Auf der Weltkarte im Flur ist noch die Sowjetunion eingezeichnet. Das Erdgeschoss des ehemaligen Verwaltungsgebäudes am Eingang zum Industriepark Griesheim wirkt, als wäre die Zeit stehen geblieben – doch im ersten Stock ist alles renoviert. Der Projektentwickler Beos hat hier einen großen, hellen Raum mit Konferenztisch und bequemen Sesseln eingerichtet, der einen Blick in die Zukunft erlaubt: Hier steht ein großes Modell des Gewerbegebiets, das Beos auf dem Gelände des früheren Chemieparks plant.
Nicht irgendein Gewerbegebiet, wohlgemerkt. Beos, eine Tochtergesellschaft des Vermögensverwalters Swiss Life Asset Managers, will auf dem 70 Hektar großen Areal im Westen von Frankfurt einen Spagat vollbringen: In Griesheim, wo mit der endgültigen Einstellung der Chemieproduktion 2019 rund 500 Arbeitsplätze wegfielen, sollen wieder Industriebetriebe angesiedelt werden. Einerseits. Andererseits soll das seit Jahrzehnten nach außen abgeschottete Gelände der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, Gastronomie soll entstehen, ein Fitnessstudio, vielleicht auch eine Kletterhalle. Und direkt am Mainufer im Süden des Geländes ein kleiner Park.
„Westside“ hat Beos das Projekt getauft, und auf dem Uferstreifen, genannt „Westcoast“, finden in den Sommermonaten schon seit 2023 Veranstaltungen statt. Diese Woche werden dort Filme gezeigt, unter freiem Himmel.
Stahl und Backstein
Auf dem eigentlichen Industriepark-Gelände, das von der Westcoast durch eine Straße getrennt ist, sind derzeit nur wenige Menschen zu sehen. Der Abbruch der alten Gebäude und Chemieanlagen, mehr als 100 waren es, ist nahezu abgeschlossen. Nur hier und da ragt noch ein Schornstein aus der braunen Brachfläche hervor, eine Gruppe von Silos oder Rohrbrücken, dazu einige alte Backsteinbauten.

Zum Beispiel „die Kathedrale“, wie Mathias Strauch eine große Halle mit Spitzdach nennt. Strauch ist als Head Real Estate Development der Westside für die Gesamtentwicklung zuständig und zeigt im Innern der Halle, woher sie ihren Spitznamen hat: Wie Säulen teilen hier mächtige Stahlträger den Saal in drei Teile, das erinnert an ein Kirchenschiff.
Ausgerechnet in diesem Gebäude befand sich der Betrieb der Hoechst AG, in dem sich vor gut 30 Jahren ein Störfall ereignete, für den der Industriepark Griesheim berüchtigt wurde. 1993 traten dort in der Nacht vor Rosenmontag mehrere Tonnen der Chemikalie o-Nitroanisol aus, die wie ein gelber Regen über Teile von Griesheim, Schwanheim und Goldstein niederging. Die Aufregung war verständlicherweise groß – nachhaltige Schäden hat der Vorfall aber nach allem, was man bis heute weiß, nicht verursacht.
Im Westen Industrie, im Osten Kleingewerbe
Geht es nach Strauch, so könnte die Kathedrale künftig für kulturelle Veranstaltungen genutzt werden. In der Nähe stehen noch einige Kolonnentürme – dicke Stahlrohre, die einmal Teil einer chemischen Anlage waren. Sie seien als Rahmen für den Platz vor der Backsteinhalle gedacht, sagt Strauch. Insgesamt zehn bis zwölf historische Strukturen sollten auf dem Gelände erhalten bleiben. Ziel sei, „den Bogen zu spannen von der Vergangenheit ins Hier und Jetzt“, denn die Industriekultur des Standorts solle auch künftig ein prägender Bestandteil der Westside sein.

Anders als früher sollen in dem Quartier außer Industrieunternehmen aber auch Logistiker und kleinere Betriebe eine Heimat finden. „Im Westen des Geländes liegt der Fokus eher auf Industrie, im Osten auf emissionsarmem Gewerbe“, sagt Strauch. Der Grund: Der Ostrand grenzt an ein Wohnviertel, es ist eine frühere Arbeitersiedlung. Durch die Ansiedlung kleinerer Betriebe auf dieser Seite sollen Konflikte mit den Nachbarn vermieden werden.
Wenn alles läuft wie geplant, werden die Anwohner von dem Projekt sogar profitieren. So soll eine seit Langem geschlossene Fußgängerbrücke über die S-Bahn-Strecke, die Griesheim teilt, reaktiviert werden – und einen Weg durch den neuen Gewerbepark bis zum Flussufer eröffnen. Insgesamt sind nach dem vom Frankfurter Architekturbüro Albert Speer + Partner entworfenen Strukturplan für das Gelände vier Alleen in Nord-Süd-Richtung vorgesehen, an denen auch Cafés entstehen sollen.
„Eine Chance für den Stadtteil“
„Wichtig ist, dass eine offene Fläche entstehen wird, dass dort Leben einkehrt mit Veranstaltungen und Gastronomie“, sagt dazu Birgit Puttendörfer, die für die SPD seit vielen Jahren im Ortsbeirat sitzt und selbst in Alt-Griesheim wohnt. Bislang höre sie aus der Bevölkerung wenig Negatives über das Projekt. „Das heißt, der Griesheimer ist zufrieden.“

„Das ist die Chance für den Stadtteil“, meint Dennis Blum, erster Vorsitzender des Geschichtsvereins. Lange sei das wirtschaftliche Leben durch den Chemiestandort geprägt gewesen, den Wegfall des Werks hätten die Griesheimer Einzelhändler und Gastronomen deutlich gespürt. „Es wäre sehr zu wünschen, dass das wiederkommt.“ Beos schätzt, dass auf dem Gelände eines Tages 4000 bis 6000 Menschen arbeiten könnten. „Zu Hochzeiten des Industrieparks Griesheim waren es knapp 3000“, sagt Projektentwickler Strauch.
Blum und Puttendörfer loben die Kommunikation von Beos. Das Unternehmen gebe interessierten Bürgern viele Gelegenheiten, die Pläne und das Gelände kennenzulernen. Als es an die Benennung der geplanten Straßen ging, wurde der Geschichtsverein eingebunden, seit wenigen Tagen steht sie fest. „Es ist toll, dass so viele Griesheimer Namen eingeflossen sind“, findet Blum. Etwa die Textilfabrikantin Emma Niedermann, die stellvertretend für andere enteignete jüdische Unternehmer steht. Oder Heiner Homburger, der als Architekt zahlreiche Gebäude im Stadtteil entwarf.
Die Vermarktung hat begonnen
Wie viele Neubauten auf der Westside entstehen werden, hängt davon ab, wie viele Unternehmen sich tatsächlich dort niederlassen wollen. Beos hat vor, bis 2040 rund 70 Gebäude zu errichten. „Die Vermarktung ist jetzt angelaufen“, sagt die dafür zuständige Projektmanagerin Antonia Kramer. Mit vielen Bauten werde Beos erst beginnen, wenn Mieter dafür bereitstünden, aber es gebe Ausnahmen: „Gebäude, die sich für eine Nutzung durch mehrere Parteien anbieten, werden wir zum Teil auch proaktiv errichten“, sagt Kramer. Man sei bereits „für verschiedene Baufelder mit Firmen aus unterschiedlichen Branchen im Gespräch.“

Schon fast fertig ist ein Rechenzentrum ganz im Westen des Geländes, quer dazu baut der Datacenter-Betreiber Cyrus One noch ein weiteres. Die Abwärme dieser Rechenzentren soll genutzt werden, um alle anderen Gebäude auf dem Areal zu heizen. Die Wärmepumpen und die Leitungen dafür installiert Beos. Allein für dieses Wärmenetz sollen Rohre mit einer Gesamtlänge von sechs Kilometern verlegt werden. Für die Stromversorgung plant das Unternehmen Kabel mit einer Gesamtlänge von 46 Kilometern ein, hinzu kommen 116 Kilometer Glasfaser. Die Gesamtkosten für Planung, Rückbau der alten Anlagen, Erschließung und Neubauten schätzt Beos auf rund 1,3 Milliarden Euro.
Das ist eine große Investition in Zeiten, in denen die Wirtschaft kaum wächst. Die Industrie- und Handelskammer Frankfurt trommelt allerdings seit Jahren für die Schaffung neuer Gewerbeflächen. Unternehmen wie der Industrieventile-Hersteller Samson verlassen mangels geeigneter Neubauflächen die Stadt, und die Standortmarketinggesellschaft Frankfurt Rhein Main GmbH findet für ansiedlungswillige Unternehmen mit größerem Platzbedarf kaum Grundstücke.
Beos-Projektmanagerin Kramer zeigt sich entsprechend zuversichtlich. Vor einigen Wochen habe man Makler und Vertreter der Wirtschaftsförderung zur Besichtigung eingeladen, „seitdem haben die Anfragen angezogen“.
