Was wäre die Formel 1 ohne Max Verstappen? Um einen besonderen Piloten und einen Freigeist ärmer. Der viermalige Weltmeister fiel am Wochenende in Silverstone zwar nicht mit seinen üblichen Steuerkünsten auf. Aber er sprach den Prolog und versuchte sich auch am Epilog zum Großen Preis von England.
Erst kündigte er die große Langeweile an, weil die Strecke das Batterieladeproblem wieder in den Mittelpunkt rücke und damit Überholmanöver vor lauter Schwäche. Als sich drei Tage später der Staub gelegt hatte kurz vor Ende des Rennens, hörte die Welt via Funk Verstappens Nachruf: „Verfluchtes Auto. Mist! Unglaublich.“
Großes Verständnis für den Frust eines Champions: Wer plötzlich so tief im Kies neben der Piste vergraben, ein paar Ründchen vor dem Finale, die Aussicht auf Rang drei verliert, trägt sein Herz auf der Zunge. Immerhin leistete die Fahrgemeinschaft Verstappen/Red Bull ihren Beitrag zum letzten Spannungsmoment eines – entgegen der Vorhersage – unterhaltsamen, aufregenden Grand Prix. Was sehr direkt mit der von Verstappen verabscheuten Antriebsreform zu dieser Saison zu tun hat. Sie provoziert Fehler am laufenden Band.
Defekte als Teil des Spiels
Das im vergangenen Jahr noch als Zukunftsprojekt verkaufte Modell eines Antriebs mit annähernd gleich starkem Verbrenner- und Elektromotor ist zwar wegen der Überarbeitung für 2027 und der avisierten Abschaffung schon auf dem Weg in die Tonne. Aber in der Gegenwart wirkt es belebend, wie einst in den Neunzigern, als Piloten so inständig wie mitunter vergeblich hofften, Boliden ohne Auflösungserscheinungen ins Ziel zu bringen. Da platzten die Motoren gerne – mitten hinein in manche voreilige Champagnerrunde unter Konzernvorständen. Mit dem Ende der Formel Superverschwendung (mehr als 200 Motoren pro Jahr) zog die Formel Zuverlässigkeit (vier pro Jahr ohne Strafe) ein. Wer souverän führte, verwaltete.
Heute horchen die Fahrer wieder angestrengt und nervös in ihre Boliden. Oder fragen sich empört, wie Verstappen, ob der dritte Abflug in dieser Saison wegen eines technischen Defektes nun Teil des Spiels ist. Was hat Charles Leclerc am Sonntag auf den letzten Metern gebangt um Form und Fassung seines Ferrari, bevor er nach zwei Jahren endlich wieder siegte? Glück gehabt?

Zum Schluss ein bisschen. Weil nach Verstappens Heckflügelschwäche das Safety-Car alle auf Schleichfahrt ins Ziel führte, ohne George Russell (Mercedes/Zweiter) und Lewis Hamilton, Dritter im zweiten Ferrari, noch eine letzte Attacke gönnen zu dürfen.
Leclerc wäre nicht so heiter davongeflogen, wenn die neue komplexe Technik als Folge der Regelreform, wenn der Druck, ganz vorne fahren zu müssen, das Entwicklungstempo der Konkurrenz nicht die meisten Teams in Fehler trieben, Debütanten wie Favoriten. Zur Abwechslung stoppte diesmal ein gebrechliches Getriebe Nico Hülkenbergs Audi, das erste Formel-1-Modell der Deutschen. Der Shootingstar im Mercedes, Kimi Antonelli, wähnte sich als Zweiter bereits auf dem Weg vorbei an Leclerc zum sechsten Sieg, als ihn eine gebrochene Radverkleidung gewaltig bremste (16.). Schon in Barcelona hatte ihn „das Auto verlassen“.
In Verstappens Fluch steckt mehr Segen als Verdammnis, solange die Rennställe die Folgen der Regelreform nicht in den Griff bekommen: Antonellis Vorsprung in der Fahrerwertung schrumpfte am Sonntag auf 25 Punkte vor Russell und auf 32 vor Hamilton. Ferrari sitzt Mercedes im Nacken – nach neun von wenigstens 22 Rennen.
