
Die italienische Juristin Francesca Albanese ist seit 2022 „Sonderberichterstatterin zur Menschenrechtssituation in den seit 1967 besetzten palästinensischen Gebieten“. Mit der Erstellung des fälligen Jahresberichts für den UN-Menschenrechtsrat gibt sie sich nicht zufrieden. Sie liebt den öffentlichen Auftritt. Seit 1993 gibt es den Posten, geschaffen von der UN-Menschenrechtskommission, der Vorläuferin des heutigen Menschenrechtsrats. Doch so viel Wind und Geräusch wie Albanese hat bisher keiner ihrer sieben Vorgänger in dem Amt gemacht.
Sie sieht sich als Aktivistin für die palästinensische Sache und nicht als neutrale UN-Angestellte mit einem befristeten Vertrag zur Berichterstattung. Wegen ihrer von Jerusalem und Washington als antisemitisch und antiamerikanisch gegeißelten Haltung darf die in Tunis lebende Albanese nicht nach Israel und in die USA einreisen.
In einem (auf Italienisch geführten) Interview mit dem Gewerkschaftsverband der Beschäftigten im öffentlichen Dienst Lateinamerikas und der Karibik (CLATE) hat Albanese Mitte September eine Art Geschichtsstunde über die Entstehung des Antisemitismus in Europa und über die Judenvernichtung in den deutschen Konzentrationslagern erteilt. Der Antisemitismus, so Albanese, hat historisch eher nebensächlich mit dem Judenhass zu tun gehabt. Vielmehr sei sein Ursprung der „rassistische Hass auf das Nicht-Weiße, das Nicht-Reine, das Nicht-Christliche“ gewesen. Antisemitismus sei der Hass auf alle „semitischen Völker“ aus dem Orient, mithin auf Juden und Muslime gleichermaßen, so Albanese weiter. Die Juden seien später nur deshalb besonders ins Visier des zunächst allgemeinen Rassenhasses der Europäer auf die Völker des Orients geraten, weil es zu jener Zeit auf dem Alten Kontinent einfach mehr Juden als Muslime gegeben habe.
Geschichtsrevisionismus und krude Definitionen
Als Beleg für diese These führt Albanese in dem Gespräch an, dass nach Zeitzeugenberichten aus den deutschen Konzentrationslagern die Juden auf dem Weg in die Gaskammern als „musulmani“, also als Muslime, bezeichnet worden seien. Etwas überspitzt formuliert, lautet die These Albanese’, dass der judenspezifische Antisemitismus ein verkürztes Missverständnis war und die Nazis mit der Vernichtung der Juden die Muslime gleich „mitgemeint“ hätten.
Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem bezichtigte Albanese des Geschichtsrevisionismus. Sowohl ihre Einlassungen zum Ursprung des Antisemitismus wie auch ihre Deutung des Begriffs „Muselmann“ in den Lagern seien „historisch unzutreffend“. Die International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) erteilte Albanese nun ihrerseits eine Geschichtsstunde: Als im Deutschen Kaiserreich die „Antisemitenliga“ vom Magdeburger Journalisten Wilhelm Marr (1819 bis 1904) im Jahr 1879 gegründet wurde und damit den Begriff des Antisemitismus eingeführt habe, sei dies ein direkter Ausfluss des religiös begründeten Judenhasses gewesen. Das Attribut „semitisch“ hingegen beziehe sich allenfalls auf eine Sprachfamilie, zu der unter anderem das Hebräische und das Arabische gehörten, aber nicht auf Volksgruppen oder Völker.
Mit der Bezeichnung „Muselmänner“ wiederum, deren etymologische Herkunft nicht geklärt sei, habe man im Lagerjargon jene Gefangenen beschrieben, die derart ausgemergelt und geschwächt gewesen seien, dass sie dem Tod geweiht waren und meist direkt ins Gas geschickt wurden, so die IHRA. Es habe sich auf Gefangene im physischen und seelischen Endzustand bezogen, aber keine rassenideologische Bedeutung gehabt. Der italienische Schriftsteller und Auschwitz-Überlebende Primo Levi (1919 bis 1987) erklärte, dass ein „Muselmann“ im Lagerjargon eine Beschreibung gewesen sei für „den unumkehrbar erschöpften, abgemagerten Häftling, der dem Tod nahe war“. Der Begriff beschrieb den Zustand eines Häftlings, er bedeutete nicht, dass die Nazis Juden als Muslime betrachteten oder sie unter dieser Identität in die Gaskammern schickten.
Angesichts des Sturms der Entrüstung gab sich Albanese am Montag einsichtig und teilte auf ihren Kanälen der sozialen Medien umstandslos mit: „Ich entschuldige mich aufrichtig. Ich habe den Begriff ‚Muselmann‘, der in Lagern der Nazis für todgeweihte Häftlinge verwendet wurde, falsch interpretiert. Und ich habe fälschlicherweise angenommen, der Begriff ‚Antisemitismus‘ bezeichne ursprünglich den Hass gegen alle semitischen Völker. In Wirklichkeit wurde er spezifisch geprägt, um Hass gegen Juden auszudrücken.“
