Reinigungspersonal arbeitet zumeist in den toten Winkeln unserer Gesellschaft. Nachts putzen sie Büroräume, in denen tagsüber die vermeintlich wichtigere Arbeit verrichtet wird. Sie wischen die Tische, saugen die Teppiche und sorgen dafür, dass Waschbecken und Klos wieder sauber sind, wenn am Morgen die Menschen in Kitteln die Gebäude verlassen und die Menschen in Hemd und Anzug sie betreten. Den Zweiten sind die Ersten, wenn man ihnen dann doch begegnet, unangenehm. Sie räumen den Dreck der anderen weg, unsichtbar und meist schlecht bezahlt.
Wer aktuell den österreichischen Pavillon auf der Biennale in Venedig betritt, trifft auf eine Frau in blauer Schürze, die den Spieß umdreht. „Just Pipi, no Kaka“, herrscht sie die Wartenden vor der Klokabine an. Die wenigsten ahnen, wer hinter dem Putzkittel und der riesigen Sonnenbrille steckt. Mit Reinigungsspray in der Hand wischt die Choreographin nach jeder Nutzung die Klobrille ab. Sie verbietet lautstark feste Ausscheidungen und den Gebrauch von Toilettenpapier. Nach verrichteter Notdurft desinfiziert sie den Besuchern die Hände.
Holzinger macht Kloputzen zur Chefsache
Am Eröffnungswochenende im Mai hatte noch eine schwarze Performerin aus Holzingers Ensemble diese Aufgabe übernommen. Eine schwarze Frau, die fremde Toiletten putzt, das ruft jenes rassistische Bild der dienenden Hand auf, das die Kunstwelt eigentlich überwunden haben will. Das ließ das Fachpublikum am Eröffnungswochenende irritiert zurück. Nun schrubbt die Chefin selbst.

Florentina Holzinger hat es als Künstlerin auf die Stellen unserer Gesellschaft abgesehen, an denen es wehtut. Die Frau, vor deren Werk die Besucher mitunter stundenlang in der Schlange stehen, kniet vor fremden Hinterlassenschaften. Eine Geste, die nach Demut aussieht und das Gegenteil meint. Wer diesen Posten freiwillig besetzt und dabei zugleich die Besucher kommandiert, hat das Gefälle bereits gekippt.
An der Klotür wartet sie schließlich nicht auf Münzgeld. Sie diktiert die Bedingungen für die menschlichsten Grundbedürfnisse und macht aus dem stillen, oft unsichtbaren Dienen einen Akt der Aneignung. Der Toilettengang ist für ihr Werk die Rohstoffgewinnung, bei der sie das Material ihres Publikums abschöpft, um ihre Installation „Seaworld Venice“ am Laufen zu halten. Wer pinkelt, liefert zu.
Holzinger will sich offenkundig nicht als Künstlerin verstehen, die über den Niederungen des Alltags thront. Indem sie ihre Schöpfung über Schläuche und über ihre eigene Rolle an die Kanalisation koppelt, führt sie vor, dass auch die vergeistigteste Arbeit an die menschliche Physis gebunden bleibt. Wer den Pavillon mit desinfizierten Händen verlässt, darf seinen Euro behalten. Den Tribut an die Kunst hat er schon entrichtet.
