Feridun Zaimoglu ist unter die Surrealisten gegangen. Simone Kahn, die Ehefrau von André Breton, dem Verfasser des 1924 erschienenen „Manifests des Surealismus“, hat beschrieben, wie es zuging, wenn in der Wohnung am Montmartre, die Kahn und Breton 1922 bezogen hatten, ein Treffen Gleichgesinnter stattfand: „Die Rue Fontaine 42 wurde der Ort phantastischer Sitzungen, denen es nicht an Dramatik fehlte. Es ist finster. Wir sitzen alle schweigend um den Tisch herum und halten uns an den Händen. Nach kaum drei Minuten stößt René Crevel bereits raue Seufzer und unartikulierte Rufe aus. Dann hebt er mit lauter deklamatorischer Stimme zu einer grauslichen Erzählung an. Eine Frau hat ihren Mann ertränkt, aber er selbst hat sie darum gebeten. ,Ah! Die Frösche! Arme Irre! Irrrre!‘ Grausame und beschwerte Äußerungen. Ungebändigt bis ins kleinste Bild. Auch ein paar Obszönitäten. Nichts kann abscheulich genug sein.“
In dieser Runde – oder einer ähnlichen – dürfen wir uns von nun an auch Feridun Zaimoglu vorstellen. Aber im Gegensatz zu den anderen am Tisch hat Zaimoglu seine Augen nicht geschlossen. Neben ihm liegen Papier und Stift, denn unter dem Einfluss der Surrealisten tut Zaimoglu nichts anderes, als er vor rund dreißig Jahren schon einmal getan hat, als er aus Gesprächen und Interviews mit jungen Deutsch-Türken 24 halb fiktive Monologe destillierte. Er beobachtet, hört zu, nimmt alles in sich auf, verleibt es sich buchstäblich ein und scheidet es als etwas anderes wieder aus. So entstand „Kanak Sprak“, das Buch, mit dem Zaimoglu 1995 bekannt wurde und das die deutsche Gegenwartsliteratur verändert hat. Es müsste interessant sein, sich die Rezeptions- und Wirkungsgeschichten von „Kanak Sprak“ und Christian Krachts ebenfalls 1995 erschienenem Roman „Faserland“ einmal vergleichend anzuschauen.
Das Talent sollte eliminiert werden
Mit „Poem Noir“ schlägt Zaimoglu ein neues Kapitel in seinem umfangreichen und vielfältigen literarischen Werk auf und kehrt zugleich auf verschlungenen Wegen zu seinen Anfängen zurück. Form und Tonfall sind neu, aber wieder geht es ihm um Randfiguren und Außenseiter, denen kaum jemand zuhört. Deshalb sprechen sie mit sich selbst. In mehr als hundert Prosaminiaturen lässt Zaimoglu in „Poem Noir“ aus der Bahn Geworfene und Ausgestoßene der Gesellschaft zu Wort kommen. Es sind Versponnene und Verstörte, die hier beschrieben werden oder Monologe halten, und zuweilen, gar nicht so selten, hat es den Anschein, als wäre es der Wahnsinn selbst, der hier ins murmelnde Selbstgespräch versunken ist.

Paranoia spricht aus vielen Sätzen und Verschwörungswahn, Gewalttätigkeit körperlicher wie seelischer Natur, aber auch Verzweiflung, Trauer, Einsamkeit. Brutal sind Sprünge und Brüche, grotesk ist oft der Humor. Mitunter fühlt man sich an die von einigen Surrealisten geschätzten Fatrasien erinnert, mittelalterliche Unsinnspoesie, die den Widersinn feiert. Ralph Dutli hat etliche von ihnen vor Jahren ins Deutsche übertragen. Auch bei Zaimoglu herrscht die bizarre Logik des Unzusammenhängenden, das, obwohl es auf engstem Raum zusammengezwungen wird, scheinbar zwanglos ineinanderfließt. Das ist das Erbe der Surrealisten: Wenn der Verstand schläft, gelingen auch die qualvollsten Träume in schöner Mühelosigkeit.

Keine dieser Miniaturen umfasst mehr als drei oder vier Seiten, die meisten sind deutlich kürzer. Sie umfassen oft nur eine Seite und manchmal auch nur einige Zeilen. Die Überschriften werden aus den ersten Wörtern der jeweiligen ersten Zeile gebildet. Sie lauten zum Beispiel „Ich töte deine Treue“, „Ich kenne den Mann“, „Man steckt“, „Sie arbeitet“, „Er bekommt Briefe“, „Mein Leben als Faschist“, „Er hängte sich“. Der Hang zur Sentenz bricht sich ungehindert Bahn: „Zu Gott betet man nicht mit übereinandergeschlagenen Beinen“, heißt es dann oder „Der Sünder legt die Kette vor, doch der Würgeengel dringt durch jede Wand“.
Ein Mann „galt als hellhäutige Larve, die auch im Dampf nicht umkam“, ein anderer hatte statt einer Nase einen Rüssel im Gesicht, den er sich um den Hals legte. Von Verlust ist die Rede, von Verletzungen und Tod, und einmal verschlägt es Zaimoglu auch in einen Salon, in dem ein Manifest verfasst wird und namenlose Männer Parolen zitieren wie Gedichtverse: „Das Talent sollte eliminiert werden, die Talentierten sollten nicht länger die Untalentierten verderben dürfen“.
Wie sind diese Texte aufgebaut? Vom Surrealisten Max Ernst stammt die Technik der Oszillation, eine Art Vorläufer von Jackson Pollocks „Drip Painting“. Ernst nahm eine Blechdose, befestigte sie an einer Schnur, bohrte ein Loch in den Boden der Dose, füllte sie mit Farbe und schwenkte sie mit gleichmäßigen Bewegungen über einer auf dem Boden liegenden Leinwand. So entstanden netzartige Kompositionen, ein Geflecht aus Linien oder Kreisen, das eine Struktur vorgab. So ähnlich scheint Zaimoglu auch gearbeitet zu haben.
Bei ihm sind es Sätze, Sentenzen, Motive, die aufs Papier tropfen und ein Gerüst bilden, dessen Zwischenräume mit Sprachmaterial aufgefüllt werden. Nicht immer bleiben die Strukturen erkennbar, mitunter werden sie überschrieben oder abgekratzt wie bei der „Grattage“, bei der zu dick aufgetragene Farbe mit einem Messer wieder von der Leinwand gekratzt wird. Tatsächlich dürfte das Messer im übertragenen Sinn Zaimoglus wichtigstes Instrument bei der Arbeit an „Poem Noir“ gewesen sein. Der Autor schneidet sich sein Sprachmaterial zurecht, und er sticht in die Körper seiner Texte, um zu sehen, ob etwas Brauchbares aus ihnen herausquillt.
Für den letzten Text des Bandes benötigt Zaimoglu kein Messer. Er beschreibt, wie ein Vogel, der sich hinter dem Gesicht eines Menschen eingenistet hat, seinen langen spitzen Schnabel durch einen Augenwinkel des Erzähler-Ichs ins Freie bohrt. Für Max Ernst waren Vogelmenschen ein zentrales Motiv seiner Kunst. Einen von ihnen machte er zu seinem Alter Ego und gab ihm den Namen Loplop. Jetzt hat Loplop Feridun Zaimoglu besucht.
Feridun Zaimoglu: „Poem Noir“. März Verlag, Berlin 2026. 192 S., geb., 24,– €.
