
Es ist ein starker Gegner, mit dem es die Formel 1 heute bei ihrem Neustart zu tun bekommen könnte: die Naturgewalten Floridas. Der Große Preis von Miami heute wird wegen drohender Gewitterstürme in Absprache mit Veranstalter und Behörden deshalb um drei Stunden vorverlegt (19.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1 und bei Sky). Eine weitere unberechenbare Komponente an einem Rennwochenende, dass ohnehin schon von vielen sportlichen Überraschungen geprägt war.
Was die Statistik angeht, ist Mercedes-Pilot Kimi Antonelli bereits angekommen im Kreis der ganz Großen. Der Italiener startet in Miami Gardens von der Pole-Position. Der ersten Pole-Position gleich zwei weitere hintereinander folgen zu lassen, das haben in der Königsklasse nur Ayrton Senna und Michael Schumacher geschafft. Ein Hattrick im improvisierten Miami Autodrome, der am Samstagmittag im Sprintrennen noch nicht absehbar war, als der 19-Jährige nur als Sechster gewertet worden war. „Es ist fantastisch, dass ich nach einem schwierigen Beginn des Tages so zurückkommen konnte.“ Für Lando Norris im McLaren, der wie im Vorjahr auf der Kurzstrecke vor seinem Teamkollegen Oscar Piastri siegreich war, ging es umgekehrt – der Brite startet nur als Vierter. Wie munter die erste Qualifikation nach fünf Wochen Pause alles durchmischt, zeigt sich aber vor allem an dem bislang so enttäuschten und enttäuschenden Max Verstappen: Der Niederländer steht neben Antonelli in der ersten Reihe, lediglich 0,166 Sekunden fehlten ihm mit dem Red-Bull-Ford zur Sensation. Mercedes hat als einziges der Top-Teams für den vierten WM-Lauf keine großen technischen Upgrades vorgenommen.
Dass es plötzlich so munter in der Königsklasse zugeht, nachdem wochenlang eine Krise herbeigeredet worden war, hat weniger mit den Regelanpassungen für das Qualifying zu tun. Grundsätzlich aber goutieren die Piloten, dass sie pro Runde deutlich weniger Zeit mit dem Batterieaufladen und wieder mehr Momente am Limit verbringen können. Titelverteidiger Norris, zu Saisonbeginn mindestens so gebeutelt wie Max Verstappen, bezeichnete nach seinem Comeback auf dem Podium das eilige Regel-Tuning als einen Schritt in die richtige Richtung: „Im Cockpit fühlt sich alles etwas normaler an jetzt, wir können wieder konstanter ans Limit gehen.“
Den ersten Stresstest hat das verfeinerte Reglement damit bestanden. Das Rennen wird weitere Aufschlüsse geben, ob auch die Gefahr der hohen Geschwindigkeitsüberschüsse gebannt ist. Vorausgesetzt, es kann uneingeschränkt gefahren werden. Der angesagte Starkregen könnte die Strecke, die sonst als Parkplatz für das Football-Stadion dient, schnell überfluten. Vor allem aber sind die Fans auf den Stahlrohrtribünen gefährdet, wenn Gewitterzellen nahen. Die US-Behörden werden nicht zögern, das Publikum zu evakuieren und den vierten WM-Lauf unter- oder abzubrechen. Was die Fahrer angeht, erwartet Lando Norris „ein noch größeres Chaos”, falls es zu einem Regenrennen kommen sollte.
Verstappen sorgt für die Überraschung des Wochenendes
Es wäre jammerschade, wenn das Publikum durch irreguläre Bedingungen um das sich offensichtlich verändernde Kräftemessen gebracht würde. Dass McLaren sein Auto grundlegend aerodynamisch überarbeitet hatte, war bekannt. Dass Ferrari einen sich drehenden Heckflügel bringt, der in Anlehnung an eine spanische Tanznummer „Macarena“ genannt wird, auch. Aber dass Red Bull Racing sein Auto ebenfalls so runderneuert, dass ein sichtlich besser gelaunter Max Verstappen nach der bisher besten Samstagsleistung in dieser Saison davon spricht, endlich wieder Licht am Ende des Tunnels zu sehen – das ist die Überraschung des Wochenendes. Teamchef Laurent Mekies spricht bescheiden davon, das man eben die Hausaufgaben gemacht habe. Erst auf Nachfrage gesteht der Franzose: „Wir haben das Auto auf den Kopf gestellt und um 360 Grad gedreht.“ Inklusive des gleichen Flügeltricks wie Ferrari, hier allerdings „Maxarena“ getauft. Verstappen spürt die Konsequenz: „Endlich habe ich das Auto wieder im Griff, und beginne wieder mich wohlzufühlen. In der ersten Reihe zu stehen, ist mehr, als ich erwarten konnte.“
Für WM-Spitzenreiter Kimi Antonelli, der einmal mehr seinen erfahrenen Teamkollegen George Russell (Startplatz fünf) im Griff hatte, kommt es vor allem auf den Start an – den hat der Teenager bisher regelmäßig versemmelt. Man muss seinen Rennstallchef Toto Wolff nur auf das Thema Kupplung ansprechen, und schon verzieht dieser das Gesicht. „Ich hatte ein fantastisches Qualifying und hoffe, es funktioniert mal“, sagt sein Schützling. Die bislang besten Starts hat immer Ferrari hingelegt, Charles Leclerc lauert als Dritter in der zweiten Reihe, Lewis Hamilton als Sechster in der Paarung dahinter.
Für Audi-Renndirektor Allan McNish war das Debüt auf seinem neuen Posten bislang eins zum Vergessen. Aus Nico Hülkenbergs Dienstwagen stieg auf der Fahrt in die Startaufstellung beim Sprint Rauch auf, dann züngelten Flammen aus dem Heck, irgendwo waren Flüssigkeiten ausgelaufen – der Emmericher war damit draußen, bevor es losging. In der Qualifikation schlug dann am Auto von Teamkollege Gabriel Bortoleto, der als Letzter eher gemütlich seine Runde drehte, Feuer aus der Bremse am linken Hinterrad. Hülkenberg verpasste nach einem eiligen Motorwechsel als Elfter abermals die Top Ten. Die Technik, vor allem im Getriebebereich, aber auch die Abläufe im Team rund um den zweiten deutschen Silberpfeil scheint noch nicht gefestigt genug. Das unterstreicht auch die nachträgliche Disqualifikation von Bortoleto im Sprint, der Ladedruck im Motor war zu hoch gewesen. McNish hat immer schon die relativierenden Floskeln für solche Fälle parat, der Schotte sprach von einem „herausfordernden Tag“.
