
Wer sich mit lokalen Musikern verabredet, denkt an kultige, etwas heruntergekommene Bars oder an Cafés im Schöner-Wohnen-Stil. Fee Penafiel hat sich für keinen dieser Treffpunkte entschieden. Die Singer-Songwriterin, schwarzes Top, Kurzhaarschnitt mit Pony, Nasenpiercing, sitzt draußen im Café Wacker, in Bornheim Mitte. Ein Café wie viele andere: unaufgeregtes Publikum, schlichtes Interieur, solider Kaffee. „Es ist kein Fancy-Hipster-Café, sondern geerdet, die Karte ist immer noch dieselbe wie vor Jahren“, sagt die 36 Jahre alte Musikerin aus Frankfurt. Es ist kein Ort für Inszenierungen, aber ein öffentlicher, mit dem Charme vergangener Tage – das passt zur Musikerin, die bodenständig wirkt und trotzdem gerne auf der Bühne vor Publikum steht.
Felicitas Mietz, die lange unter ihrem Rufnamen Fee auftrat, ist alles andere als flatterhaft. „Das Bild der lieblichen, fliegenden Fee – das drückt meine Musik einfach nicht aus“, sagt sie. Deshalb hat sie ihren Künstlernamen zuletzt um Penafiel erweitert, nach einem Ort in Portugal, der ihr in schwierigen Zeiten Kraft gab.
Ihr Debütalbum „Ein Zimmer, Küche, Bad“ erzählt vom Alltag mit Ende zwanzig, von Erwartungen und zu kleinen Wohnungen. Musikalisch reifer klingt „Nachtluft“, das 2020 während der Corona-Pandemie komplett im Schlafzimmer entstand. Die Songs bewegen sich zwischen Melancholie und Hoffnung, getragen von ihrer mal klaren, mal sinnlich-angerauten Stimme. Sie erzählt vom Tod geliebter Menschen, von Trennungsschmerz, der Arbeit an Beziehungen; Geschichten aus dem Leben.
Sehnsucht nach Nähe und Authentizität
„Wir sind nicht weit vom Ende entfernt, doch spielen auf Zeit“, singt sie in „Landebahn“ über das Ende einer Liebe. Im Song „Chéri“ begegnet sie Zweifeln mit einem Augenzwinkern: „Und während ich mich frag, wie’s war, als wir verliebt waren, fragst du mich, willst du noch einen Toast.“ Besonders eindringlich ist „Straßburger Straße“, in dem sie den Tod ihrer Großmutter verarbeitet: „Gute Reise, wo auch immer du jetzt bist, da ist noch Milch im Kühlschrank, ich glaub, die wird bald schlecht.“ Es sind Texte, die das Alltägliche berührend machen.
Vielleicht ist es genau diese Nähe und Authentizität, die ihr Publikum sucht: weniger Eskapismus, mehr ehrliche Geschichten. In der Romanfabrik, wo Penafiel, in Latzhose und mit kratziger Gitarre, kürzlich ihre Songs mit dem Urban Art Orchestra vorgestellt hat, wippte das überwiegend ältere Publikum begeistert mit. Der rotzig-poetische Indie-Pop traf auf ausgeklügelte Jazz-Arrangements der FÄZZ-Bigband, eine Mischung, die erstaunlich gut funktioniert.
Penafiel bestellt einen Cappuccino im Café in Bornheim. Während sie spricht, wirkt sie gelassen, natürlich und durchaus resolut. Die Härten des Berufs, den Weg mit all seinen Stolpersteinen lächelt sie nicht weg. Sie erzählt von Rückschlägen, von der Leidenschaft und davon, wie all das in ihren Songs landet, mal flapsig, mal melancholisch oder mit Humor. Manchmal erinnert ihr Stil an den der Berliner Sängerin Dota Kehr, die sie selbst gerne hört.
„Ich wusste immer, dass ich Musikerin werden will“
„Ich wusste immer, dass ich Musikerin werden will.“ Die in Marburg geborene Sängerin studierte aber erst einmal Soziale Arbeit in Frankfurt. Es dauerte eine Weile, bis sie in der Stadt und in der Musikszene ankam, erzählt sie. Inzwischen fühle sie sich zu Hause. Sozialpädagogin wurde sie trotzdem nicht.
Musik gehörte schon früh zu ihrem Leben – am Lagerfeuer mit der Familie, im Kinderchor, in ersten Bands. Gitarre spielen brachte sie sich selbst bei, ihre Stimme entwickelte sie immer weiter. Ohne klassische Gesangsausbildung, Luxus oder große Pläne. Hauptsache, sich selbst treu bleiben.
Deshalb stieg sie aus einem Bandprojekt mit Plattenvertrag aus und gründete stattdessen ihr eigenes Label. „Ich wollte aus dem Korsett raus“, sagt sie rückblickend. Das hieß zunächst: Gelegenheitsjobs, Social Media, Crowdfunding, Bookings und viel Eigeninitiative. Heute lebt sie von ihrer Musik. „Aber ich habe auch immer günstig gelebt und viele Soloauftritte gehabt.“
Im September erscheint ihr neues, drittes Album „Die Wolken über uns“, „etwas mehr Vintage, aber man erkennt meine Handschrift“, sagt sie. Neben den erschienenen Single-Auskopplungen „Halbe Songs“ und „Genug“ wird auch der Song „Dunkelheit“ zu hören sein, der von einer schwer kranken Freundin erzählt, sagt sie.
Zufällig in derselben Straße gewohnt
Penafiel produziert entweder zu Hause oder in einem Studio, dafür arbeitet sie mit verschiedenen Musikern zusammen. Mit der hr-Bigband nahm sie 2021 neue Versionen ihrer Stücke auf, mit Filmkomponist Ralf Hildenbeutel veröffentlichte sie die EP „Zwei Jahre“. Kennengelernt hatten sich die beiden zunächst nur digital. Erst als sie telefonierten, fanden sie heraus, dass sie nicht nur in derselben Stadt leben, sondern: „dass wir sogar in derselben Straße gewohnt haben zu der Zeit“.
Vernetzung in der Frankfurter Musikszene sei nicht immer leicht, sagt Penafiel, das merke sie auch nach 15 Jahren in der Stadt noch, immer wieder entdecke sie Künstler, die sie bislang nicht gekannt habe. Manchmal blickt Penafiel wehmütig auf die neue Welt. Auch wenn ihre Zeit weniger von Social Media oder Spotify-Algorithmen als von ihrem Kleinkind zu Hause bestimmt wird. Es komme seltener das Gefühl von Gemeinschaft auf. Auch durch Streaming verliere Musik ihren Wert. „Es ist eine andere Würdigung, wenn man die CD eines Musikers auflegt“, findet sie. „Manche Trends verstehe ich auch einfach nicht mehr.“ Aber das muss sie vielleicht auch gar nicht. Schließlich hat sie ihren eigenen Weg bislang immer gefunden.
