Die Erinnerung an Ost- und Westdeutschland quillt nur so über vor Unterschieden. Da sind Trabant und Käfer, Sozialismus und Marktwirtschaft, Gleichstellung und Entmündigung, Bulgarien und Italien, Russland und die USA. Aber hatten die beiden Gesellschaften wirklich so wenig miteinander überein, oder sind diese binären Gegensatzpaare bloß popkulturelle Konstruktionen, der Osten gar nur eine „westdeutsche Erfindung“, wie es der Literaturwissenschaftler Dirk Oschmann zugespitzt formulierte?
Eine Ausstellung im Kölner Museum Ludwig widmet sich diesem Verhältnis aus einer fotografischen Perspektive. In drei Räumen, mit simplen schwarzen Schriftzügen auf den Wänden, wenig Text und rein fotografisch nimmt die Kuratorin Barbara Engelbach den Alltag im geteilten Deutschland um 1980 in den Blick – ohne Film, Radio, Literatur, oder gar interaktive Bildschirme. Das strahlt in einer immer ephemerer werdenden Medienwelt eine angenehme Simplizität aus. Diese Einfachheit verdichtet eine aufgeheizte Frage wohltuenderweise auf mehreren Stücken Gelatinesilberpapier.
Karl Kugel und Evelyn Richter als wichtige Protagonisten
Die Kuratorin verfolgt mit dem Konzept der Ausstellung ein interessantes Gedankenexperiment. Erst die Bildtitel sollen Aufschluss darüber geben, ob die Fotografien in der Bundesrepublik oder in der DDR entstanden sind. Somit soll sich für Besucher ein Assoziationsraum eröffnen. Ein Blick auf ein Bild, und es fragt sich: Hab ich mir den Alltag dort wirklich so vorgestellt? Tauchen hier Motive auf, Persönlichkeiten, Kleidungsstücke, Straßenschilder, Spielautomaten, Straßenlampen, die mir bekannt oder fremd erscheinen? Muss ich mein Bild des Alltags, egal ob in der einen oder anderen Gesellschaft sozialisiert, oder im geeinten Deutschland aufgewachsen, hinterfragen?

Leider erhält dieses kluge Gedankenexperiment mit der Präsentation der Ausstellungsbeschreibung im Eingangsbereich einen Dämpfer. Dort werden die BRD-Fotografen David Bennett, Karl Kugel und Henry Maitek, jenen aus dem Umfeld der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, Ute Mahler, Christiane Eisler, Erasmus Schröter und Evelyn Richter, gegenübergestellt. Zusätzlich sind diese Namen in großen Druckbuchstaben an der Wand über den von ihnen gezeigten Fotos aufgeführt. Dadurch entsteht genau das Framing, das Wissen über die Verortung der Fotografen, das die Ausstellung ja eigentlich nicht vorwegnehmen möchte.
Setzmaschine und Stanzpresse
Nichtsdestotrotz erscheinen die Œuvres der Fotografen eher als Einheit. Durch die Ausstellung verläuft keine Wand, alle Fotos, außer dem Fotoessay von Karl Kugel, sitzen in einheitlichen Holzrahmen; sie untermauern für den Zeitraum „um 1980“ eine Einheitlichkeit vor der Einheit. Fragt sich aber, ob der Inhalt der Bilder das einhält, was die Form verspricht.
Einen ersten Ansatzpunkt bieten die eingangs gezeigten Fotos der DDR-Fotografin Evelyn Richter. Richter zeigt weibliche Arbeitsrealitäten; eine Frau etwa sitzt an einer Setzmaschine in einem Verlagshaus, vor schweren Bleisatzlettern, eine andere steht in einer Fabrik vor einer schweren Stanzpresse. Diese Bilder erscheinen dem westdeutsch sozialisierten Rezensenten wie das klassische Narrativ einer sozialistischen Regierung, die die Idee der berufstätigen Frau in „harten“ Männerberufen propagierte. Es kommt wenig überraschend. Aber nicht so schnell.
Wer zählt als deutsch?
Richter lichtet auch eine Straßenszene ab. Zwei Kinder laufen dort und tragen zwei Fahnen. Sind das die Fahnen für eine katholische Kommunionsprozession oder für die Feier der Jugendweihe, für den Marsch einer sozialistischen Jugendorganisation oder für ein Schützenfest? Der Wunsch nach Zugehörigkeit, die Erfahrung der Jugend, des Erwachsenwerdens, des Ausbrechens, des Wunsches nach Freiheit und Entgrenzung ist den Menschen in beiden Gesellschaften gleichermaßen zu eigen; eine Gemeinsamkeit.

Interessant für die Frage der Einheit und Konstruktion von Differenz ist der Titel, den der US-Amerikaners David Bennet für seine Porträtsammlung wählte: „Stille Zwiesprache. Bildnisse von Deutschen“. Berufstätige ausschließlich in Westdeutschland zeigt er, nutzt das Ethnonym „Deutsche“. Sicher sahen sich auch viele Menschen in der DDR als Deutsche. Wie stark sind ostdeutsche Stimmen in der Debatte um das zwischengesellschaftliche Verhältnis eigentlich repräsentiert?
Der Franzose Karl Kugel, der seinen Fotoessay auf einer Reise durch Westdeutschland aufbaute, stellt die viel beschworene Differenz auf eine andere Art infrage. Er schreibt auf einen der Abzüge, darüber ein großes Foto von Kassel Wilhelmshöhe, verschneite Bäume: „Kassel, la ville est grande et ressemble aux villes d’Europe Centrale telles que l’on se les imagine.“
Die Verortung Kassels als einer Stadt Mitteleuropas steht der für die Zeit stark wertenden und politisch und kulturell aufgeladenen Einordnung in „Ost“ und „West“ angenehm kühl und sachlich gegenüber; die Fachwerkarchitektur Erfurts oder jener in Rüdesheim am Rhein, Burgen, die auch Richter fotografiert, Wartburg und Burg Rheinstein, auch all das sind Gemeinsamkeiten, kulturell und architektonisch. Kugel wirft sie mit dem geografischen Referenzpunkt geschickt in den Ring.
Außerdem schreibt er zur kontinentalen Kälte um die Ohren, Schnee, Eis, Skifahren, ein echter Winter. Davon lässt es sich heute oft nur noch träumen. In Ost und West gleichermaßen.
