
Direkt danach hat Jürgen Klopp nur Gutes über Joshua Kimmich gesagt. Dass dieser „einen großartigen Eindruck gemacht“ habe, dass er ein „toller Kapitän“ und „alles gut“ sei. Doch da durfte man sich schon nicht mehr so sicher sein, ob wirklich alles gut ist – wegen des Satzes, den der Bundestrainer davor über den Kapitän gesagt hatte.
„Je öfter man fragt, desto weniger wahrscheinlich bekommt man das, was man will.“ So hat Klopp im BR kommentiert, dass Kimmich „ein paar Mal nachgefragt“ habe, ob er nach dem ersten und zweiten nicht doch auch noch beim dritten und vierten Spiel unter dem neuen Bundestrainer dabei sein dürfe. Man kann sowohl Kimmich (will immer spielen) als auch Klopp (will noch nicht, dass immer dieselben spielen) verstehen. Allerdings dürfte es für den Kapitän weniger verständlich gewesen sein, dass sein Trainer öffentlich so über ihn gesprochen hat wie ein Vater über seinen kleinen Sohn, der darum bettelt, noch eine halbe Stunde länger aufbleiben zu dürfen, um, sagen wir, das Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft gegen Serbien zu sehen.
So war eine der spannenderen Fragen dieses Spiels, das am Donnerstagabend in der Arena in München, in der Arena von Kimmichs Klub ausgetragen wurde, noch etwas spannender geworden: Wie gut wird die deutsche Mannschaft ohne ihren Kapitän sein?
Die kurze Antwort: Sie war besser – weil sie immer besser sein wird, wenn sie mit Florian Wirtz spielt.
In München hat Jürgen Klopp dank Wirtz, der das 1:0 möglich machte und das 2:0 selbst schoss, in seinem dritten Spiel als Bundestrainer das erste Mal gewonnen. Durch das 2:0 gegen Serbien ist Deutschland in der Nations-League-Gruppe an Griechenland und den Niederlanden drangeblieben, die 2:2 gespielt haben. Und auch wenn man an diesem Abend sah, dass die Serben schwächer sind als die Niederländer und die Griechen, war das Offensichtliche etwas anderes: wie viel stärker Wirtz eine Mannschaft machen kann.
Chancenwucher gegen schwache Serben
Dort, wo Kimmich auflaufen wollte, durften das an diesem Abend Aleksandar Pavlović und Tom Bischof. Die Spieler des FC Bayern fingen mit Wirtz auf den drei Mittelfeldpositionen in Klopps 4-3-3-Formation an. Sie sollten den Weg durch die Abwehr der Serben finden. An dieser Aufgabe waren die Deutschen am Sonntag gegen Griechenland (0:1) gescheitert.
Am Donnerstag wurde für das Problem ein Lösungsansatz präsentiert: Sowohl Pavlović als auch der Innenverteidiger Malick Thiaw spielten von der halbrechten Position immer wieder hohe Diagonalpässe auf die linke Außenseite, wo Derry Scherhant vom SC Freiburg sein erstes Länderspiel machte. Auch sonst bewegten die Deutschen den Ball trotz mancher technischer Fehler schneller und besser. So spielten sie sich in den ersten 30 Minuten mehr Torchancen heraus als in 90 Minuten gegen Griechenland.
Doch Pavlović (8. Minute) und Bischof (25.) schossen knapp am Tor vorbei, Serge Gnabry (19.) etwas weiter. Der Außenstürmer Gnabry, der die Mannschaft ohne Kimmich als Kapitän aufs Feld führte, hatte dann die größte Chance. Erst passte Wirtz zu Nick Woltemade (der in der zweiten Halbzeit eine weitere Großchance vergeben hat), dann passte Woltemade zu Gnabry, der vielleicht nochmal zu Woltemade hätte passen können, aber selbst schoss – und aus kurzer Distanz nur den Torhüter traf.
Die Deutschen hätten das erste Tor schießen können, aber kurz danach waren es die Serben, die es hätten schießen müssen. Für einen Moment hatte der Innenverteidiger Waldemar Anton vergessen, dass in der Nationalmannschaft nicht mann-, sondern ballorientiert verteidigt wird. Er verfolgte einen Stürmer so weit in die Spielfeldhälfte des Gegners, dass die Serben die deutsche Abwehr mit einem Pass überspielen konnten. In der Szene hatten die Deutschen Glück, dass Filip Kostić den Ball etwas zu schnell in die Mitte spielte, wo Kosta Nedeljković am Ball vorbeirutschte.
So stand es weiter 0:0, als Florian Wirtz das Spiel übernahm.
In der 39. Minute passte Pavlović den Ball kniehoch in den Strafraum, wo Wirtz ihn kontrollierte und danach mit seinen Füßen Flipper spielte. Links, rechts, links. Er fand einen Weg, wo wegen der serbischen Verteidiger eigentlich kein Weg war. Sein Schuhspitzenschuss ging dann zwar gegen den Pfosten, wurde so aber zur Vorlage für Bischof, der ihn mit einem Spannschuss ins Tor knallte.
In der 61. Minute passte der Linksverteidiger Maximilian Mittelstädt den Ball dann flach in den Strafraum, wo Wirtz ihn in einer Bewegung mit der Sohle des rechten Fußes nach hinten zog – gegen die Laufrichtung seines Gegenspielers, der nur noch zuschauen konnte, wie Wirtz den Ball mit rechts ins Tor schob.
Zu diesem Zeitpunkt war Serge Gnabry schon ausgewechselt worden. Und so war es die passende Pointe dieses Spiels, dass Florian Wirtz in dem Moment, in dem er mit dem zweiten Tor zeigte, dass der deutsche Fußball Weltklasse hat, die Kapitänsbinde am Arm trug.
