Das Fenster in dem Herrenhaus in Solz war jahrzehntelang zugemauert. „Aber ich wusste, da muss irgendwo eines gewesen sein“, erinnert sich Wolf-Dietrich von Verschuer. Alte Fotos hatten ihn darauf gebracht. Handwerker gingen auf Spurensuche. Fenstersturz, Laibung, Fensterbank – alles war noch da. Nur die Öffnung war verschlossen. „Ich habe den Bauarbeitern gesagt: Macht es wieder auf.“ Als sie den Putz abschlugen, kam das Fenster zum Vorschein. Verschuer ließ es erneuern.
Zugemauert hatte es sein Verwandter, der Mediziner Otmar von Verschuer, um Platz für seine Bibliothek zu schaffen. Nun fällt wieder Licht in den Raum. „Das war mein Akt der Befreiung“, sagt Wolf-Dietrich Verschuer, geboren 1948. Das Fenster gibt den Blick frei auf ein lange verdunkeltes Kapitel Familiengeschichte.
Otmar Verschuer gehörte in der Zeit des Nationalsozialismus zu den führenden Rassenhygienikern. Von 1935 an leitete er das Frankfurter Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene. Sein Assistent war Josef Mengele, der spätere Lagerarzt von Auschwitz, der Verschuer Präparate für seine Forschungen über Humangenetik und Eugenik schickte. Doch wer war der Mann, der, anders als Mengele, im Verborgenen agierte? Wie kaum ein anderer Wissenschaftler profitierte Verschuer von den Verbrechen in Auschwitz. Doch seine Familie schwieg darüber beharrlich. Bis auf einen, seinen Cousin.
Wolf-Dietrich Verschuer, hochgewachsen, runde Brille, legere Weste, sitzt im Büro von Michael Sachs, Direktor des Dr. Senckenbergischen Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Goethe-Uni. Hinter ihm reichen Regale bis unter die Decke: Bücher über Medizingeschichte und Rassenbiologen des Nationalsozialismus, so wie Otmar Verschuer. Vieles ist katalogisiert, aber längst nicht alles ausgewertet. Und dem Institut könnte die Zeit davonlaufen. Der Fachbereich Medizin erwägt, es zu schließen, die Bibliothek könnte ausgelagert werden.

Als Wolf-Dietrich Verschuer in der Zeitung davon liest, fährt er nach Frankfurt. Es ist sein erster Besuch im Institut. Für ihn geht es um mehr als Hochschulpolitik, es ist auch die Auseinandersetzung mit seinem Erbe. „In der Familie war ich ein Stück weit außen vor“, sagt er. Nicht zuletzt deshalb, weil er reden will, auch wenn er sich manchmal schwertut, überlegt, was er erzählen darf, was nicht.
Immer wieder sei er gefragt worden, ob er der Sohn des Rassenhygienikers sei. Dass er ein Cousin war und gerade erst geboren wurde, als Otmar Verschuer (1896 bis 1969) schon mehr als 50 Jahre alt war, ist im Adel nichts Ungewöhnliches, wie er sagt. Die Familie sei seit dem 19. Jahrhundert weit verzweigt. Mit Titeln kann er aber bis heute wenig anfangen. Als „Freiherr“ möchte er nicht bezeichnet werden, als „Baron“ erst recht nicht. „Das ist nicht mein Leben.“
Sein Leben verlief anders und doch schillernd. Er war Lehrer, Betreiber des Frankfurter Programmkinos Harmonie, Mitbegründer der hessischen Kinoförderung, Kommunalpolitiker der Grünen in Bebra und vertritt Positionen, die viele in der Familie für zu progressiv halten, wie er sagt.

Auf dem Familienanwesen in Solz lebt er bis heute – allerdings in einem anderen Haus als einst Otmar Verschuer. „Zum ersten Mal gesehen habe ich ihn ein Jahr nach der Beerdigung meines Großvaters.“ Das war 1954, Wolf-Dietrich Verschuer war sechs Jahre alt. Als Kind verbrachte er dort Ferien. Ein persönliches Verhältnis entstand nie. „Er war eher wie ein Nachbar.“ Er erinnert sich an keinen gemeinsamen Ausflug, kein längeres Gespräch, kein Geschenk. „Ich kenne Otmar nur in der Wohnung, auf der Treppe oder draußen sitzend.“ Der Wissenschaftler sei groß gewesen, Autorität ausstrahlend, aber sehr ruhig. Der „autoritäre Schrecken war Erika“, Otmar Verschuers Ehefrau und Sekretärin.
Beim Tee wurde nicht über Rassenforschung geredet
Wolf-Dietrich Verschuers Vater, ein Landarzt, sei durchaus kritisch gewesen. Aber um Otmar Verschuers Forschungen ging es beim gemeinsamen Tee nie, meist sprachen die Erwachsenen über Themen rund um das Haus. Einmal schickte ihn sein Vater zu einem Vortrag Verschuers ins Haus der Technik nach Essen. „Ich war fasziniert. Er konnte frei reden, ohne Manuskript.“ Wolf-Dietrich Verschuer war damals 16 Jahre alt. Der Professor zeigte Glasdias, nach denen die Rassenanthropologie Menschen kategorisierte. Als Jugendlicher dachte sich Wolf-Dietrich nichts dabei.
Das änderte sich erst Jahre später, mit wachsendem politischem Bewusstsein. In der Ausstellung „Frankfurt und der Nationalsozialismus“ stand er Jahrzehnte später einem lebensgroßen Pappaufsteller seines Verwandten gegenüber. „Ich biege um die Ecke, und plötzlich steht da Otmar.“ Dazu Fotografien, Dokumente, Texte. „Da packt einen das Entsetzen.“ Besonders hätten sich ihm „diese Augen aus Auschwitz“ eingebrannt – Augen, die er aus den Dias seines Vetters wiedererkannte.
Belastende Akten im Hof verbrannt?
Gut 2000 dieser Glasdias sind in einem schwarzen Schrank im Keller des Instituts aufbewahrt. Michael Sachs zieht einen Schub nach dem anderen heraus. Auf den Etiketten stehen Begriffe wie „Zigeuner“, „Bastarde“, „Mediterrane Rasse“ oder „Vorderasiatische Rasse“. Zeugnisse einer entmenschlichenden Wissenschaft.
Wolf-Dietrich Verschuer will die Bilder zunächst nicht sehen. „Je mehr ich erfuhr, desto schmerzhafter wurde es.“ Für ihn lassen die Quellen keinen Zweifel an Otmar Verschuers Überzeugungen, etwa dass die „Judenfrage“ gelöst werden müsse und der „Führer“ die richtige Politik mache. Und er ist überzeugt: „Jemand, der Material aus Auschwitz bekam, konnte nicht sagen: Ich wusste nicht, was dort geschah.“
Was diesen Eindruck verstärkt habe, sei ein Ereignis, das ihm Nachbarn aus Solz berichtet hätten. Im Februar 1945 seien mehrere beladene Lastwagen vor Verschuers Anwesen gefahren. Drei Tage lang habe dann ein Feuer gebrannt. „Warum verbrennt jemand Dokumente? Weil er etwas verbergen will.“ Vollständig belegt ist die Schilderung bisher nicht. Für Wolf-Dietrich Verschuer ist sie jedoch ein weiterer Hinweis darauf, dass es noch viel aufzuarbeiten gibt.
„Frankfurter Geschichte kann man nicht auslagern“
Gerade deshalb müsse das medizinhistorische Institut erhalten bleiben. „Das ist Frankfurter Geschichte“, sagt er. „Das kann man nicht einfach in eine andere Stadt auslagern.“ So sehen das auch Fachkollegen von Institutsleiter Sachs und die Landesärztekammer Hessen. Der Senat der Universität hat sich mit großer Mehrheit für den Verbleib der Medizingeschichte im Fachbereich Medizin ausgesprochen.
Ob Genforschung, Schwangerschaftsabbrüche oder KI in der Medizin: Gerade in einer Zeit neuer Debatten über Ethik und Wissenschaft brauche es Orte wie das Institut, die in die Gesellschaft hineinwirkten, sagt Verschuer: „Ich vertraue auf den öffentlichen Diskurs. Genau der hat damals gefehlt.“
Otmar Verschuer wurde im Entnazifizierungsverfahren lediglich als „Mitläufer“ eingestuft und zu einer Geldstrafe verurteilt. 1951 erhielt er eine Professur in Münster. Wolf-Dietrich Verschuer schüttelt den Kopf. „Das Rehabilitierungsverfahren, mit C4-Professur, voller Ausstattung – das ist schwer zu ertragen.“
Schließlich geht er doch in den Keller und blickt in den Schrank mit den Glasdias. „Wenn ich weiß, dass dort Fotos von Menschen liegen, die in Auschwitz ermordet wurden, kostet mich das schon Überwindung“, sagt er und steigt die Treppe wieder hinauf. „Das ist kein Horrorfilm. Das ist Realität. Das war zwölf Jahre menschenverachtende Realität.“
Wolf-Dietrich Verschuer fährt zurück nach Solz. Zum Haus mit dem Fenster, das sich zum Hof öffnet, in dem Otmar Verschuer saß. Zum Garten, in dem die Nachbarn Akten brennen sahen. Und zu einer Geschichte, deren Ende noch nicht erzählt ist.
