
Etwa zwanzig adrett gekleidete Leute – Leinensakkos, bunte Ketten, Lederschuhe – haben sich im historischen Limpurgsaal im Frankfurter Rathaus, dem Römer, versammelt. Sie wippen, hier und dort, mit den Füßen, während die auffällig violett gekleidete Band vor dem Rednerpult schwungvoll den Gospel „Oh Happy Day“ spielt.
Es ist ein feierlicher Anlass: Der Holocaust-Überlebenden Edith Erbrich wird die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt verliehen. Die 89 Jahre alte Erbrich sitzt in der ersten Reihe und wippt ebenfalls mit dem Kopf leicht zur Musik mit – sie hatte sich etwas Fröhliches gewünscht.
Als Zeitzeugin berichtet Erbrich seit 1997 von der Ausgrenzung und Verfolgung, die sie als Kind während des Nationalsozialismus erlebt hat. „Ich hatte nie vor, als Zeitzeugin an Schulen zu gehen“, sagt sie in breitem Frankfurterisch im Römer. Insbesondere der Studienkreis Deutscher Widerstand und dessen frühere Leiterin Ursula Krause-Schmitt aber hätten sie ermutigt, ihre Geschichte zu erzählen. Ihre Erinnerungen hat Erbrich auch in dem Buch „Ich hab’ das Lachen nicht verlernt“ festgehalten. Bis heute spricht sie mit Jugendlichen über die Verfolgung in ihrer Kindheit. „Du forderst die Jugendlichen auf, ihren Kopf einzusetzen, kritisch zu sein, ihr eigenes Verhalten zu überprüfen und nicht wegzusehen“, sagt Krause-Schmitt in ihrer Laudatio.
„Kind, lass diese Zeit ruhen“
Edith Erbrich wurde 1937 geboren, ihre Mutter war Katholikin, ihr Vater Jude. Für die Nationalsozialisten machte sie und ihre Schwester Hella das zu „Mischlingen ersten Grades“. Mit jedem Jahr ihrer Kindheit nahm die Verfolgung zu. Mit zwei Jahren wurde Edith Erbrich der Zwangsname „Sara“ verliehen, in ihrer Kennkarte stand ein großes „J“. 1942 wurden die Großeltern deportiert. Erbrich wurde der Schulbesuch verboten, die Eltern mussten Zwangsarbeit leisten. Weil sie nicht in den Luftschutzbunker durfte, wurde Erbrich bei einem Bombenangriff verschüttet.
Am 14. Februar 1945 wurden der Vater Norbert Bär, Edith und ihre Schwester Hella nach Theresienstadt deportiert. Die schwangere Mutter musste in Frankfurt bleiben. Bevor der Zug von der Frankfurter Großmarkthalle abfuhr, öffnete ein Gestapo-Beamter noch einmal die Tür des Viehwaggons: „Die Mutter möchte ihre Töchter noch mal sehen.“ Nach der Befreiung kehrten Vater und Töchter nach Frankfurt zurück, lebten wieder unter den Menschen, die sie diskriminiert hatten. Und die geklatscht hatten, als sie deportiert wurden. „Kind, lass diese Zeit ruhen“, sagt der Vater zu Erbrich.
Edith Erbrich will weitermachen, solange es ihre Kraft erlaubt
„Wir sprechen unsere Bewunderung dafür aus, dass du dein Schweigen gebrochen hast und zur engagierten Chronistin geworden bist“, sagt der Frankfurter Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) bei der Verleihung der Ehrenplakette. „Du hast mit Auftritten als Zeitzeugin unserer Demokratie und unserem Gemeinwohl gedient“, lobt er Erbrichs Einsatz.
Gerade in Zeiten, in denen Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zunehme, der Nationalsozialismus verharmlost werde und ein Drittel der Wähler sich vorstellen könnten, die AfD zu wählen, sei es „bitter notwendig, dagegenzuhalten und die Vergangenheit nicht dem Vergessen auszuliefern“, sagt Krause-Schmitt. „Wenn Menschen erst mal ideologisch in Gruppen eingeteilt werden, ist der Weg in die Katastrophe nicht weit, das haben wir aus der Geschichte gelernt“, mahnt Josef.
Edith Erbrich will weitermachen, solange es ihre Kraft hergibt: „Es ist nicht immer einfach, aber ich habe schon so viel geschafft, da werde ich das auch noch schaffen“, sagt sie im Römer. Und nun solle doch bitte gefeiert werden.
