
Im Fußball ist der Angriff oft die beste Verteidigung. Das wissen sie bei Manchester City, dem Klub, der mit Pep Guardiolas Ballbesitzfußball die Premier League im vergangenen Jahrzehnt so dominiert hat wie nur wenige zuvor. Wie reagiert man also auf den Vorwurf, über Jahre die Spielregeln des Fußballs umgangen, Bilanzen gefälscht und die Ermittlungen dazu unterminiert zu haben, wo es nur ging? Kurz gesagt: den größten Finanzskandal in der Geschichte des europäischen Fußballs verantwortet zu haben. City setzt auf Angriff.
Die Untersuchung? Voller Fehler, nichts als eine Kampagne. Der Klub? Natürlich unschuldig. Die Wahrheit? Komme ans Licht, wenn die „unwiderlegbaren Beweise“ vor einem unabhängigen Gericht landeten. So nachzulesen in einem offiziellen Klubstatement – vom 14. Februar 2020.
Damals verurteilte die UEFA den Klub weitestgehend wegen derselben Finanzverstöße wie nun die Premier League: Manchester City soll zwischen 2009 und 2018 Geldspritzen seines Eigentümers aus Abu Dhabi als Sponsoreneinnahmen vertuscht haben, um die Finanzregeln der Liga zu umgehen. Es geht um mehr als eine Milliarde Euro. Kurz: City soll systematisch betrogen haben, im großen Stil.
Manchester City hat seine Glaubwürdigkeit verloren
Das Urteil einer unabhängigen Kommission, das die Premier League am Dienstag veröffentlicht hat, kommt einer Generalabrechnung gleich: schuldig in über 100 Anklagepunkten, in allen bis auf einen. Von Scheinverträgen ist die Rede, von verschleierten Finanzsystemen, von Klubmitarbeitern, die bei Anhörungen gelogen haben.
Um zu erkennen, was nun für den Fußball auf dem Spiel steht, genügt ein Blick ins Jahr 2020. City zog damals vor den CAS, das oberste Sportgericht kassierte das Urteil weitgehend ein. Dass es den Klub mitnichten freisprach, sondern nur feststellte, dass etliche Vorwürfe nicht ausreichend bewiesen werden konnten? Interessierte niemanden mehr, als sich City drei Jahre später für das erste Triple der Vereinsgeschichte feierte – präsentiert von Etihad. Rückblickend wirken die Bilder wie Hohn auf ein System, das trotz des vielen Geldes, das von außen in die Klubs strömt, zumindest versucht, den Anschein der Chancengleichheit zu wahren.
Und jetzt? Die Kommission der Premier League ist überzeugt: „Wir halten die dargestellten Anschuldigungen nach dem geltenden Standard für mehr als bewiesen“, lautet der Schlusssatz nach 40 Seiten Entscheidungsgründen.
Citys Reaktion wirkt wie ein Abziehbild der alten Strategie. Aber der Klub hat seine Glaubwürdigkeit längst verloren. Die Frage ist nun: Verliert sie der Fußball allmählich auch? Verhindern ließe sich das nur mit einer Strafe mit deutlicher Abschreckungswirkung. Die Frage ist nicht mehr, ob ein Zwangsabstieg möglich ist. Sondern ob noch irgendetwas anderes zu legitimieren wäre.
