In Helsinki hatte man sich schon nach einer geeigneten Arena umgesehen. Und die Hotelpreise im Mai 2027 waren auf den Buchungsportalen auch schon stark angestiegen. Finnland hatte so lange in allen Prognosen geführt, dass ein Sieg nahezu unausweichlich schien. Doch Linda Lampenius & Pete Parkkonen kamen im Finale des Eurovision Song Contest (ESC) am frühen Sonntagmorgen nur auf den sechsten Platz. Und dieses Mal waren sich Jurys und Zuschauer ausnahmsweise einig: Bulgarien hat erstmals einen ESC gewonnen. Mit großem Vorsprung vor Israel auf Platz zwei.
Das ist durchaus eine Überraschung, allerdings zählte Darina Nikolaewa Jotowa in den vergangenen Tagen durchaus zu den Kandidaten, die in zweiter Reihe lauerten und Chancen auf einen Sieg hatten. Am Samstagnachmittag hatte Dara, wie sich die Siebenundzwanzigjährige nennt, schon den Marcel-Bezençon-Preis für die beste künstlerische Darbietung dieses Jahrgangs bekommen, gewählt von den Kommentatorinnen und Kommentatoren aus den teilnehmenden Ländern.
Ihre Choreographie war auch sehr besonders: Dara und ihre Begleiter tanzten und zappelten – sitzend – wild und verrückt im Takt zum Lied „Bangaranga“. Das Wort ist aus dem jamaikanischen Kreolischen abgeleitet und bedeutet Unruhe oder Aufruhr, in diesem Fall frei übersetzt sieht sich Dara als „Unruhestifterin“. Sie ist Engel, Dämon und Psycho in einer Person, wie es im Text heißt. Es geht der Bulgarin um Selbstbewusstsein und das Entdecken innerer Stärke. Ihr „Bangaranga“ hämmerte sie ihren Zuhörern mit Vehemenz in die Köpfe.
Nächster ESC in Bulgariens Hauptstadt Sofia
Und sie dankte nach ihrem Sieg nicht nur ihrem Mann, der sie dazu gedrängt habe, überhaupt am ESC teilzunehmen, sondern auch allen, die das Bangaranga gefühlt hätten. Musik sei für sie Liebe, und die habe sie in all den Tagen in Wien gespürt. Sie sei sehr traurig, dass die Zeit hier nun schon wieder vorbei sei. „Ich habe mich in Wien all die Tage wie zuhause gefühlt.“ Milena Milotinova, Generaldirektorin des bulgarischen Nationalfernsehens (BNT), lud in einer kurzen Ansprache danach auch schon für das nächste Jahr zum ESC ein – in die Hauptstadt Sofia.
Dass sie viele Punkte von den Zuschauern bekommen würde, war eher vorausgesagt worden, schließlich stimmt das jüngere Publikum häufiger beim ESC ab als das ältere. Und so waren es am Ende 516 Punkte: 204 von den Jurys und 312 von den Zuschauern.

Israel auf Platz zwei bekam hingegen nur 123 Punkte von den Jurys und 220 von den Zuschauern, was Noam Bettan zwischenzeitlich mit 343 Punkten auf Platz eins beförderte – und erstmals am Finalabend zu lautstarken Buhrufen führte. Davon war der 28 Jahre alte Israeli zuvor bei seinem Auftritt mit seinem Lied „Michelle“ fast völlig verschont geblieben. Dara aber lag schließlich mit 173 Punkten vorne. Die deutschen Zuschauer hatten es anders gesehen: Sie gaben Israel zwölf Punkte, Bulgarien bekam zehn.
Deutschland auf Platz 23 von 25
Die deutsche Kandidatin Sarah Engels wurde für ihren Beitrag „Fire“, der vielen Kritikern nicht zeitgemäß erschien, mit nur zwölf Punkten abgestraft und landete auf dem drittletzten Platz. Dabei bekam die Dreiunddreißigjährige null Punkte von den Zuschauern, was allerdings nicht bedeuten muss, dass sie gar keine Punkte bekommen hat. Es heißt nur, dass sie nirgendwo in einem Land unter den Top Ten war. Am Ende werden jeweils nur Punkte von eins bis sieben vergeben sowie jeweils einmal acht, zehn und zwölf Punkte. Von den Juroren aus Bulgarien und Belgien bekam Engels jeweils zwei, aus Portugal und Italien jeweils vier Punkte.
In diesem Jahr trägt erstmals der SWR die Verantwortung
Für Deutschland ist es ein Rückschritt, nachdem Isaak 2024 mit seinem Lied „Always On The Run“ auf 117 Punkte und einen zwölften Platz gekommen war, Abor & Tynna mit „Baller“ im vergangenen Jahr sogar auf 151 Punkte, was aber nur der 15. Platz war. Danach hatte der Südwestrundfunk (SWR) nach fast 30 Jahren vom Norddeutschen Rundfunk (NDR) die Verantwortung für den ESC auf deutscher Seite übernommen.
Nach dem Finale äußerte sich Engels schriftlich zu ihrem Abschneiden. Sie sei froh, dankbar und glücklich, dass sie für Deutschland beim ESC singen durfte. „Es war eine unglaubliche und unvergessliche Erfahrung, die nun fest im Buch meiner Lebenserinnerungen festgeschrieben ist und von der ich später sicherlich meinen Enkelkindern erzählen werde.“ Sie danke allen, „die an mich geglaubt haben. Es war ein großes Fest, das ich einfach nur gemeinsam mit meinem Team, dem SWR und der ARD genießen durfte. Deshalb habe ich mir über Platzierungen von Beginn an nicht den Kopf zerbrochen“.

Neben Bulgarien waren auch Rumänien und Moldau in diesem Jahr erst wieder zum ESC nach einer Pause zurückgekehrt. Der Mann aus Moldau, Satoshi, kam mit seinem „Viva, Moldova!“ auf einen sehr guten achten, die Rumänin Alexandra Căpitănescu erreichte mit „Choke Me“ sogar den dritten Platz, noch vor der mitfavorisierten Delta Goodrem aus Australien und dem Italiener Sal Da Vinci („Per Sempre Sì“).
Noch hinter Finnland lag am Ende der ebenfalls lange hoch gehandelte Däne Søren Torpegaard Lund mit seinem Lied „Før vi går hjem“ („Bevor wir nach Hause gehen“). Er musste im Finale auf dem undankbaren ersten Startplatz antreten, direkt vor Sarah Engels. Pech hatte auch der Tscheche Daniel Žižka: Während seines Auftritts gab es massive Kameraprobleme, für wenige Sekunden fror sogar das Bild ein.
Der von seiner Rundfunkanstalt Česká televize (ČT) eingelegte Protest wurde aber von der Europäischen Rundfunkunion (EBU) abgelehnt. Žižka bekam damit nicht die Chance, sein Lied „Crossroads“ noch einmal zu singen. Mit 113 Punkten lag er am Ende auf dem 16. Platz. Letzter wurde der Brite Sam Battle, der sich Look Mum No Computer nennt, mit „Eins, Zwei, Drei“. Davor Gastgeber Österreich mit seinem Kandidaten Cosmó. Sein Lied „Tanzschein“ bekam insgesamt sechs Punkte.
Viele Songs in Landessprache
Eine Besonderheit in diesem Jahr waren die vielen in den Landessprachen gesungenen Lieder. Insgesamt 24 Sprachen waren auf der Bühne in der Wiener Stadthalle zu hören. Das Bühnendesign hatte einmal mehr der Münchner Florian Wieder entworfen – wie schon 2015 beim letzten ESC in Wien. Dieses Mal war die Bühne von der Wiener Secession inspiriert, „von Theater und Oper“, mit einem Steg quer durch die Halle zum Green Room, wo die Künstler wie in einem Wiener Kaffeehaus vor und nach ihren Auftritten saßen. Die Wiener Kaffeehauskultur ist seit 2011 Teil des immateriellen UNESCO-Kulturerbes.
Insgesamt zum achten Mal schon war Wieder für das Design einer ESC-Bühne verantwortlich. Der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen hatte die rund 2000 Quadratmeter große und 210 Tonnen schwere Bühnenstruktur schon am 28. April eröffnet. Van der Bellen war auch am Samstagabend wieder in die Stadthalle gekommen.

Der ESC war Staatsangelegenheit, auch wenn der Veranstalter der Österreichische Rundfunk (ORF) war. Doch durch die Diskussionen um die Teilnahme Israels hatte der Wettbewerb schon früh eine politische Dimension bekommen. Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) sprach sich klar schon im Oktober für die Teilnahme Israels aus. „Ich würde es für einen fatalen Fehler halten, Israel auszuschließen. Schon aufgrund unserer Geschichte würde ich das niemals befürworten“, hatte Stocker damals der Deutschen Presse-Agentur gesagt. Er bezog sich dabei auf die Mitverantwortung Österreichs am Holocaust.
Gefeiert wurde auch die Gründung des ESC vor 70 Jahren
Die darauf erfolgten Boykotte von gleich fünf Ländern – Irland, Island, den Niederlanden, Slowenien und Spanien – waren während der Tage in Wien aber nicht das große Thema. Der ORF und die Stadt Wien hatten vielmehr ein großes Jubiläumsprogramm vorbereitet, begangen wurde die Gründung des ESC vor 70 Jahren.
Unterhaltsam war vor allem das Geburtstagsständchen am Samstagabend in der Wiener Stadthalle, das von acht früheren Teilnehmern des Wettbewerbs gehalten wurde: dem Deutschen Max Mutzke und der Ukrainerin Ruslana vom Jahrgang 2004, den finnischen Hardrockern Lordi (2006), Verka Serduchka aus der Ukraine (2007), dem Norweger Alexander Rybak (2009 und 2018), dem Bulgaren Kristian Kostov (2017) sowie der Finnin Erika Vikman und der Malteserin Miriana Conte, beide vom Jahrgang 2025. Es war ein musikalisches Potpourri aus nicht ganz 70 Jahren, von „Nel blu, dipinto di blu“, besser bekannt als „Volare“ (1958), über „Waterloo“ (1974) und „Dschinghis Khan“ (1979) bis „Espresso Macchiato“ (2025).
Die für Samstagnachmittag angekündigte Großdemonstration wegen der Teilnahme Israels fiel vergleichsweise klein aus: Statt 3000 nahmen nur etwa 300 bis 600 Personen an dem Zug teil, der vom Wiener Westbahnhof zum Arik-Brauer-Park in Ottakring im 16. Wiener Gemeindebezirk führte, etwa 400 Meter von der Stadthalle entfernt. Benannt ist der Park nach dem 2021 gestorbenen jüdischen Maler Arik Brauer, der als einer der Hauptvertreter der Wiener Schule des Phantastischen Realismus gilt.
Und es gibt sogar einen Bezug zum ESC: Arik Brauers Tochter Timna Brauer, die als Freiwillige drei Jahre lang im israelischen Militär gedient hat, hatte 1986 für Österreich am Eurovision Song Contest im norwegischen Bergen teilgenommen. Sie erreichte dort mit dem Lied „Die Zeit ist einsam“ den 18. Platz. Ob die Demonstranten, die kommunistische, antiimperialistische und vor allem israelfeindliche und propalästinensische Flaggen und Banner trugen, bewusst in den Park zogen und um die Geschichte des Namensgebers wussten, bleibt unklar.
Das Ergebnis des 70. Eurovision Song Contest (ESC)
1. Bulgarien: Dara („Bangaranga“): 516 Punkte
2. Israel: Noam Bettan („Michelle“): 343 Punkte
3. Rumänien: Alexandra Căpitănescu („Choke Me“): 296 Punkte
4. Australien: Delta Goodrem („Eclipse“): 287 Punkte
5. Italien: Sal Da Vinci („Per sempre sì“): 281 Punkte
6. Finnland: Linda Lampenius und Pete Parkkonen („Liekinheitin“): 279 Punkte
7. Dänemark: Søren Torpegaard Lund („Før vi går hjem“): 243 Punkte
8. Moldau: Satoshi („Viva, Moldova!“): 226 Punkte
9. Ukraine: Leléka („Ridnym“): 221 Punkte
10. Griechenland: Akylas („Ferto“): 220 Punkte
11. Frankreich: Monroe („Regarde !“): 158 Punkte
12. Polen: Alicja („Pray“): 150 Punkte
13. Albanien: Alis („Nân“): 145 Punkte
14. Norwegen: Jonas Lovv („Ya Ya Ya“): 134 Punkte
15. Kroatien: Lelek („Andromeda“): 124 Punkte
16. Tschechien: Daniel Zizka („Crossroads“): 113 Punkte
17. Serbien: Lavina („Kraj mene“): 90 Punkte
18. Malta: Aidan („Bella“): 89 Punkte
19. Zypern: Antigoni („Jalla“): 75 Punkte
20. Schweden: Felicia („My System“): 51 Punkte
21. Belgien: Essyla („Dancing on the Ice“): 36 Punkte
22. Litauen: Lion Ceccah („Sólo quiero más“): 22 Punkte
23. Deutschland: Sarah Engels („Fire“): 12 Punkte
24. Österreich: Cosmó („Tanzschein“): 6 Punkte
25. Großbritannien: Look Mum No Computer („Eins, Zwei, Drei“): 1 Punkt
