Im August des Jahres 410 nach Christus drang ein gotisches Heer unter Alarich in die Stadt Rom ein. Drei Jahre lang wurde das einstige Zentrum des römischen Weltreichs geplündert, Hunderte Menschen starben, dann zogen die Goten wieder ab. Ihre Beute nahmen sie mit nach Süditalien und von dort ins südliche Gallien, wo sie sich dauerhaft niederließen.
Schon kurz nach dem Ereignis begannen seine Zeitgenossen damit, es zu deuten. Ihre Interpretationen waren, wie Mischa Meier und Steffen Patzoldt in ihrer Studie „August 410“ gezeigt haben, sehr unterschiedlich. Während der Kirchenvater Hieronymus in seinem Exil in Palästina klagte, „das strahlendste Licht aller Länder“ sei ausgelöscht, „des Römischen Reiches Haupt abgeschlagen“ und „in einer Stadt der gesamte Erdkreis zugrunde gegangen“, wiegelte sein Kollege Augustinus ab: Plünderungen seien eben Kriegsbrauch, dagegen müsse man begrüßen, dass die Barbaren Kirchen und Klöster verschont hätten, was „dem Namen Christi“ zu verdanken sei. In einer Predigt erinnerte er daran, dass schon Nero seine Hauptstadt in Brand gesetzt habe: Rom sei es gewohnt, zu brennen.
So ging das jahrhundertelang. Aber die Debatte zwischen Apokalyptikern und Pragmatikern änderte nichts daran, dass Alarichs Eroberung ein Zeichen gesetzt hatte: Rom war gefallen, zum ersten Mal seit nahezu achthundert Jahren. Der Mythos seiner Unbesiegbarkeit war dahin. 455 wurde die Stadt ein zweites Mal geplündert, diesmal von den Vandalen. Von da an war sie ein militärisches Ziel wie andere auch. Sie blieb die Stadt der Päpste, aber sie bildete nicht mehr das Zentrum der Welt.
Die Wirkung dieser Bilder hört nie auf
Jedes Zeitalter hat seine eigenen Symbole. Die Symbole der Antike waren Marmortempel und bronzene Statuen, diejenigen des einundzwanzigsten Jahrhunderts sind bewegte Bilder. Die visuelle Gegenwart des Schrecklichen hat seine Wiedergabe in Wort und Schrift ersetzt. Deshalb sind die Aufnahmen der brennenden Türme das Merkzeichen für den Beginn einer neuen Epoche. Man kann sie sich immer wieder anschauen, man kann sehen, wie der Nord- und der Südturm des World Trade Center zusammenstürzen und die Menschen vor der giftigen Staubwolke fliehen. Die Wirkung dieser Bilder hört nie auf, auch wenn die Zeitzeugen irgendwann sterben; sie werden das Bewusstsein von Generationen prägen wie der Fall Roms im Jahr 410.

Was die Bilder sagen, darüber kann man streiten, wie es Hieronymus und Augustinus getan haben. Unstrittig sind die Auftraggeber der Anschläge und ihr Ziel. Der Angriff galt dem architektonischen Wahrzeichen der Stadt New York, in der die Finanzströme des globalen Kapitalmarkts zusammenfließen, und den Machtzentralen der Vereinigten Staaten, dem Pentagon und dem Kapitol, das als Einziges nicht getroffen wurde. Die Täter waren Islamisten, die im Auftrag eines saudi-arabischen Multimillionärs handelten. Bis dahin hatte der Islamismus als Bewegung fanatischer Hinterwäldler gegolten. Seit dem 11. September steht fest, dass er in die Elite der islamischen Gesellschaften eingedrungen ist. Die Männer, die die entführten Flugzeuge in die Türme und ins Pentagon steuerten, stammten aus dem Bürgertum des Nahen Ostens. Knapp dreizehn Jahre später rekrutierte der Islamische Staat Tausende Kämpfer für sein unmenschliches Regime in den Ländern Westeuropas. Die islamistische Ideologie, über soziale Medien verbreitet, nistet im Herzen der westlichen Welt.
Die Rechtspopulisten vergrößern das Chaos der multipolaren Welt
Die amerikanische Reaktion auf die Anschläge hat eine Kette von Kriegen ausgelöst, die bis heute nicht abgerissen ist. Die Invasion in Afghanistan zog den Irakkrieg nach sich, weil die Bedrohung Israels durch die Vertreibung der Taliban aus Kabul nicht aus der Welt geschafft war. Das Versagen der amerikanischen Befriedungspolitik in Bagdad ermöglichte die Intervention Russlands im syrischen Bürgerkrieg. Die Niederlage und der Rückzug der USA und ihrer Verbündeten aus Afghanistan im Jahr 2021 war die Voraussetzung für den Überfall Russlands auf die Ukraine. Die atomare Aufrüstung Irans gegen Israel und die Politik des militärischen Rundumschlags der israelischen Regierung nach dem 7. Oktober 2023 mündeten in den Irankrieg, der seit dem Frühjahr die Weltwirtschaft massiv belastet.
Damit haben die Attentäter vom 11. September eines ihrer wichtigsten Ziele erreicht: die Destabilisierung der globalen Ordnung, die sich nach dem Ende des Kalten Krieges herausbildete und in deren Zentrum die Vereinigten Staaten als Vormacht des Westens standen. An ihre Stelle will der Islamismus ein weltweites Kalifat setzen, ein religiös untermauertes Unterdrückungssystem. Die rechtspopulistischen Parteien in den Ländern des Westens sind nur scheinbar seine Antagonisten. In Wahrheit befördern sie sein Vordringen, indem sie das Chaos der neuen multipolaren Welt noch vergrößern. Die Wiederkehr der nationalen Interessen mit ihrem Arsenal aus Strafzöllen, Feindbildern und Marschflugkörpern lässt den Internationalismus des politischen Islams für viele als glaubwürdige Alternative erscheinen. Der Krieg, der jetzt in Gaza, am Donez und in der Meerenge von Hormus ausgefochten wird, könnte in die Straßen der Millionenstädte zurückkehren.
Die Botschaft der brennenden Zwillingstürme ist auch ein Schlussstrich unter das zwanzigste Jahrhundert: Die säkulare Religion des Marxismus, die den Welthandel vergesellschaften wollte, hat ausgedient, an ihre Stelle tritt eine Ideologie der Vernichtung. Das bedeutet nicht, das „das Geld am Ende seiner Erfolge“ steht, wie Spengler vor hundert Jahren schrieb. Aber es ist dabei, seinen Erfolg zunichtezumachen. Nach dem Kalten Krieg sah es für kurze Zeit so aus, als hätten Demokratie und Globalisierung in Zukunft freie Fahrt. Seit dem 11. September steht die Ampel auf Rot.
