
In der Frankfurter Innenstadt gibt es seit Mitte September eine neue Notunterkunft für Obdachlose. In der „Lucia“, betrieben von der Diakonie Frankfurt/Offenbach, haben allerdings nur Frauen Zutritt. „Wir sind sehr froh, den Frauen diesen Schutzort anbieten zu können“, sagt Christiane Wirtz, Koordinatorin der Winternotübernachtung der Diakonie und damit auch der „Lucia“. Doch die neue Unterkunft bereitet manchen Anwohnern Sorgen.
Von 22 Uhr am Abend bis um acht Uhr in der Früh können die Frauen in der „Lucia“ bleiben. Dort bekommen sie kostenlose Hygieneartikel, saubere Decken, Isomatten und die Möglichkeit, sich im Notfall zu duschen und saubere Kleidung anzuziehen. Wer möchte, kann sein Hab und Gut in Kisten in der Unterkunft lagern. Bisher habe es keine „nennenswerten“ Konflikte gegeben, sagt Wirtz. Das Angebot sei niedrigschwellig und richte sich an alle Frauen, die einen sicheren Schlafplatz suchten. Niemand müsse irgendetwas nachweisen, um in der „Lucia“ übernachten zu können, so Wirtz. Damit sich die Frauen sicher fühlen können, sei das gesamte anwesende Personal weiblich. Finanziert wird das Angebot, das zunächst für ein halbes Jahr geplant ist, durch die Stadt Frankfurt.
Von Anfang an sei die Übernachtungsstelle gut angenommen worden: Seit Eröffnung kommen laut Wirtz bereits 13 bis 18 Frauen regelmäßig in die Unterkunft in der Nähe des Doms. Insgesamt gebe es 30 Betten. Wirtz geht davon aus, dass mehr Frauen den Weg in die „Lucia“ finden, sobald die Temperaturen fielen und die Zelte in der Bockenheimer Anlage Anfang Oktober vollständig abgebaut seien. Die Zeltunterkünfte waren als Übergangslösung nach der unerwarteten Schließung im Juni von Frankfurts größter Notunterkunft für Obdachlose errichtet worden. Grund war unzureichender Brandschutz. „Wir wollen den Bedarf vom Eschenheimer Tor abdecken“, sagt Wirtz.
In der Nachbarschaft gibt es Skepsis
Das Angebot richte sich deshalb vorrangig an die Frauen, die zuvor dort übernachtet haben. Wenn genügend Plätze frei seien, könnten Frauen auch spontan am Abend kommen. Es ergebe „extrem Sinn, Frauen nicht im Bahnhofsviertel unterzubringen“, sagt Wirtz. Sie sei deshalb sehr froh, dass die Liegenschaft in der Innenstadt frei geworden war. Ursprünglich war dort eine Kindertagesstätte untergebracht.
Über den Nutzungswechsel des Gebäudes waren nicht alle aus der Nachbarschaft erfreut. „Ich war schon ängstlich und skeptisch“, sagt Duygu Külahci am Mittwochabend nach einer Informationsveranstaltung zum neuen Übernachtungsangebot in ihrer Straße, zu der die Diakonie Frankfurt/Offenbach eingeladen hatte. Auf dem Podium saßen Katrin Wilhelm, Referentin des Frankfurter Sozialdezernats unter anderem für Wohnungs- und Obdachlosigkeit, Henning Funk, Leiter des Weser-5-Diakoniezentrums, und die beiden Koordinatorinnen der „Lucia“.
„Warum gerade in unserer Straße?“, fragt Külahci. Sie liege mitten in einem „Touristengebiet“ am Main; die Kriminalität werde immer schlimmer, Drogen seien ein Problem sowie Kot und Urin nicht nur in den Vorgärten, sondern sogar an den Hauswänden. Auch die Verkehrssituation sei schlimm. Eine andere Anwohnerin findet, der Straße werde „immer mehr zugemutet“.
Einig sind sich fast alle anwesenden Anwohner aber auch darüber, dass sie froh sind, dass die obdachlosen Frauen eine sichere Unterkunft bekommen, und „es nicht schlimm finden, dass sie da ist“. Sie kritisieren aber die mangelnde Kommunikation vorab. Die sei „in der Eile etwas untergegangen“, gibt Henning Funk zu.
Tamara van der Wall beklagt sich, dass es „kein Gegengewicht auf der Waage“ für ihre Straße gebe. So werde etwa seit der Eröffnung der Einrichtung der Glasmüll häufiger voll, es gebe mehr menschliche Hinterlassenschaften in den Büschen, und Bänke seien dauerhaft von wartenden Frauen besetzt. Damit werde den Anwohnern Lebensqualität genommen. Diese Probleme seien bislang nicht bekannt gewesen, die Hinweise nähmen sie gern an, sagt Wirtz.
Anwohnerin Regina Kolakovic fordert: „Machen sie den Frauen innen und uns außen einen schönen Ort.“ Funk könne sich vorstellen, etwa den an die „Lucia“ grenzenden Spielplatz tagsüber für die Nachbarschaft zu öffnen. Tamara van der Wall ist froh, dass die Informationsveranstaltung konstruktiv war. Sie sei aber noch skeptisch, ob das Versprochene in die Tat umgesetzt werde. „Wenn das mit dem Spielplatz klappt, wäre das aber schon einmal was.“
