Er wolle dies machen, bis er umfalle, sagte Ralf Scheffler einmal im Gespräch mit der F.A.Z und meinte damit seine Arbeit für den legendären Frankfurter Musikclub Batschkapp, dessen Chef und Mitgründer er war. Ihren 50. Geburtstag kann die von vielen liebevoll „Kapp“ genannte Institution dieses Jahr feiern, doch Scheffler kann dieses Jubiläum nicht mehr begehen. Wie das Team der Batschkapp und des in der Frankfurter Innenstadt gelegenen Musiklokals Nachtleben am Dienstag bekanntgaben, ist Scheffler am Montag unerwartet im Alter von 77 Jahren gestorben. „Ralf ist zu seinem letzten Gig angetreten. Rock’n’ Roll Forever – RIP Legend – Wir vermissen dich!“ ist auf der Website batschkapp.de über einem Foto des Gitarre spielenden Scheffler zu lesen.
Das Bild zeigt Scheffler bei einem Auftritt mit der Gruppe The Terrible Noises, quasi die Hausband der Batschkapp und für Scheffler ein Vehikel, seine Liebe zum Rock’n’Roll der Fünfziger- bis Siebzigerjahre auszuleben. Eines Stils, der in den beiden von ihm geleiteten Clubs zwar durchaus Niederschlag in den Konzertprogrammen gefunden hat, diese aber nicht dominierte. Dafür war der am 30. Dezember 1948 in Hochheim geborene Scheffler zu sehr Geschäftsmann, als dass er das Booking von seinem persönlichen Musikgeschmack abhängig gemacht hätte.

Scheffler war in den frühen Siebzigerjahren nach Frankfurt gekommen und hatte Anschluss an die damalige Sponti- und Hausbesetzer-Szene gewonnen. Zu seinen Freunden zählte der spätere Bundesaußenminister Joschka Fischer, mit dem er in einer WG zusammenwohnte. Wie Fischer rückte Scheffler mit den Jahren von einst vertretenen linken politischen Positionen ab und sparte auch nicht mit Kritik an manchen Überzeugungen.
Scheffler konnte dabei auch auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. War die Batschkapp im Jahr 1976 in einem Gebäude im Frankfurter Stadtteil Eschersheim als Kollektiv gegründet worden, zeigte sich schon bald, dass ein solcher Kulturort nicht allein mit idealistischen Ideen am Leben erhalten werden kann. Obwohl gut besucht, stand die Batschkapp immer wieder vor existenziellen Problemen und 1982 schließlich vor dem Aus. Es gab nur zwei Möglichkeiten: Entweder wird der Laden dichtgemacht oder professionalisiert. Die Befürworter der Professionalisierung setzten sich durch. Der auf „formelle Gleichheit“ pochende fundamentalistische Teil des Kollektivs kehrte der Batschkapp den Rücken.
Zurück blieb schließlich Ralf Scheffler, der den Musikclub als Geschäftsführer leitete und auch das Programm änderte. Der Rest ist Geschichte: Der Club setzte fortan auf Bands aus der Indie-Rock- und Avantgarde-Szene, die noch auf ihren Durchbruch warten. Die Batschkapp wurde zu einem der wichtigsten Auftrittsorte der Republik und bot etlichen späteren Weltstars eine Bühne, darunter R.E.M., Red Hot Chili Peppers, Pearl Jam, Lenny Kravitz, Robbie Williams und Radiohead sowie die Toten Hosen, die Ärzte und Rammstein. 1982 wurde der „Idiot Ballroom“ eingeführt, jene freitägliche Disco, die so etwas wie die Hörschule für zahllose Schuljahrgänge in der Rhein-Main-Region geworden ist.
1993 erhielt die Batschkapp mit dem kleineren Nachtleben einen Ableger in der Innenstadt und von 1994 an veranstaltete sie Konzerte in der Festhalle und schließlich auch riesige Open-Air-Konzerte am Hockenheimring. Im Jahr 2006 strömten insgesamt 180.000 Menschen zu zwei Konzerten von Robbie Williams dorthin. „Für einen kurzen Moment war ich der größte örtliche Veranstalter in Deutschland“, erinnerte sich Scheffler später amüsiert: „Und keiner hat’s gemerkt.“
Im Dezember 2013 bezog die Batschkapp ihren heutigen Standort in einer ehemaligen Industriehalle in der Gwinnerstraße im Stadtteil Bergen-Enkheim, wo sie dieses Jahr mit verschiedenen Veranstaltungen ihr Jubiläum feiert. Der Mann, der ganz maßgeblich ihre nun ein halbes Jahrhundert währende Geschichte gelenkt hat, schaut aus einem für den passionierten Fallschirmspringer Ralf Scheffler hoffentlich immer azurblauen Rock’n’Roll-Himmel dabei zu.
