
Frau Bekeredjian-Ding, in Marburg haben sich gerade Mitglieder des erst ein Jahr alten Europäischen Impfstoff-Zentrums für Pandemievorsorge getroffen. Sie gehören dazu. Was genau ist dessen Aufgabe?
Wir haben während der Corona-Pandemie gesehen, wie lange es gedauert hat, bis Impfstoffe verfügbar waren. Immer wieder ist von der 100-Tage-Mission für solche künftigen Fälle die Rede, aber dafür ist ein Netzwerk aus vielen unterschiedlichen Akteuren nötig. Die Politik denkt nicht mehr über die Pandemie nach und möchte auch nicht unbedingt Geld für Pandemiebereitschaft ausgeben, aber die Europäische Kommission hat entschieden, unser Hub zu finanzieren. Dazu gehören Zentren, die exzellent sind in Forschung und Entwicklung von Impfstoffen, aber auch in Herstellungsfragen. Hinzu kommen Partner aus der Industrie, die es braucht, um Impfstoffe zu produzieren und an die Bevölkerung zu verteilen.
Nun liegt das Ende der Pandemie nicht so lange zurück. Wie erklären Sie sich das erkaltete Interesse der Politik daran?
Das ist doch ganz normal. Wir Menschen wenden uns der Zukunft zu und lassen das Unangenehme hinter uns. Nur haben wir in der Pandemie gemerkt, dass eine bestimmte Vorbereitung auf solche Ereignisse ganz sinnvoll ist. Wir müssen schneller sein als zuletzt und können das auch, weil wir alle technologischen Möglichkeiten und das Geld haben. Allerdings brauchen wir auch geeignete Kommunikationswege und müssen wissen, wer die Experten auf dem jeweiligen Gebiet sind. Zudem müssen wir den Ernstfall üben, die Kommunikationswege ausprobieren und sicherstellen, dass die technologische Infrastruktur funktioniert.
Eine Pandemie nimmt keine Rücksicht auf Staatsgrenzen. Zu Ihrem Hub zählen aber Einrichtungen aus nur sieben europäischen Ländern.
Das ist nur das Herzstück. Wir wollen uns in ganz Europa und in der Welt verlinken. Nur so entsteht ein Netzwerk. Wir haben zudem von Anfang an bereits fast 50 Interessensvertreter aus anderen europäischen und internationalen Staaten für den Verbund gewinnen können, die auch an solchen Themen arbeiten. Zum Kern gehören in der Corona-Pandemie gegründete staatliche Einrichtungen wie die Fondazione Biotecnopolo di Siena, die Impfstoffe entwickelt, Vaccinopolis an der Universität Antwerpen, das für die klinische Studien steht, und im Rhein-Main-Gebiet das Zentrum für Pandemie-Impfstoffe und -Therapeutika am Paul-Ehrlich-Institut …
… das Sie mit aufgebaut haben.
Genau, das habe ich mitgegründet. Das kurz ZEPAI genannte Zentrum hat in der Pandemie die Impfstoffe verteilt und für die Bundesrepublik die Pandemiebereitschaftsverträge mit Impfstoffherstellern geschlossen und sorgt jetzt dafür, dass diese mit Leben gefüllt werden.
Nun schreibt sich das Hub schon nach einem Jahr mehrere Erfolge zu, darunter die Entwicklung eines humanen monoklonalen Antikörpers gegen Affenpocken (Mpox) und Industriepartnerschaften mit dem Pharmakonzern Sanofi und mit Biontech zur Entwicklung von Impfstoffen gegen die Vogelgrippe und Mpox. Ist dies wirklich alles seit Mai 2025 gelungen?
Das sind alles neue Projekte. Unser Team arbeitet mit der neuen Behörde für Pandemiebereitschaft bei der EU, HERA, zusammen. HERA entscheidet mit, um welche Krankheitserreger wir uns kümmern, und kann gezielt Gelder zur Verfügung stellen, wenn die Entwicklung eines Impfstoffs besonders wichtig ist. Um diese Finanzierungen können wir uns bewerben. Wir beschäftigen uns mit Affenpocken und Influenza, jetzt auch mit Hanta- und Ebola-Viren, obwohl von ihnen keine Pandemie droht. Diese Viren können allerdings auf den Menschen übergehen und stellen aktuell Bedrohungen für viele Menschen dar. Beim aktuellen Fall von Hanta auf dem Kreuzfahrtschiff wurde auch die Übertragung von Mensch zu Mensch gesehen. Das erschreckt natürlich. Wir beraten HERA in solchen Fällen und klären, welche Impfstoffe und Antikörper es gibt, die eingesetzt werden könnten. Wir wollen mit unserer Arbeit Europa stärken und hier die Produktion von Impfstoffen sicherstellen, um nicht auf andere Regionen angewiesen zu sein.
Stichwort Kommunikation: Gerade auf Social Media und verwandten Kanälen wird eine Menge Unsinn verbreitet, wie der Hanta-Fall jüngst gezeigt hat. Gibt es einen Kniff, mit belastbaren wissenschaftlichen Fakten durch dieses Gewirr zu dringen – gerade mit Blick auf die während Corona vielfach geäußerten Zweifel an der Wissenschaft?
Es gibt tatsächlich Parallelen zur Corona-Pandemie. Abermals ist sehr schnell und viel kommuniziert worden. Es blieb wenig Zeit, in Ruhe darüber nachzudenken, was getan werden könnte und sollte. Klar ist, dass wir es hier nicht mit einer Pandemie zu tun haben. Die Hanta-Patienten können gut versorgt werden. Epidemien kommen übrigens häufiger vor als Pandemien, sind aber in ihrem Wirkungskreis eingeschränkt, und Hanta kommt natürlich auch in anderer Form in Süddeutschland dauerhaft vor, ist also endemisch.
Es handelt sich dabei um eine bestimmte Art, die wir bei Mäusen wiederfinden. Nierenspezialisten beschäftigen sich damit. Denn Menschen, die Hanta-Viren mit Kot von Nagern verunreinigten Staub einatmen, können an Nierenfunktionsstörungen erkranken. Man nennt das endemische Nephropathie. Von Mensch zu Mensch ist Hanta in Deutschland aber nicht übertragbar, und Puumala ist ein anderes Virus als das, welches gerade für Aufsehen gesorgt hat.
Das Hub soll die Reaktionsfähigkeit im Pandemiefall stärken, aber auch vorausschauend wirken. Lassen sich solche Ereignisse wie Corona vorhersehen?
Die Influenza bringt immer wieder die Gefahr einer Pandemie mit sich, wie bei der Vogelgrippe befürchtet oder bei der Schweinegrippe vor einigen Jahren erlebt. Dagegen schützen Impfstoffe, wenn sie rechtzeitig erhältlich sind. Mein Ansatz für das Hub ist aber eher, agnostisch an Pathogene heranzugehen und auf ganz unterschiedliche Szenarien vorbereitet zu sein.
Dass die zur Entwicklung von Impfstoffen verfügbare Technologie idealerweise unabhängig vom Krankheitserreger bereitsteht. Und dass wir Ingenieure haben, die Werke betreiben und Impfstoffe herstellen können. Wir müssen zudem wissen, welche Art von Impfstoff wir herstellen lassen möchten. Wenn wir die für das Immunsystem erkennbaren Moleküle auf den Oberflächen von Viren kennen, können wir die Technologie auf den jeweiligen Krankheitserreger anpassen, in einer Art Baukastensystem Impfstoffe zusammenstellen und mit KI auch voraussagen, ob sie wirken könnten.
Ist Europa im Vergleich zur Zeit vor Corona nun gut aufgestellt für die Entwicklung neuer Impfstoffe gegen Pandemien?
Wir sind gut aufgestellt, aber wir müssen auch erhalten, was wir haben und was durch die Corona-Pandemie gerade in Deutschland aufgebaut wurde. Impfstoffe, die zwei oder drei Mal je Person gegeben werden und dann nicht mehr, sind für Pharmafirmen wirtschaftlich nicht reizvoll. Mit ihnen verhält es sich anders als mit Diabetesmitteln oder Blutdrucksenkern. Zudem sind die Entwicklungskosten bei Impfstoffen sehr hoch. Das gilt praktisch für alle Impfstoffe. Nicht zuletzt scheitern immer wieder Produkte in den klinischen Studien. In anderen Fällen ist der Krankheitserreger hier nicht präsent, und man muss entscheiden, ob sich Studienergebnisse aus anderen Weltregionen auf die hiesige Bevölkerung übertragen lassen, damit der Impfstoff zugelassen werden kann, oder man muss sogar warten, bis eine Epidemie auftritt.
Wie kann das Interesse an der Impfstoffentwicklung hochgehalten werden?
Der Markt wandelt sich gerade. Entwickler müssen angesichts der wirtschaftlichen Risiken um ein hohes öffentliches Interesse an mehr Impfungen wissen. Die öffentliche Hand wiederum hat im Zuge der Corona-Pandemie verstanden, dass sie Verantwortung übernehmen muss. Entwicklungen werden vermehrt durch öffentlich-private Partnerschaften oder zunächst von Hochschulen vorangetrieben, die ein breites Portfolio mit ganz unterschiedlichen Infektionserregern und Technologien haben können.
So wie die Uni Marburg während der Corona-Pandemie an einem eigenen Impfstoff arbeitete.
Die Uni Marburg hat eine sehr langjährige Geschichte und verfügt als Folge der Marburg-Virus-Epidemie über ein Hochsicherheitslabor. Die Forscher dort dürfen Viren bearbeiten, wenn andere das noch nicht dürfen. Dadurch sind sie häufig an Impfstoffentwicklungen beteiligt.
Ein Standortvorteil von Marburg ist noch die Biontech-Fabrik zur Produktion von Impfstoffen. Sie steht vor dem Aus. Wie bewerten Sie das mit Blick auf die Versorgungssicherheit in künftigen Pandemien?
Entscheidend ist die Möglichkeit zur ausreichenden Produktion in Europa. Ich gehe zwar von offenen Grenzen aus. Aber wir können nicht davon ausgehen, dass dies auch für die gesamte Welt gilt. Ruanda, Südafrika und andere Länder ziehen deshalb eigene Fabriken zur Produktion auf. Vielleicht übernimmt eine andere Firma das Biontech-Werk. Ein Vorteil wäre, dass die Fachkräfte schon da sind. Bis 2027 bleibt allerdings die Pandemiebereitschaftslinie zur Herstellung von mRNA-Impfstoffen auf jeden Fall erhalten.
Sind Pandemien eigentlich zu verhindern?
Wahrscheinlich nicht. Wir werden besser in der frühen Erkennung. Aber ob die öffentliche Hand dann schnell genug alle notwenigen Schritte einschließlich Maskenpflicht und Lockdown geht, ist nicht klar. Das hat schon die Corona-Pandemie gezeigt.
Seit Corona schauen auch vernünftige Menschen mehr auf die recht wenigen Impfschäden als auf den Nutzen. Dazu zweifeln nicht nur Querdenker die Expertise von Wissenschaftlern an. Beunruhigt Sie das?
Nein. Wir leben in einer Demokratie. Ich glaube, dass es wichtig ist, dass sich jeder eine Meinung dazu bildet und wir eine gesellschaftliche Debatte führen. Vielleicht haben wir das verlernt. Es gibt immer unterschiedliche Meinungen. Wir müssen das akzeptieren, dürfen aber auch argumentieren.
Wir haben gefühlt 80 Millionen Fußballtrainer. Kann es auch 80 Millionen Virologen geben?
Auch wer fachlich sehr gut ist, kann nicht alles. Ich wünsche mir mehr Dialog über Wissenschaft. Forschung ist etwas Rationales, mit Politik und Impfstoffen sind dagegen viele Emotionen verbunden. Wir müssen einander mehr zuhören. Auch Wissenschaftler müssen mehr zuhören, wenn Bedenken geäußert werden, und allgemeinverständlich darauf antworten.
Zur Person
Isabelle Bekeredjian-Ding ist Professorin für Medizinische Mikrobiologie und Leiterin des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene in Marburg. Wie sie sagt, begeistert sie sich für Innovation im Bereich Impfstoffe und Antiinfektiva und vermittelt dieses gerne im Rahmen meiner Lehrtätigkeit und Forschung. Bekeredjian-Ding hat im Zuge der Corona-Pandemie das Zentrum für Pandemie-Impfstoffe und -Therapeutika am Paul-Ehrlich-Institut mitbegründet und leitet die für Zulassung und Herstellung von Impfstoffen zuständige vierte Säule des European Vaccines Hub für Pendemic Readiness.
