsarbeit in Mittelbau-Dora ist weit, jener von der Dreyfus-Affäre nach Sobibor noch weiter –, der Text bleibt an vielen Stellen suggestiv.
Kein Platz im ideologischen Setzkasten
Arendt ist als Liberale, Konservative und Reaktionärin, als Linke, als Zionistin und Antisemitin, als Rassistin und antirassistische Denkerin, als Herold des Westens und als dessen radikale Kritikerin, als Avantgarde der postkolonialen Schule und als deren Gegenspielerin gelesen worden. Jenen, die das Buch aller Inkohärenz zum Trotz für einzigartig halten, gilt Arendt selbst in ihren Irrtümern interessanter als die wohlgeordneten Richtigkeiten ihrer Kritiker. Im ideologischen Setzkasten des 20. Jahrhunderts keinen Platz zu finden, darf in einem Jahrhundert, in dem sich der Geist wie auf Schienen bewegte, als Ehrentitel gelten. Arendts spät geprägte Formel vom Denken ohne Geländer droht unterdessen durch kulturindustrielle Verwurstung zur Phrase zu werden, bezeichnet ihren freihändig zwischen den ideologischen Blöcken gleitenden Stil jedoch zutreffend.
Beim Erscheinen der Bände in den 1950er Jahren galt die kaltkriegerische Aufmerksamkeit vor allem der vergleichenden Gegenüberstellung von NS-Diktatur und stalinistischer Sowjetunion. Der erste Teil über den Antisemitismus blieb umstrittener Evergreen der Forschung. Während der vergangenen zwanzig Jahre aber rückte vor allem der zweite Teil – Arendts sperrige Imperialismusanalyse – ins Zentrum akademischer Debatten. Dieser Teil bietet keine Geschichte des Kolonialismus. Die Abschnitte navigieren frei zwischen europäischen Mächten, Kontinenten und Jahrzehnten. Kolonialherrschaft erscheint hier als amorphes Gebilde, in dem Europas politische und rechtliche Grundsätze suspendiert wurden – bis die dort erprobte Menschenverachtung Europa selbst erfasste.
Zum ersten Mal ein Nazi
Wo Arendt den europäischen Test skizziert, ob sich mit dem neu gestalteten ideologischen Besteck des Rassismus ganze Kontinente beherrschen ließen, greift sie nicht, wie sonst im Kapitel, auf historische Vignetten, sondern auf eine literarische Fiktion zurück – den Leitfaden durch die heute umstrittensten Passagen liefert Joseph Conrads 1899 erschienene Novelle „Heart of Darkness“: die Geschichte eines europäisch bemannten Dampfbootes auf dem Congo River, das in die von Europäern erschaffene Finsternis führt. Spätestens seit Chinua Achebes berühmter, 1975 formulierter Kritik an Conrads Text ist dieser selbst als Monument des Rassismus gebrandmarkt worden – ein Vorwurf, der sich auch immer wieder gegen Arendt richtet.
Diese Operation gelingt dann, wenn der Unterschied zwischen Autoren- und Figurenrede ausgeblendet wird und wenn ignoriert wird, wie Arendt die Romanfiguren und ihre Wahrnehmung als Bauchrednerstimmen erklingen lässt, in denen die Weltsicht weißer Kolonialisten um 1900 prägnant erfasst ist. Hinter dem wohlfeilen Rassismusvorwurf geht das Staunen über die seherische Kraft des polnischen Schiffskapitäns Joseph Conrad verloren, der zur Jahrhundertwende ein verblüffend genaues Bild der Selbstzerstörung der europäischen Zivilisation zeichnet. Arendt verwendet ihn als Anatom ebendieser Selbstzerstörung.

Als „Dawn Watch“, als die die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts vorhersehende Morgenwache an Deck, hat die amerikanische Historikerin Maya Jasanoff Conrad und sein Werk beschrieben. In dieses Bild fügt sich ein Brief, den Arendt Ende April 1943 an den Politikwissenschaftler Waldemar Gurian schreibt und in dem es über Conrads abgründige Hauptfigur, den europäischen Kolonialagenten Mr. Kurtz, heißt: „Nochmals zu Heart of Darkness: was ich meine, war, daß in diesem Kurtz wirklich und, soviel ich weiß, zum ersten und einzigen Mal, ein ‚Nazi‘ dargestellt ist.“ Kürzer als in diesem Satz ist die bis heute diskutierte Vorwegnahme nationalsozialistischer Weltsichten und Gewaltformen im Kolonialismus nie formuliert worden.
Arendt hatte, wie Thomas Meyers Arbeiten und die Bände der Gesamtausgabe zeigen, in genau jenem Zeitraum, da Informationen über Art und Ausmaß der Ermordung der europäischen Juden auch in New York dichter wurden, begonnen, sich der Geschichte des europäischen Kolonialismus zu widmen und ihre deutlich älteren Analysen zum Antisemitismus mit den Abgründen kolonialer Ausbeutung und Gewalt zu verbinden. Früh versteht Arendt den Kolonialismus als eine auch nach innen wirkende Säure. Im „Rassenwahn“, der im europäischen Kolonialismus seine praktische Gestalt erhält, sieht sie bereits 1942 die Tendenz, „Nationen in Rassen zurückzuverwandeln“. Auch die bald und bis heute einflussreiche Metapher über koloniale Gewaltpraktiken als Bumerang, der nach Europa zurückkehrt, findet sich hier.
Der „Nazismus“ ist für Arendt 1943 „der erste praktische Versuch, die Rassen-Organisation zu realisieren“. Die Konstruktion der Juden als „Gegenrasse“, in der die unterworfenen und zerbrochenen Nationen „zum Trost als unterste Stufe der Rassenhierarchie“ präsentiert werden, begreift Arendt als „Kristallisationspunkt des modernen Imperialismus“. Im Februar 1946, fünf Jahre vor Erscheinen der amerikanischen Erstausgabe, publiziert sie in der jüdischen Monatszeitschrift „Commentary“ einen Aufsatz mit dem Titel „Imperialism: Road to Suicide. The Political Origins and Use of Racism“. Dort heißt es: „Dem eigenen Gesetz folgend, kann die vom Imperialismus errichtete, auf Machtanhäufung gerichtete Maschinerie nichts anderes tun, als immer weitere Gebiete zu verschlingen, immer mehr Völker zu vernichten und immer mehr Menschen zu versklaven und in sich hineinzuziehen – bis sie schließlich damit endet, sich selbst zu verschlingen.“ Der „Untergang des Westens“ würde durch den Rassismus kommen, denn die Rasse sei nicht der Anfang der Menschheit, sondern ihr widernatürlicher Tod. Tatsächlich erscheint die Tendenz zur Selbstzerstörung unter den Gemeinsamkeiten zwischen Kolonialismus und NS-Herrschaft nicht die geringste.
Europäische Katastrophe
Geschichte und Komposition der Kolonialherrschaft sind bei Arendt keine Randnotiz, sondern unverzichtbares Element zur Erklärung der europäischen Katastrophe. Die Flugbahn des von ihr postulierten „Bumerangs“ verläuft bei ihr allerdings im Dunkeln – man darf vermuten, dass sich weitere Generationen empirisch orientierter Historiker an ihrer Klärung abarbeiten werden. Und gerade die Vagheit dürfte zur bleibenden Attraktivität des Imperialismusteils beigetragen haben. Wer im Holocaust mehr sieht als den Endpunkt eines deutschen Sonderwegs, der von Luther, dem Dreißigjährigen Krieg, 1848 oder dem Kaiserreich nach Auschwitz führt, muss die nationalsozialistischen Verbrechen in europäische und globale Zusammenhänge einordnen. Arendt bietet hierfür Bauteile, aber keinen Bauplan.
Innerhalb der westlichen Nachkriegsforschung war ihre Komposition avantgardistisch. In den frühen Totalitarismusanalysen und bis weit in die Neunzigerjahre hinein haben nur wenige Historiker Antisemitismus, Imperialismus, Rassismus, Staatenlosigkeit und totalitäre Herrschaft in vergleichbarer Spannweite zusammengedacht. Heute geschieht dies überall und zunehmend ohne Arendts Sinn für die Abgründe einfacher Analogien.
Übersehen wird erstaunlicherweise auch in der Arendt-Forschung, dass Arendt nur innerhalb eines westlichen Kanons als Pionierin gelten kann. Global war die Vorstellung einer engen Verwandtschaft von Kolonialismus und Faschismus längst im Umlauf. In London, Paris, New York, der Karibik, Indien und Afrika formulierten teils vernetzte Gruppen nicht-europäischer antikolonialer Intellektueller bereits Mitte der Dreißigerjahre ähnliche Thesen. George Padmore sprach vom „kolonialen Faschismus“. Langston Hughes erklärte Anfang Januar 1936, Faschismus sei lediglich ein neuer Name für jene Form des Terrors, der Schwarze in den Vereinigten Staaten seit jeher ausgesetzt gewesen seien. Jawaharlal Nehru sagte 1938 in London, Faschismus sei ein naher Verwandter des Imperialismus; wer zu ihren Wurzeln hinabsteige, gelange „an denselben Ort“. C. L. R. James behauptete im selben Jahr, es gebe „keine Form rassischer Diskriminierung“ in NS-Deutschland, die Europäer nicht gegen Afrikaner anwendeten.
Ähnlichkeiten zwischen NS- und kolonialen Gewaltregimen
Parallelisierungen dieser Art waren unter nicht-europäischen Beobachtern, die rassistische Praktiken fortlaufend selbst erlebten, verbreiteter als unter europäischen Denkern. Arendt war auch in diesem Sinn Avantgarde. Ob die Emigrantin in Paris und New York Anregungen aus diesem seit Jahren zirkulierenden Narrativ aufnahm oder davon unabhängig zu ihrer Komposition gelangte, lässt sich nicht sicher sagen.
Die analytisch größte Stärke in Arendts Text liegt aber an einer anderen Stelle. Hinweise auf erhebliche Ähnlichkeiten zwischen kolonialen und nationalsozialistischen Gewaltregimen waren in den 1930er Jahren nicht nur plausibel, sondern auch zutreffend. Die sich seit der zweiten Jahreshälfte 1941 schnell vertiefenden Zäsuren in der europäischen Gewaltgeschichte beendeten jedoch die Epoche einfacher Analogieschlüsse. Was folgt, hebt sich von kolonialen Vorläufern deutlich ab. Dieser Bruch ist von antikolonialen Intellektuellen nach 1945 aus politisch naheliegenden, analytisch jedoch zweifelhaften Gründen übergangen und übertönt worden.
Im zweiten Teil des Buches liegt Arendts zeitlos große Leistung darin, neben Verbindungen, Parallelen und Verwandtschaften zwischen kolonialer und nationalsozialistischer Gewalt zugleich auf der radikalen Neuartigkeit totaler Herrschaft bestanden zu haben. Die im NS-Staat erreichte Herrschaftsdichte sowie die „Logik“ der Vernichtungslager lassen sich aus der Fahrt auf dem Congo River, aus der Tradition kolonialer Gewaltpraktiken, nicht ableiten. Aus längst vorhandenen Elementen war im Reagenzglas des 20. Jahrhunderts etwas Neuartiges entstanden. In der Fähigkeit, sowohl Verbindungslinien als auch die Neukomposition der „Elemente“ zu diskutieren, die präzedenzlose, mit herkömmlichen Begriffen nicht mehr fassliche Monstren erschaffen hat, ist das Buch vielen der nachfolgenden Analysen überlegen geblieben.
Arendts Jahrhundert-Puzzle wird ungelöst bleiben. Doch auch zukünftige Versuche, die über das nationalgeschichtliche Korsett hinausgehen, werden die hier ausgebreiteten Teile verwenden müssen. Die Studienausgabe und die kritische Ausgabe erlauben es erstmals, Arendt beim Suchen, Verschieben und Verwerfen der Teile zuzusehen. Die nervöse Unruhe, die vom Text und seinen Thesen ausstrahlt, erscheint der Ungeheuerlichkeit des Sujets im Übrigen auch in der Gegenwart angemessen.
Hannah Arendt: „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“. Hrsg. von Annette Vowinckel, Hanno Berger, Christian Pischel und Elena Stingl. Wallstein Verlag, Göttingen 2026. Drei Bände, 3106 S., geb., 128,– €.
