
Als Andreas Reif und Mathias Luderer vor einigen Jahren nach Frankfurt kamen, waren sie über eines erstaunt: dass im Frankfurter Bahnhofsviertel in aller Öffentlichkeit harte Drogen konsumiert werden – und scheinbar niemand über Ausstieg spricht. Heute erleben sie das Ausmaß dessen, was sich damals schon in der offenen Drogenszene angedeutet hat, in ihrer Klinik. Reif ist Leiter der Psychiatrie am Frankfurter Universitätsklinikum. Luderer leitet die dortige Suchtklinik.
Inwiefern die Frankfurter Drogenpolitik künftig stärker medizinisch ausgerichtet sein soll statt sozialpolitisch – darum ging es bei der Podiumsdiskussion, zu der die Frankfurter Bürgerstiftung am Montagabend eingeladen hatte. Mit Reif und Luderer auf dem Podium saßen die Frankfurter Gesundheitsdezernentin Elke Voitl (Die Grünen), Polizeipräsident Stefan Müller und Christiane Schlang, Leiterin der Abteilung Psychische Gesundheit im Frankfurter Gesundheitsamt. Moderiert wurde die Veranstaltung von F.A.Z.-Redakteurin Katharina Iskandar.
Deutlich wurde, dass sich die Drogenszene von damals verändert hat: Wo früher Heroin dominierte, ist mittlerweile Crack die vorherrschende Droge. Crack putscht auf, macht wach und kann unter anderem zu aggressivem Verhalten führen.
„Paradigmenwechsel“ in der Frankfurter Suchthilfe
Luderer beklagte, dass die psychiatrische Versorgung der Abhängigen bisher vonseiten der Stadt zu kurz gekommen sei. Er bezeichnete das Bahnhofsviertel als „eine große psychiatrische Station, nur dass dort keine Behandlung stattfindet“. Das müsse sich ändern. Die Kritik richtete sich vor allem an Gesundheitsdezernentin Voitl, die sich damit verteidigte, dass sie eine engere Zusammenarbeit mit Medizinern gar nicht ablehne. Reif sprach daraufhin von einem „Paradigmenwechsel“.
Wie diese medizinische Hilfe in der Praxis umgesetzt werden kann, soll nun geklärt werden. Schlang wies darauf hin, dass die Therapie nicht so einfach sei. „Wir können nur die behandeln, die behandelt werden wollen“, sagte sie. Es könne niemand „zwangsbehandelt“ werden. Menschen gegen ihren Willen zumindest für eine kurze Dauer in einer Psychiatrie unterzubringen, sei nur möglich, wenn eine akute Selbst- oder Fremdgefährdung bestehe.
Kritik an Richtern wegen Unterbringung
Eine Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung gegen den Willen der Person ist nach dem hessischen Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz zwar möglich, muss aber spätestens nach 24 bis 48 Stunden durch einen richterlichen Beschluss bestätigt werden. Das sei in Frankfurt aber „fast so gut wie unmöglich, weil die Richter das hier fast nie zulassen“, ergänzte Voitl.
Das bestätigten auch Reif und Luderer. Ärzte könnten lediglich eine Empfehlung abgeben, an die sich die Richter aber nicht halten müssten. Reif machte das an einem anschaulichen Beispiel fest: „Wenn man als Arzt einem Richter sagt, der Patient drohe damit, seine Mutter umzubringen, sobald er aus der Klinik entlassen werde, wird er in anderen Städten einbehalten. In Frankfurt sagt man: Dann ist das eben so.“
Nicht genug Anschlusshilfen für Süchtige in Frankfurt
Weiterhin beklagte Reif, dass ohne längerfristige Klinikaufenthalte schwerstabhängige Menschen, wie sie in der offenen Drogenszene im Bahnhofsviertel anzutreffen seien, nicht ausreichend stabilisiert werden könnten. Das sei aber nötig, damit sie überhaupt Hilfe annehmen könnten. Es entstehe der klassische „Drehtür-Effekt“: In einem „Pingpong zwischen Klinik und Bahnhofsviertel“ wanderten die Patienten hin und her.
Weil es laut Luderer keine geeigneten Anschlusshilfen außerhalb des Bahnhofsviertels wie etwa genügend freie Plätze in Wohnheimen für die Menschen nach ihrem Klinikaufenthalt gibt, kehrten diese meist wieder ins Bahnhofsviertel zurück. Auch die Übernahme der Behandlungskosten sei nicht ausreichend geregelt. Die Stadt Frankfurt übernehme einen Großteil der Kosten, sagte Voitl, aber auch sie wünsche sich Unterstützung vom Land.
Der Frankfurter Polizeipräsident Stefan Müller beschrieb, was seine Beamten, die täglich im Bahnhofsviertel unterwegs seien, erlebten. Desolate Zustände, Drogenkranke auf den Bürgersteigen, Müll auf den Straßen. Auch er forderte dringend, einen medizinischen Ansatz zu wählen, um die offene Drogenszene besser zu beordnen. „Die Szene muss kleiner werden“, sagte Müller. Da führe „kein Weg drum herum“. Und die Stadt müsse sich mit psychiatrischer Expertise um diejenigen kümmern, die in der offenen Szene am stärksten auffielen. „Die Landespolizei unterstützt das gern.“
Reif und Luderer wünschen sich einen besseren Austausch zwischen den verschiedenen Akteuren. Sie fordern neben mehr Ausstiegsmöglichkeiten für Süchtige auch eine feste Struktur für Hilfen mit einem Psychiatrieansatz. Die gibt es laut Schlang und Voitl schon, wie etwa Pfleger aus der Psychiatrie und Psychiater, die als Streetworker durch das Bahnhofsviertel streiften. In den vergangenen Jahren habe sich bereits viel in der Zusammenarbeit mit Psychiatrien getan, sagte Schlang. „Das ist ein Weg, den wir nun weiter ausbauen müssen.“
