
Und dann die erlösende, beflügelnde Nachricht: „Du bist auf Pole!“, rief der Renningenieur von Kimi Antonelli dem Mercedes-Piloten zu. Der schrie vor Freude zweimal ins Bordmikrofon, „wow, wow, was für eine Runde“. Atemraubend – seine Stadtrundfahrt in Monaco. Der Italiener schien schon geschlagen von Max Verstappen im Red Bull. Doch im letzten Moment setzte er sich beim Qualifikationstraining für den Großen Preis von Monaco (Sonntag, 15 Uhr MESZ/Sky/RTL) vor die Nase des viermaligen Weltmeister, um gut vier Hunderstelsekunden schneller: „Ja, das war eine der Runden, die man wohl als magische bezeichnet. Es war so eng mit Max. Im ersten Versuch lagen wir nur eine Tausendstelsekunde auseinander. Aber ich wusste, es geht noch was“, sagte Antonelli.
Am Samstagvormittag ließ er erstmals erkennen, dass die Kombination von Silberpfeil und Jungspund auch in Monaco zum Besten der gegenwärtigen Formel 1 gehört. Vier Siege in Serie sind ihm gelungen. Die Bestzeit in Monaco adelt nach einem Missgeschick vor einem Jahr bei der großen Sause durch das Fürstentum besonders: „Eine Runde für die Geschichte“, sagte Mercedes’ Teamchef Toto Wolff mit Blick auf das große Risiko, bei der Stadtrundfahrt wegen eines winzigen Fehlers den Boliden in Einzelteile zu zerlegen. „Wahrscheinlich ist es das intensivste Qualifying des Jahres hier“, erzählte Antonelli begeistert, „man muss immer ganz, ganz eng ans Limit, die Mauer kommt immer näher. Es ist schwer, das richtige Selbstvertrauen aufzubauen.
Hamilton gratuliert zum „Megajob“
Beim Blick zurück am Sonntag vor dem Start wird Antonellis Selbstbewusstsein eher noch steigen. Da steht eine Generation Top-Piloten hinter ihm. Den Rekordpiloten der Formel 1 ließ der 19jährige Steuerkünstler gar Dreizehntelsekunden hinter sich. Prompt gratulierte Lewis Hamilton aus vollem Herzen: „Kimi hat einen Megajob gemacht. Die erste Pole hier zu holen, ist etwas ganz Besonderes. Wir waren nicht mehr ganz so stark, das müssen wir uns anschauen. Ich habe alles gegeben, war super nah an der Mauer. Ich genieße es.“
Sein Teamkollege schaute eher ernüchtert aus der Wäsche. Charles Leclerc galt als Favorit in seiner Heimatstadt. Als Vierter, geschlagen vom Teamkollegen, von Verstappen und vor allem vom Shootingstar der Formel 1, bleibt ihm nicht viel Spielraum, am Sonntag als Erster ins Ziel zu kommen. Es sei denn, Ferrari kommt so gut in die Gänge, wie es Verstappen fürchtet: „Ich bin schon sehr happy, in der ersten Startreihe zu stehen. Aber die Autos sind kompliziert und die beiden hinter mir starten sehr gut. Mal sehen.“
Der Meister der Attacke und der Selbstverteidigung am Lenkrad wird sich vorbereiten.
Dagegen wirkte George Russell als Sechster hinter Isack Hadjar im zweiten Red Bull nicht nur ratlos. Der Engländer fährt den mehr oder weniger selben Rennwagen wie Antonelli. Jüngst in Kanada bremste ihn nur ein Motorschaden, den Sieg vor Augen. Russell sah sich am Zug jetzt in Monaco, wo die Erfahrung zählt, wo sich der Pilot mit Sinn für die technischen Details, für die komplex wie heikle Abstimmung des Autos peu á peu ans Limit und die Leidplanken herantasten kann, bis nur noch ein Zentimeter Platz bleibt wie in der Tabac-Kurve. Russell-Terrain, eigentlich.
Ernüchterung bei Hülkenberg
„Es hat nicht Klick gemacht“, sagte er dem TV-Sender Sky: „Ich weiß nicht warum, das ist ein bisschen verwirrend, ich weiß nicht, was da läuft. Meine Qualifying-Performance war schon das ganze Jahr nicht stark.“ Auch in Monaco geschlagen zu werden von Antonelli (0,4 Sekunden schneller) spricht nicht unbedingt gegen den Briten, aber gewaltig für das Potential und die zukünftige Stellung des Italieners im Team. Gewinnt der am Sonntag, baut er seine Führung nicht nur nach Punkten aus.
Und Nico Hülkenberg? Stieg ernüchtert aus seinem Audi. Im Training am Freitag und am Samstagmittag sah es nach einem Sprung des deutschen Teams in die Top-Ten aus. Aber der einzige deutsche Fahrer im Feld konnte nicht anknüpfen an die ermutigende Vorstellung: 13. Dazu kam das Missgeschick seines Teamkollegen Gabriel Bortoleto. Vor den Augen von Audi-Vorstand Gernot Döllner verschätzte sich der Brasilianer auf dem Weg in die Hafenschikane nach dem Tunnelausgang. Dort erreichen die Boliden ihr höchstes Tempo, etwa 290. Bortoleto touchierte nach der Bremsphase beim Einlenken mit dem linken Vorderrad die Streckbegrenzung. Schon wurde sie zur Leid-Planke. Die Radaufhängung brach: 16. statt eines Mittelfeldplatzes mit Aussicht auf WM-Punkte.
Audi sieht sich als Formel-1-Novize laut Göllners Erläuterung am Freitag im Fahrerlager in einer guten Position. Immerhin genießt das in Hinwil bei Zürich gebaute Chassis einen guten Ruf unter den Teams. Umso erstaunlicher, dass Aston Martin nach seiner Aufrüstung unter anderem mit dem Star-Designer Adrian Newey weit hinterherfährt. Der zweimalige Weltmeister Fernando Alonso kletterte nach dem ersten Durchgang aus dem Cockpit – als 21. mit zwei Sekunden Rückstand vor Augen. Da war der Nachmittag gelaufen. Und die Saison ist es auch.
