
Lange war es ein Gerücht, jetzt ist es Tatsache: Der Eschersheimer Wasserturm soll mitsamt dem ihn umgebenden, 1400 Quadratmeter großen Gelände verkauft werden. Noch ist die Mainova AG Eigentümerin des Industriedenkmals, doch sie möchte es einer Sprecherin zufolge „an einen Investor verkaufen, der die Liegenschaft auch für die Öffentlichkeit öffnet“. Aktuell liefen jedoch noch keine „aktiven Verhandlungen“. Es sei auch denkbar, dass die Stadt den Turm übernehme. Der 2003 mit der Studentenverbindung Moeno-Franconia geschlossene Mietvertrag ruhe aktuell.
Der ehemalige Stadtverordnete Lothar Stapf, einer der „Alten Herren“ der katholischen nichtschlagenden Verbindung, findet deutlichere Worte: „Moeno-Franconia ist gekündigt worden, wir sind komplett draußen.“ Stapf kennt jedes Detail des 1901 errichteten, 35 Meter hohen Turms mit seinen vier Geschossen und dem verschieferten Dach samt Zier-Erkern und Türmchen. 300.000 Liter Wasser konnten einst in dem hier eingebauten Eisenbassin gespeichert werden. Doch das Leben des Bauwerks als Reservoir war kurz. Nur neun Jahre nach seiner Inbetriebnahme wurde Eschersheim eingemeindet und die Wasserversorgung zentral von Frankfurt aus geregelt. Die barockisierende Landmarke hatte ausgedient. 1986 wurde sie unter Denkmalschutz gestellt.
Stadt Frankfurt bestreitet Kaufabsichten
Dass die Stadt den Turm übernimmt, wie die Mainova als Möglichkeit in Aussicht stellt, davon könne keine Rede sein, sagt Sebastian Tokarz, Referent im Dezernat Planen und Wohnen. „Zu einer möglichen Erwerbsabsicht vonseiten der Stadt Frankfurt am Main ist uns nichts bekannt. Aktuell gibt es keine Überlegungen zum Kauf des Geländes des Eschersheimer Wasserturms.“ Stapf zufolge, der als Ingenieur für Regelungstechnik die Elektrik in dem Industriedenkmal installiert hat, jedes Detail dort kennt und noch immer den Schlüssel verwaltet, hat sich bereits der Berater eines Investors den Turm angesehen. Er habe ihn um Einlass gebeten. Auch sei das Gelände mit einer Drohne inspiziert worden. Inzwischen, so Stapf, sei der Turm samt umgebendem Areal komplett gesperrt – „wegen der Gefahr herunterfallender Schieferplatten“.
Diese Gefahr besteht allerdings schon lange. Sind doch die gut 120 Jahre alten Nägel, mit denen die Schindeln befestigt wurden, entweder herausgefallen oder von Rost zerfressen. Ein Blick auf den Turm lässt deutlich erkennen, dass das Dach nicht sein einziges Problem ist. Die Oberfläche der drei Meter dicken Wandung bröckelt vor sich hin, durch den Putz ziehen sich Risse, am Turmfuß wächst Moos empor. Das hölzerne Fachwerk im oberen Teil wirkt spröde. Zwischen einzelnen Balken hat sich Wandputz gelöst. Bereits 2019 wurde von der Mainova auf Anregung des Denkmalamts ein Gutachten erstellt, in dem die nötigen Schritte zur Instandsetzung festgehalten sind: „Erneuerung der Fenster des Kuppelhauses und Turmhelms, sämtliche Oberflächen des Turmschafts und des Fachwerkzylinders reparieren bzw. erneuern, eventuell Holzuntersuchung der Fachwerkhölzer baubegleitend, Anbauten und Zugangstreppe überarbeiten“.
Ein Wahrzeichen rottet vor sich hin
Doch wurde bisher offenbar nur ein geringer Teil davon erledigt. „Aus datenschutzrechtlichen Gründen können wir keine Informationen zu Bauvorhaben Dritter, wie in diesem Falle der Mainova, preisgeben“, antwortet die für Eschersheim zuständige Mitarbeiterin des Denkmalamts, Makrina Rose, auf die Frage, ob die nun kämpferlosen Dachfenster in Absprache mit ihrer Behörde eingesetzt worden seien. Doch sie betont, dass alle Arbeiten an, in und um den Wasserturm gemäß den Paragraphen 18 und 20 des Hessischen Denkmalschutzgesetzes genehmigungspflichtig seien.
Keine Frage: Das Wahrzeichen des Stadtteils rottet nach wie vor vor sich hin, und der Aufwand für eine Instandsetzung wird immer höher. „Allein die Reparatur des Dachs kostet inzwischen ein Vermögen“, sagt Lothar Stapf, der jahrzehntelang Mitglied der CDU-Fraktion im Ortsbeirat 9, zuständig für Dornbusch, Eschersheim und Ginnheim, war. Seit vielen Jahren bemüht sich der Ortsbeirat genauso wie Initiativen und Vereine wie L(i)ebenswertes Eschersheim, Tortuga oder das Jugendbüro des Stadtteils darum, dass der Wasserturm und das ihn umgebende Gelände öffentlich genutzt werden können.
Sogar eine Bürgerinitiative, BI Wasserturm, wurde gegründet: Von ihr erhielt die Stadtverordnetenvorsteherin Hilime Arslaner (Die Grünen) 2021 eine Petition mit 546 Unterschriften, die nichts an Aktualität verloren hat: „Schaffen Sie keine Fakten, die eine spätere Nutzung des Wasserturms, der Nebengebäude und des Betriebsgeländes durch die Eschersheimer Bürger ausschließen. Sorgen Sie dafür, dass die Bausubstanz des Wasserturms und aller Nebengebäude vor weiterem Verfall gesichert wird. Laden Sie zu einem Runden Tisch zur Zukunft des Wasserturms sowie aller Nebengebäude ein.“
In einer Tokarz zufolge noch immer aktuellen Stellungnahme des Magistrats zu der Frage „Wasserturm Eschersheim – was ist geplant?“ hieß es Anfang des Jahres im Hinblick auf den Umfang einer am Wasserturm geplanten Bebauung sowie die Frage nach dem Nutzungskonzept ganz allgemein: „Das Vorhaben befindet sich im Bereich des rechtskräftigen Bebauungsplans. Zum Turm sollte ein angemessener Abstand eingehalten werden.“ Eine funktionelle Öffnung vorgesehener Nutzungen zum Stadtteil sei wünschenswert.
Ein Runder Tisch, wie ihn die Bürgerinitiative seit Jahren anregt, hat bis heute nicht stattgefunden. „Die Veränderungen in den Eigentumsverhältnissen“, fordert BI-Mitbegründer Günter Tatara, „dürfen auf keinen Fall dazu führen, dass das Gelände für die Öffentlichkeit tabu ist“. Der Wasserturm dürfe nicht in private Hände gelangen; die Stadt könne den Turm durchaus übernehmen. „Er soll ein öffentlicher Raum der Begegnung werden.“
