
Es sind schon ein paar Jahrzehnte vergangen, seit ein deutscher Läufer den Frankfurt-Marathon gewonnen hat. 1997 war es Michael Fietz, ehe sich ‒ bis auf 1999 und 2001 ‒ ausschließlich Läufer aus Kenia und Äthiopien in die Siegerlisten eintrugen. Bei der diesjährigen Ausgabe stehen die Chancen wohl so gut wie nie, dass sich daran etwas ändern könnte: Mit Amanal Petros wird auch der deutsche Rekordhalter an den Start gehen und dort auf Samuel Fitwi und Richard Ringer treffen.
„Das ist ein historischer Moment“, sagte Renndirektor Jo Schindler bei einer Pressekonferenz am Mittwoch: Erstmals würden außerhalb großer Meisterschaften die drei besten deutschen Marathonläufer miteinander und gegeneinander antreten. „Das ist nicht nur für uns, sondern auch für den gesamten Laufsport etwas Besonderes.“
Schon als Fitwi und Ringer in der vergangenen Woche ihre Teilnahme zugesagt hatten, hatte Schindler seine Hoffnung geäußert, nach 2015 mit Arne Gabius wieder deutsche Marathongeschichte zu schreiben. Damals war Gabius in 2:08:33 Stunden zum nationalen Rekord gelaufen, der erst fünf Jahre später von Petros gebrochen wurde. „Ein deutscher Rekord wäre schon großartig“, sagte Petros, der aber schon weiterdenkt: „Wenn wirklich alles zusammenpasst, würde ich gerne den Europarekord angreifen.“
Petros traut sich den Europarekord zu
Schon seit mehr als einem Jahr habe er sich dieses Ziel vorgenommen, „und ich traue mir zu, das zu schaffen“. Sollte es Petros in Frankfurt tatsächlich gelingen, die 2:03:36 Stunden des Belgiers Bashir Abdi aus dem Jahr 2021 zu unterbieten, käme dies einem neuen Streckenrekord gleich: Dieser liegt seit 2011 bei den 2:03:42 Stunden des Kenianers Wilson Kipsang.
Im Dezember hatte sich Petros beim Valencia-Marathon in 2:04:03 Stunden die nationale Bestmarke zurückgeholt. Zudem hält er den deutschen Rekord im Halbmarathon (59:22 Minuten). Doch auch Fitwi und Ringer zeigen sich in guter Form: Beim Hamburg-Marathon im April lief Fitwi in 2:04:45 eine persönliche Bestzeit. Er liegt damit nur noch 42 Sekunden hinter Petros’ Rekord. Ringer steigerte sich beim Boston-Marathon im April auf 2:04:47 Stunden und war damit fast eine Minute schneller als zuvor. Wegen der Streckenführung wurde seine Zeit jedoch nicht in die offiziellen Bestenlisten aufgenommen.
Schindler macht kein Geheimnis daraus, dass der Verkauf seiner Agentur „Motion Events“ an London Marathon Events (LME) ein größeres Budget im Topathleten-Bereich eröffne. „Damit ist es dann auch möglich, solche Elitefelder an den Start zu bringen. Und ich denke, das ist ein erster sichtbarer Schritt dessen, was wir uns in Frankfurt vornehmen.“ Denn so einfach sei die Zusammenstellung eines deutschen Spitzenfeldes nicht, betonte Schindler: Die Läufer hätten nicht nur Verpflichtungen bei ihren Ausrüstern, sondern auch eigene Vorstellungen davon, welche Rennen sie gerne laufen würden. Deshalb gehe es nicht immer, jedes Jahr die Topathleten, die man in einer Nation hat, an den Start zu bringen.
Frankfurt habe den Anspruch, hinter Berlin der zweite Marathon in Deutschland zu sein, und das bedeute auch, dass man eine entsprechende Zeit abliefern müsse. Beim diesjährigen Hamburg-Marathon gewann der Marokkaner Othmane El Goumri in 2:04:24 Stunden. „Das ist die Zeit, unter die wir kommen müssen. Petros, Fitwi und Ringer denken an den deutschen Rekord ‒ und damit wären wir deutlich darunter.“ Zugleich gehe es ihm aber auch darum, den deutschen Läufern eine Chance auf den Sieg zu geben, betonte Schindler: „Wir wollen ihnen die Möglichkeit geben, dass sie den Sieger unter sich ausmachen können.“ Die Alternative wäre, dass sie zwar mit einer schnellen Zeit ins Ziel kämen, aber das Rennen aufgrund der Konkurrenz nicht gewinnen könnten.
Ein „historischer Moment“
In der Geschichte des Frankfurt-Marathons habe es schon so manchen historischen Moment gegeben, betonte Schindler und: „Das Rennen in diesem Jahr wird dazugehören.“ Trotz der nationalen Konkurrenz herrscht unter Petros, Fitwi und Ringer aber auch Zusammenhalt. „Jeder weiß, dass es allein nicht geht“, sagt Petros: „Wir werden uns gegenseitig unterstützen, aber auch pushen, um den deutschen Rekord zu erreichen.“ Nur am Ende, fügt Petros mit einem breiten Grinsen hinzu, werde es mit der Freundschaft vorbei sein.
Auf das Rennen wird er sich auch diesmal wieder in Kenia auf 2500 Metern Höhe vorbereiten. In der Regel kommt er dort auf mehr als 200 Trainingskilometer pro Woche. Bei der Leichtathletik-WM in Tokio war er zum tragischen Helden geworden, als er auf der Zielgeraden schon wie der sichere Sieger aussah, sich dann aber doch noch um einen Wimpernschlag von 0,03 Sekunden Alphonce Felix Simbu aus Tansania geschlagen geben musste: „Tokio war eigentlich perfekt. Es gab nur ein kleines Problem: Auf den letzten 15 Metern habe ich nach hinten geguckt und meinem Gegner Schwäche gezeigt.“
Es gehe immer darum, Erfahrung zu sammeln, sagt Petros im Rückblick auf die vergangenen Monate. Im August wird er zunächst bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Birmingham antreten. Wenn man dort eine Medaille gewinne, könne einem dies niemand mehr nehmen. „Das bleibt für immer“, sagt Petros: „Das ist bei Rekorden anders.“ In Frankfurt könnte er aber immerhin dafür sorgen, dass seine nationale Bestmarke noch ein bisschen länger bestehen bleibt.
