
„Bravo, Fagott! Noch einmal!“, ruft Alain Altinoglu, und die Streicher der Management Symphony brechen sofort in schallendes Gelächter aus. Denn sie verstehen, dass ihretwegen die gespielte Stelle wiederholt werden muss. Mit den rasenden Figuren, die der Solo-Fagottist bravourös gemeistert hat, konnten sie ihre Begleitung nicht koordinieren.
Der französische Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters weiß genau, woran er in der Symphonie fantastique von Berlioz arbeiten muss. Ausnahmsweise hat er ein ambitioniertes Amateurorchester aus lauter Führungskräften im Sendesaal. Und die spielen mitunter auch unauffällige, begleitende Stimmen und eben nicht nur die führenden. „Listen to the Fagott!“, empfiehlt Altinoglu und bespricht mit Konzertmeister Ulrich Edelmann, der zweiten professionellen Führungskraft des Orchesterprojekts, auch gleich noch die Bogenführung der Streicher.
The Management Symphony ist ein 1999 in Leipzig gegründetes Amateurorchester, das sich aus einem Pool von inzwischen 200 Führungskräften aus der deutschen Wirtschaft speist. Einmal im Jahr kann man sich neu bewerben, dann kommen etwa 100 von ihnen zusammen, um mit einem professionellen Dirigenten sowie den Stimmführern der fünf Streichergruppen eines Profiorchesters innerhalb von vier, fünf Tagen ein Programm für ein öffentliches Konzert zu erarbeiten. In Frankfurt spielen die Führungskräfte am 26. April von 11 Uhr an im Sendesaal neben dem Standardwerk von Berlioz das Trompetenkonzert von Alexander Arutjunjan mit Jón Vielhaber, dem Solotrompeter des hr-Sinfonieorchesters. Davor liegen Streicher- und Registerproben, eine erste Tutti-Probe mit Altinoglus Assistent Nikita Sorokine und drei ganztägige Proben mit dem Chefdirigenten selbst.
Die Mitglieder leiten Kanzleien, Behörden oder Kliniken
Die Idee zur Gründung des Manager-Orchesters hatte Peter Gartiser, der als Amateur-Violinist von Anfang an dabei ist. Sein Wunsch, in einem Orchester zu spielen, sei seine persönliche Motivation für die Initiative gewesen, sagt er. Er leitet ein Unternehmen zur Strategieberatung für Kultur und Bildung und war 1999 beratend am Leipziger Gewandhaus tätig. Als es darum ging, wie das Konzerthaus mehr private Unterstützung finden könne, habe er den Gewandhausdirektor Andreas Schulz gefragt: „Warum gründen wir nicht ein Manager-Orchester?“. Der damalige Gewandhauskapellmeister Herbert Blomstedt erklärte sich bereit, die Leitung zu übernehmen.
Durch eine Ausschreibung, Mund-zu-Mund-Propaganda und persönliche Kontakte habe sich die Idee „wie ein Lauffeuer verbreitet“. Nach vielen jährlichen Konzerten in Leipzig arbeitet die Management Symphony nun seit 2015 mit wechselnden Spitzenorchestern und -dirigenten zusammen, mit dem Tonhalle-Orchester Zürich oder den Bamberger Symphonikern etwa, mit Paavo Järvi, Jonathan Nott und anderen.
Die Orchestermitglieder leiten Kanzleien, Behörden, Kliniken oder Forschungseinrichtungen. Sie zahlen Beiträge für die Teilnahme und spenden für das jeweilige Profiorchester, „sodass am Ende meistens ein mittlerer fünfstelliger Betrag zusammenkommt“, wie Gartiser sagt, zuzüglich der Einnahmen aus dem Konzertkartenverkauf. Die Orchester verwenden das Geld dann etwa für ihre Akademien oder zum Instrumentenkauf.
„Ein Abbild unserer Leistungsgesellschaft“
Was aber bringt es für Führungskräfte, in einem Orchester zu spielen? Gartiser sieht viele Parallelen zwischen der Leitung eines Unternehmens und eines Orchesters, zwischen dem Zusammenspiel dort und der Teamarbeit. Der Dirigent verkörpere allein durch die Position am Pult schon Macht und Autorität. „Das reicht aber nicht, er muss einen Plan haben“, sagt Gartiser. Es gehe darum, Menschen in kürzester Zeit auf ein gemeinsames Ziel einzuschwören und zu motivieren: „Ein Orchester ist ein Abbild unserer Leistungsgesellschaft“, so Gartiser. Daher gebe es auch für Manager dauerhaft Angebote für Workshops unter dem Titel „Dirigieren und Führen“.
Zugleich sehen sich die Mitglieder der Management Symphony aus diesen Gründen als Lobbyisten für die reiche Orchesterlandschaft in Deutschland, schildert Gartiser ebenso wie seine Orchesterkollegin Sabrina Kulenkamp, die als Violinistin seit vielen Jahren mitspielt und für die Wirtschaftskanzlei Freshfields in Frankfurt tätig ist. Führungskräfte lernen auch aus ihrer Sicht viel bei dem Orchesterprojekt. „Man muss aufeinander hören“, sagt Kulenkamp. „Tempo, Dynamik, leiser, lauter“ – das sind für sie Parameter, die sich auch auf die Ansprache von Mitarbeitern beziehen könnten.
Altinoglu, der erstmals „Manager managen“ darf, wie er sagt, nennt die Regeln beim Zusammenspiel im Orchester unumwunden „quasi militärisch“: „Wenn der Konzertmeister etwas sagt, müssen alle Violinisten das machen.“ Von außen betrachtet sei das „antidemokratisch“. „Wenn aber jeder Kompromisse machen würde, würde man nie fertig“, gibt Altinoglu zu bedenken. Orchester, die so und ohne Dirigenten arbeiteten, könnten zudem keine homogene Interpretation liefern. Das sei aber gerade der Anspruch eines Dirigenten und seine Aufgabe daher vor allem diese: „federating people“, Menschen unter einem Ziel oder Wert zu vereinen.
The Management Symphony tritt am 26. April um 11 Uhr im hr-Sendesaal auf.
