Früher reichten die Vorhänge der Fotoautomaten bis zum Boden. In den engen Kabinen verschwanden verliebte Paare, die dort nicht nur ihr Glück auf Fotopapier festhielten, sondern sich auch zu anderen Gesten der Zuneigung hinreißen ließen. Also wurden die Vorhänge halbiert.
Der Fotoautomat blieb trotz des gekürzten Sichtschutzes ein intimer Rückzugsraum und Ort menschlicher Selbstvergewisserung im Gewirr der Stadtzentren, Hauptbahnhöfe und Einkaufspassagen. Und das bis heute – obwohl sein Überleben immer alles andere als gewiss war.
Ein Comeback ausgerechnet im Digitalzeitalter
Das Mobiltelefon ließ erst die Telefonzelle verschwinden, dann den MP3-Player – und zuletzt auch die Kamera für den Freizeitgebrauch. Mit unseren Handys können wir jederzeit filmen und fotografieren, vor allem uns selbst. Um Porträtfotos zu knipsen, brauchen wir den Fotoautomaten nicht. Höchstens für ein biometrisches.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Aber auch seine Daseinsberechtigung für bürokratische Zwecke hat der Fotoautomat vor rund einem Jahr verloren. Seit 1. Mai 2025 akzeptieren Behörden nur noch digitale Passfotos aus sicherer Quelle, etwa direkt auf dem Amt aufgenommen oder von einem zertifizierten Fotografen angefertigt. Manch einer hatte dem „Apparat zur selbstthätigen Herstellung von Photographien“, wie die deutsche Version der Erfindung 1889 im Reichspatent 51081 vermerkt wurde, spätestens mit dem Inkrafttreten dieser Regel ein rasches Ende prophezeit.
Doch die über ganz Deutschland verteilten rund 2000 (mittlerweile digitalen) Automaten des Marktführers Fotofix scheinen sich immer noch zu rechnen, obgleich ihre Passbilder keinen wirklichen Nutzen mehr haben. Hinzu kommen die zahlreichen analogen Fotokabinen, die ausgerechnet im Digitalzeitalter ein Comeback feiern. In ihrem Inneren arbeiten kleine, automatisierte Fotolabore: Sie belichten und entwickeln die Aufnahmen noch chemisch und spucken am Ende den Streifen mit vier Bildern aus. Seit 2004 hat das Unternehmen Photoautomat allein in Berlin mehr als 30 solcher Zeitmaschinen aufgestellt. Auch in Hamburg, Leipzig, Köln und Wien findet man sie.
Wo kann man das Glück besser festhalten?
Die Unkaputtbarkeit der Fotoautomaten beschränkt sich jedoch nicht nur auf den deutschsprachigen Raum – was uns zu der Frage bringt, die Sie sich womöglich gleich stellen werden: Wer ist der Mann, dessen Gesicht mich von dem Bild unter diesem Absatz in mehreren Versionen von den Passfotos anstarrt?

Das bin ich, der Autor dieses Textes. Die Idee dazu entstand bei einer Redaktionskonferenz. Begeistert berichtete eine Kollegin von einem Trend, über den sie in der „New York Times“ gelesen hatte: Statt Geld für teure Verlobungsbilder auszugeben, setzen sich heute viele Paare in alte Fotokabinen. Während meine Kollegen darüber philosophierten, was es damit auf sich haben könnte, zeigte ich schnell Verständnis: „Wie kann man einen intimen Moment des Glücks besser festhalten als in einem Fotoautomaten?“
Auch ich hatte das schon getan, setze mich aber seit vielen Jahren auch gerne solo in die Kabinen. Immer wenn ich unterwegs Zeit und fünf Euro in der Hosentasche habe und ein Fotokasten in Sichtweite ist, lasse ich mich ablichten. Diese Eigenart stieß auf das Interesse meiner Kollegen. So sollte ich herausfinden, was mich und immer mehr junge Menschen hinter die Vorhänge der Automaten zieht, deren Schicksal eigentlich schon besiegelt schien. Wenn Sie jetzt den Verdacht der Eitelkeit erheben, muss ich widersprechen. Der Fotoautomat ist viel mehr ein Ort für die Kontrolle meiner Unsicherheit als der Eitelkeit.
Mit Fotos, die andere von mir schießen, ganz gleich, ob mit einer alten Leica oder dem neuesten iPhone, fühle ich mich oft unwohl: Die Haare sitzen schlecht, das Gesicht wirkt schief, die Haut unrein, die Wangen zu feist, der Blick zu stumpf. Dasselbe gilt für die meisten Selbstporträts mit der Selfiekamera. Der Fotoautomat vermag es, all diese Zweifel auszuräumen (auch wenn einige hier abgebildete Beispiele nicht ideal für meine Beweisführung sind).
Wir werden wieder Teil des 20. Jahrhunderts
Ein Arbeitskollege fasste die Magie der Fotoautomaten so zusammen: „Sie lassen einen hip aussehen, auch wenn man nicht Truman Capote ist“; dazu schickte er eine berühmte Aufnahme aus einer photo booth, die den Schriftsteller zusammen mit Audrey Hepburn und Mel Ferrer zeigt. Capote, lässig mit Zigarette, lehnt sich an Hepburn, die zwischen den beiden Männern sanftmütig aus dem Bild herausschaut, Schläfe an Schläfe mit Ferrer, ihrem damaligen Ehemann.
Dass auch wir uns wie Capote, Hepburn und Ferrer fühlen können, ist aber kein Zauber, sondern lässt sich erklären: Die körnige Auflösung lässt kleine Makel verschwinden, das Licht trifft uns von vorn, leuchtet uns gleichmäßig aus und macht unsere Züge weicher, ohne dass die Konturen verloren gehen. Hinzu kommt der nicht zu unterschätzende Effekt des Loslassenkönnens: Weder müssen wir selbst den Auslöser oder unsere Position zur Linse kontrollieren, noch werden wir zum Objekt eines Fotografen, der uns nervös macht oder verkrampfen lässt.
Und dann ist da womöglich ein identitätsstiftender Effekt: Wir reihen uns ein in diese ikonischen Aufnahmen, werden Teil des 20. Jahrhunderts, jenes analogen Zeitalters, das wir in unserer beschleunigten, durchdigitalisierten Gegenwart oft nostalgisch verklären. Und kaum eine Maschine steht mehr für dieses Jahrhundert als der Fotoautomat. Was uns wieder zurückbringt zu Capote, Hepburn und Ferrer. Aufgenommen wurde ihr Bild 1957 in einem eigens herangeschafften Automaten im Studio des Fotografen Richard Avedon in New York City.
„Das iPhone hat den Fotoautomaten getötet“
In der amerikanischen Metropole hatte auch die Geschichte des Fotoautomaten, wie wir ihn kennen, begonnen. Der jüdische Immigrant Anatol Josepho, 1894 im sibirischen Tomsk geboren, stellte 1925 einen ersten Prototyp seiner Erfindung auf dem Broadway auf – eine Maschine, die es jedermann erlaubte, sich selbst zu porträtieren. Die Menschen standen Schlange, um sich zu fotografieren. In den engen Kabinen konnte man ganz allein Platz nehmen, quetschte sich mit der Familie hinein oder seiner Liebe, eng aneinandergeschmiegt, Wange an Wange, Kinn auf Kopf, Lippen auf Lippen. Millionen, vielleicht sogar Milliarden der quadratischen Miniaturbilder entstanden in den folgenden Jahrzehnten, ehe der analoge Fotoautomat aus unserer Öffentlichkeit verschwand.
Heute, 100 Jahre später, stehen sie wieder Schlange vor restaurierten Fotokabinen in New York, in Berlin, Wien und Paris. Dass vor allem junge Menschen die Kabinen aufsuchen, viele aus der Generation Z, also geboren, als der Fotoautomat längst ein Relikt vergangener Zeiten war, lässt sich nicht allein durch seine einzigartige Bildästhetik erklären, die man mit Filtern nachahmen kann, sondern auch durch den Wunsch, eine Erinnerung in den Händen zu halten. Denn welchen Wert haben die Zehntausenden digitalen Fotoleichen, die in den Tiefen unserer Clouds versinken und unsere Speicherplätze vermüllen? Wie oft scrollen wir die unzähligen Selfies noch hervor?
„Das iPhone hat den Fotoautomaten getötet“, sagte Jeff Grostern, Erbe eines der größten Unternehmen Kanadas für Fotoautomaten, dem kanadischen Rundfunk vor einigen Jahren. „Die nächste Generation wird ihn nicht mehr erleben – die Kinder unserer Kinder werden nicht wissen, was ein Fotoautomat ist“, prophezeite er düster. Mittlerweile dürfte er seine Meinung geändert haben. Und wer weiß: Vielleicht überlebt der Fotoautomat sogar das iPhone.
