
Frankfurt liegt am Meer. Jedenfalls der Opernplatz und zumindest akustisch, nämlich für jene halbe Stunde, in der Claude Debussy in seinem Orchesterwerk „La Mer“ die Wellen spielen, den Wind wehen lässt. Und vor allem: Das Licht und die Stimmungen am Meer in Musik übersetzt. Debussys Folge von „drei sinfonische Skizzen für Orchester“, so der Untertitel des 1905 in Paris uraufgeführten Werks, beschloss das Gastspiel der Sächsischen Staatskapelle Dresden im Großen Saal der Alten Oper. Mehr als 4500 Besucher waren gekommen, um das Konzert live im Freien zu erleben, auf der Leinwand, auf die das Gastspiel der Staatskapelle und ihres italienischen Chefdirigenten Daniele Gatti übertragen wurde. Zum fünften Mal bot die Alte Oper so die Gelegenheit, gegen Ende der Saison ein sinfonisches Konzert nicht nur im Großen Saal, sondern unentgeltlich auch auf dem Opernplatz zu erleben.
Drinnen öffnete das „Orchesterfest“ Türen, die dem Konzertpublikum sonst verschlossen sind. Vor allem jene zum großen Balkon über dem Eingang der Alten Oper, auf dem sich das Freigetränk nach dem Konzert ebenso genießen ließ wie beim Live-Jazz mit dem Frankfurt Jazz Collective FÄZZ im Clara Schumann Foyer. Spannungsvoll war das Programm der Staatskapelle angelegt, die nicht nur als Konzertorchester auftritt, sondern auch in der Semperoper Dresden. Orchesterstücke aus Opern Richard Wagners standen in beiden Konzerthälften jeweils einem französischen Werk gegenüber, im ersten Programmteil das Vorspiel zur Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ dem Konzert für Cello und Orchester Nr. 1 a-Moll op. 33, das Camille Saint-Saëns 1872 unmittelbar nach dem Deutsch-Französischen Krieg komponierte.
Für dieses Werk hatte Gatti im ersten Programmteil die etwas glücklichere Hand, garnierte das Menuett des Mittelsatzes mit schön gespreizten, reizvoll verzögerten Streichergesten und überließ dem Solisten Gautier Capuçon weitgehend die Impulse. Dessen Ton, leicht und geschmeidig, dabei tragend und füllig, beglaubigte die Noblesse und Eleganz des von ihm häufig treffend kantabel verstandenen solistischen Parts. Dank seiner exzellenten Technik konnte Capuçon die virtuosen Spitzen ohne Druck und mit makellos ausgespielten Läufen ausstellen. Die Koordination mit den Orchestermusikern übernahm er immer wieder direkt, zumal in der Zugabe, die er gemeinsam mit Sebastian Fritsch und der von diesem angeführten Cellogruppe der Staatskapelle gab: Die Bearbeitung des sogenannten „Blumenduetts“ aus Léo Delibes‘ Oper „Lakmé“ stammte von Jérôme Ducros.
Im „Meistersinger“-Vorspiel hatte sich Gatti ganz auf den luxurierenden Klang der Staatskapelle, auf ihren abgedunkelten Streicherkörper, auf die ideal damit verschmelzenden Bläserstimmen verlassen. Dabei blieb in den polyphonen Passagen allerdings manche nur vermeintliche Nebenstimme ungehört. Und in der etwas lapidar aneinandergekoppelten Folge von Vorspiel und „Karfreitagszauber“ aus dem dritten „Parsifal“-Akt, die den zweiten Programmteil eröffnete, wollte sich über das klangkulinarische Schwelgen hinaus keine tiefere Intensität vermitteln – ein Eindruck, der sich auch schon während Gattis Bayreuther „Parsifal“-Dirigaten von 2008 bis 2011 eingestellt hatte. Umso plastischer und profilierter gelang seine Auseinandersetzung mit Debussy, der, von Wagner beeinflusst, in Bayreuth zu Gast gewesen war und sich doch scharf von ihm abzugrenzen versucht hatte. „La Mer“, von der Staatskapelle immer wieder flutend und rauschhaft verdichtet, klang hier womöglich sogar bildhafter und maritimer, als es sich der Impressionist Debussy gedacht hatte. Und so lag Frankfurt eben am Meer: Dem großen Beifall im Großen Saal wollte keine Zugabe mehr folgen.
