Es sind die kleinen Inszenierungen, die auf der großen Bühne des Fahrerlagers über die Befindlichkeiten der Formel 1 Auskunft geben. Vor dem Großen Preis von Österreich (15 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1 und bei Sky) zieht Lewis Hamilton das Tempo seiner Neuerfindung zu Beginn des zweiten Saisondrittels merklich an. Spätestens seit seinem ersten Sieg in Rot am vorvergangenen Wochenende in Barcelona hat der Rekordchampion das Momentum auf seiner Seite und zieht die Scuderia mit.
Diese Stimmung drückt sich, ganz untypisch, nach außen hin durch konsequentes Understatement aus. Plötzlich erscheint selbst dem bisher so überlegenen Branchenführer Mercedes die italienische Konkurrenz als Gefahr, was bei Ferrari als glatte Übertreibung gewertet wird. In der Königsklasse des Motorsports, deren Faszination sich auch aus einem gelegentlich übersteigerten Selbstbewusstsein nährt, will plötzlich keiner mehr Favorit sein. Hamilton läuft plötzlich nicht im gewohnt modischen Zwirn, sondern im schlichten Rennoverall hinter den Boxengaragen entlang.
Das könnte als Gewöhnung an die erwartete Hitze in der Steiermark ausgelegt werden, aber es ist auch ein Zeichen: Seht her, der Athlet ist zurück, als WM-Zweiter mit 41 Punkten Rückstand auf den Mercedes-Musterschüler Kimi Antonelli wittert er seine Chance.
Der jüngste seiner 106 Siege bringt den siebenmaligen Weltmeister auch zurück zur alten Selbstverständlichkeit. Als Ferrari zur Medienrunde bittet, lümmelt sich Hamilton ganz entspannt und mit großer Selbstverständlichkeit auf den Barhocker, hat schon das Mikrofon in der Hand, als ihm hektisch ein Teambediensteter bedeutet, dass jetzt nicht er, sondern zunächst sein Kollege Charles Leclerc an der Reihe ist. Hamilton räumt mit einem herausfordernden Lächeln den Platz, freut sich im Weggehen darüber, wie zufällig einen weiteren Nadelstich gesetzt zu haben.
Leclerc wird später nur sagen, dass er sich nichts mehr wünscht als endlich wieder ein sorgenfreies Wochenende. Wissend, dass nicht der Rennwagen vom Typ SF-26 das Problem ist, sondern eher er selbst. Jetzt kämpft er mit einer Fahrzeugabstimmung, die jener von Hamilton nachempfunden ist, um den Anschluss. Der Monegasse weiß, dass der interne Rivale mit seinem ersten Erfolg im Ferrari ein Zeichen für sich und die Formel 1 gesetzt hat.
George Russell, der neun WM-Punkte hinter Hamilton liegt und bis zum vorletzten Jahr dessen Teamkollege war, sagt anerkennend: „Es ist schön zu sehen, dass Lewis wieder das tut, was er am besten kann. Das zeigt auch, dass man das Rennfahren nicht über Nacht verlernt. Du brauchst die richtige Mannschaft, das richtige Set-up, alles muss passen. Wenn es dann ,Klick’ macht, fliegst du allen davon. Deshalb sind er und Ferrari für uns momentan die größte Bedrohung.“
Wenn das Auto mit dem besten Chassis im Feld hält, was es verspricht, kann Hamilton mit 41 Jahren noch einmal um einen achten Titel kämpfen. Der Brite weiß genau, wem er das zu verdanken hat, er verbrachte zuletzt zwei Tage in Maranello, wo die Entwicklungsabteilung der Gestione Sportiva nach Plan ein technisches Upgrade nach dem anderen ersinnt. Was so harmlos als Facelift verkauft wird, ist ein kompletter Umbau vom Frontflügel bis zum Diffusor im Heck.

Dem Einfallsreichtum scheinen wenig Grenzen gesetzt, es wurden sogar neue Felgen für die Hinterachse angefertigt, um die heiße Luft effizienter von den Reifen wegzuführen und so für weniger Gummiverschleiß zu sorgen. Stimmt das Gesamtkonzept eines Autos, addieren sich solch vermeintliche Kleinigkeiten zu einem Vorteil.
Einer wie Hamilton, mittlerweile in seiner 20. Formel-1-Saison, spürt intuitiv, wenn etwas geht. „Alle im Team geben Gas“, sagt er zufrieden, und bei seinem jüngsten Besuch in Italien habe er schon beim Zöllner am Flughafen gespürt, wie sich die positive Grundstimmung auch außerhalb der Scuderia ausbreite. Was seinen Dienstwagen angeht, ist er in Spielberg voll des Lobes: „Es fühlt sich einfach großartig an, jetzt ein Auto zu haben, das genau meinen Vorstellungen entspricht. Sie haben mir wirklich zugehört.“ Ferrari hat seine konservative Linie verlassen.
Kompliment von Mercedes
Neue Regeln, neue Ansätze, neues Mindset. Mercedes-Teamchef Toto Wolff attestiert seinem ehemaligen Schützling wieder die alte Stärke, „die Dynamik innerhalb des Teams scheint auch zu stimmen“. Es ist eines der wenigen Komplimente, dass auch Ferraris Kommandeur Fred Vasseur anzunehmen bereit ist: „Wir kennen uns jetzt alle besser, und wir verbessern uns.“ Dazu passt Hamiltons Schwärmerei von seinem neuen Renningenieur. Carlos Santi hat die Rolle seit dieser Saison übernommen. Schon fühlt sich Hamilton so erstklassig betreut wie einst während der Siegesserie mit Mercedes.
Vasseur ist gewieft genug, die eigene Rolle bei diesem Comeback herunterzuspielen: „Es ist Lewis, sein ungeheurer Wille, ganz neu anzufangen.“ Sein großes Engagement macht allen Druck – und wenn so etwas von einem Weltmeister kommt, dann wirkt das nochmal mehr. Er ist eine Motivation für alle.“ Nach sechs Mercedes-Erfolgen hintereinander ist die Serie unterbrochen worden. Der achte WM-Lauf muss zeigen, ob es tatsächlich schon ein Durchbruch war.
Nach den laufenden aerodynamischen Verbesserungen soll in Österreich die erste Ausbaustufe des Motors debütieren. Zwei solcher Upgrades sind Ferrari über die Saison zugestanden, Mercedes nur einer. Verfügt haben dass die Aufseher des Automobilweltverbandes FIA, die die tatsächliche Stärke der neuen Motorengenerationen bei jedem Hersteller gemessen haben und nun für einen ausgeglicheneren technischen Wettbewerb sorgen wollen.
Das könnte Ferraris Trumpf werden. „Es wird nicht die ganze Lücke schließen können“, sagt Hamilton über das Nachrüsten, „aber es ist ein Schritt.“ Toto Wolff würde einem Titelkampf mit dem Engländer am liebsten aus dem Weg gehen: „Wir wissen ja, zu was er fähig ist, wenn er Blut geleckt hat. Dann ist er kaum zu stoppen.“ Hamilton begegnet der neuen Chance mit Respekt: „Ich glaube, die Chance ist da. Aber es ist eine Sache, sie zu haben, und eine ganz andere, sie zu nutzen. Dazu braucht es den absoluten Einsatz aller bis zum Saisonende, um überhaupt mithalten zu können. Aber unmöglich ist das nicht.“
