Schon von Weitem begrüßten wir uns in jenem Spätwinter 1992, nachdem wir das erste Mal „Kap der Angst“ gesehen hatten, mit „Aaan-walt? Anwalt, sind Sie da? Aaaan-walt?“ Christian Brückners Synchronstimme hatte es uns angetan und Robert De Niro sowieso. Als Studenten hatten wir reichlich Zeit, um ins Kino zu gehen, und das taten wir dann auch. Wohl ein halbes Dutzend Mal haben wir uns den Film angesehen, den wir sofort zu einem von Martin Scorseses besten, wenn nicht für seinen besten überhaupt hielten – und das wollte etwas heißen unter jungen Männern, die sich in jener Zeit bis zur Selbstaufgabe mit Travis Bickle, dem „Taxi Driver“, identifizierten.
Aaan-walt? Max Cady hat den Strafverteidiger Sam Bowden bei seiner Berufsbezeichnung gerufen, der ist sein(er). Das verhält sich so: Cady kommt nach 14 Jahren aus dem Knast, in dem er wegen Vergewaltigung und Misshandlung einsaß – 14 Jahre statt der sieben, die auch möglich gewesen wären, wenn sein Verteidiger Bowden nicht dieses Cady etwas entlastende Gutachten unterschlagen hätte, das sehr wahrscheinlich zu einem geringeren Strafmaß geführt hätte. Eine 1-a-Rachegeschichte also, und die zwei Stunden verlaufen wie noch jeder gute, geradlinige amerikanische Film, in dem es wirklich um etwas geht. Konsequent, ohne Rücksicht auf Zuschauerempfindlichkeiten schaltet Scorsese immer noch einen Gang höher und lässt De Niro Raum für einen Racheengel, der außer Rand und Band gerät und der, sollte das Publikum sie nicht eh bemerkt haben, die biblischen Anspielungen dabei fast schon verschwenderisch auf der Zunge trägt – Buch Hiob, Galater-Brief; dazu unter anderen Dante, Angelus Silesius: „Ich bin wie Gott und Gott wie ich / Ich bin so groß wie Gott, er ist als ich so klein / Er kann nicht über mich, ich unter ihm nicht sein“.
Im Gefängnis gestählt
Von hier aus ist es bis zu Nietzsche, den Cady natürlich auch intus hat, nicht mehr weit. Tatsächlich legt De Niro diese außergewöhnlich faszinierende Figur als Übermenschen an, gegen den Superman eine Spielzeugpuppe ist; und man weiß nicht, ob es dieser schier unstillbare Rachedurst ist, der ihm seine in jeder Hinsicht übermenschlichen Kräfte verleiht oder ob diese schon vorher in ihm angelegt waren. Zu Beginn sehen wir ihn kurz vor der Entlassung, wie er im Staatsgefängnis noch seinen Körper stählt, an der Wand ein Stalin-Poster als Sicherheitshinweis, dass mit diesem Mann nicht zu spaßen ist. Instinktsicher setzt Cady sich dann bei einer Kinovorführung ausgerechnet vor Bowden, dessen Frau und halbwüchsige Tochter, pafft unverschämt eine dicke Zigarre und lacht sich mit einer geradezu ansteckenden Aufdringlichkeit kaputt über die dämliche Klamotte, die da gezeigt wird. Auch hier ist Christian Brückner nicht genug zu loben.
Von da an hat die Anwaltsfamilie keine ruhige Minute mehr. Dabei gehört es zu den aufreizenden Freigeistigkeiten, hinter die Scorsese seinen sonst manchmal so anstrengenden „Anspruch“ zurückstellt, dass er das Ganze (auch) als Bildungsgeschichte anlegt: Cady, der als Analphabet eingebuchtet wurde, schildert Bowden genüsslich seine Lektüren: „Erst las ich ,Spot kommt auf den Bauernhof‘, dann ,Bunny, der Ausreißer‘ und zuletzt nur noch juristische Bücher. Tja, Anwalt, und jetzt stehen wir hier und fachsimpeln.“ Dass wir von solchen Dialogen nicht genug kriegen konnten, mag auch dem damaligen Alter geschuldet sein. Andererseits: Wann und wo immer dieser Film gezeigt wird, schalte ich zu.
Wie das so ist mit Remakes – die Frage ist: Welcher ist besser? In J. Lee Thompsons „Cape Fear“ (1962, „Ein Köder für die Bestie“) verkörpert Robert Mitchum als Max Cady all die Bedrohlichkeit und Hinterlist und Gregory Peck als Sam Bowden all die Anständig- und Aufrichtigkeit, die damals in einem Schwarz-Weiß-Kriminalfilm üblich waren, fallen aber schon hinter die Charakterzeichnung mancher Film noirs, denen er im Grunde noch zuzurechnen ist, zurück. Es ist ein Psychofilm; aber Scorseses ist mehr als das – ein sich nicht etwa bloß um Gut und Böse bräsig den Kopf zerbrechendes Drama, sondern gerade die Zwischenstufen bis in die tiefsten Tiefen verfolgendes, die Zwischentöne dermaßen schillernd ausagierendes, rasantes Drama, dass man am Ende nicht mehr weiß, von welcher Figur man dringender erlöst werden will: dem gerade in seiner absolut schlüssig motivierten Aggressivität und Bosheit durchweg unterhaltsamen Max Cady oder dem ebenfalls aus krummem Holz gemachten, letztlich philisterhaften und von Nick Nolte unsympathisch eckig angelegten Sam Bowden.
Scorsese lässt es offen. Dass er Mitchum, Peck und Martin Balsam, die im ersten Film mitspielen, Nebenrollen gegeben hat, zeigt, dass er sich des, sagen wir: moralischen Dilemmas bewusst war. Er hat sich ihm auf denkbar reizvolle Weise und mit extremem Schwung unterzogen. Dass er seinen Oscar erst viel später bekommen hat (für „Departed“), gehört zu den ewigen akademischen Gepflogenheiten, die verstehe, wer will – genauso, dass Robert De Niro für diese Glanzrolle auch keinen bekam; aber der hatte gegen Anthony Hopkins’ Hannibal Lecter einfach keine Chance.
