Herr Pattinson, Ihr neuer Film „Primetime“ lässt sich – am Beispiel der realen Sendung „To Catch a Predator“ und deren Moderator Chris Hansen – als Abrechnung mit dem Reality-TV verstehen. Aber im Grunde geht es auch um die Frage, warum wir als Publikum gerne solche Shows gucken und beispielsweise diese Art der Selbstjustiz so erfolgreich war. Haben Sie Antworten darauf gefunden?
Für mich war es spannend zu sehen, dass „To Catch a Predator“ zwei Dinge gleichzeitig bediente. Einerseits spricht die Show eine der größten Ängste an, die man als Mensch haben kann: die Angst vor einem heimtückischen, unsichtbaren Straftäter, gegen den du dich nicht wehren kannst, wenn er in dein Haus eindringt und deinen Kindern Schaden zufügt. Andererseits war damals – wir sprechen ja von den frühen 2000er-Jahren – das Internet noch ziemliches Neuland. Kaum jemand wusste, was Chaträume sind, aber genau dort stellten diese Pädophilen Kontakt zu potentiellen Opfern her. Und dort wurde Hansens Team fündig bei der Suche nach Verdächtigen. Wer die Sendung damals guckte, die sich ja auch als Warnung verstand, konnte erst einmal kaum anders als begeistert sein, dass sich mit Hansen wenigstens irgendwer in diesen vermeintlich rechtsfreien Raum begibt und sich dieses Problems annimmt. Davon abgesehen fasziniert mich „To Catch a Predator“ auch als Medienphänomen.
Wir zeigen ja in unserem Film, in welche Fallen die Sendung tappte, als sie schließlich ein riesiger Erfolg wurde. Ursprünglich ging es Hansen nicht um die Quoten, sondern er verstand sich als Journalist und Nachrichtenmann. Aber sobald er das gleiche Format in einer Tour wiederholte, stand natürlich nicht mehr die warnende Wirkung im Vordergrund, sondern der Versuch, das Bedürfnis des Publikums zu bedienen. Dabei geriet er automatisch in die immergleiche Mühle der Unterhaltungsindustrie: Nach einer Weile muss es immer mehr, spektakulärer und reißerischer werden, sonst schalten die Leute irgendwann nicht mehr ein. Gleichzeitig muss man plötzlich Werbung für ein solches Format machen. Die Interviews, für die Chris Hansen in der Late-Night-Talkshow von Conan O’Brien saß, finde ich ungemein spannend. Denn eigentlich sitzt er da zwischen allen Stühlen. Er muss die Leute neugierig machen auf seine Sendung, will aber auch die eigene Arbeit nicht abwerten. Da sitzt er also in einer Show, in der das Publikum vor allem lachen und der Moderator Gags machen will, und muss gleichzeitig über eines der ernstesten, bittersten Themen sprechen, die man sich vorstellen kann.
Stehen Sie, der „Primetime“ auch als Produzent mitverantwortet hat, nun im Grunde vor einem ähnlichen Dilemma?
Nein, denn uns ging es mit dem Film um etwas anderes. Mich hat die Show als Phänomen schon lange interessiert, ohne dass ich zunächst daran gedacht hätte, einen Film darüber zu drehen. Aber die ethischen Grauzonen und Fallstricke, in denen sie sich damals bewegte, werden auch heute noch diskutiert. Und als Thema schienen sie in den letzten Jahren in der Luft zu liegen, denn nicht nur landete das Skript zu „Primetime“ auf meinem Tisch, sondern es gab im vergangenen Jahr auch einen Dokumentarfilm, der sich mit der Sendung beschäftigte. Mir persönlich war es dann einfach wichtig, einen Film zu machen, der nicht didaktisch oder moralisch urteilend ist in seinem Blick auf diesen Mann, der ohne Frage mit einem ehrenwerten Ziel gestartet war, und sein Team, dessen Job es einfach war, möglichst gutes, erfolgreiches Fernsehen zu machen. Einen Film darüber, dass man sich sein Publikum nicht aussuchen kann – und was es mit einem macht, wenn man plötzlich erfolgreich und berühmt ist, aber in der Arbeit wirklich etwas auf dem Spiel steht.
Sie sind selbst ein erfolgreicher und berühmter Teil der Unterhaltungsindustrie. Hat das Ihr Verständnis von Chris Hansen als Figur beeinflusst?
Vielleicht am Rande, wobei ich darüber eigentlich erst im Nachhinein nachgedacht habe. Wenn ich spiele, dreht sich für mich alles um das Drehbuch – und das hat mich in diesem Fall elektrisiert in seiner Subversion und Explosivität. Ich versuche in meiner Arbeit vor der Kamera nie, den Film oder seine Geschichte zu analysieren. Das überlasse ich anderen, wenn das Werk als Ganzes vorliegt. Meine Verantwortung, so wie ich sie verstehe, ist es, das Gefühl, das ich beim ersten Lesen des Skripts hatte, für andere greifbar zu machen.
Aber dann lassen Sie uns doch jetzt ein wenig analysieren. Der unglaubliche Ehrgeiz beispielsweise, der Hansen umtreibt – wie vertraut ist der Ihnen selbst?
Puh, gar keine leichte Frage. Ich denke, dass Ehrgeiz grundsätzlich wichtig ist und etwas sehr Befriedigendes sein kann. Ehrgeiz ist eine enorme Antriebskraft und kann echte Leidenschaft auslösen. Sich im Leben von Ehrgeiz und Ambitionen leiten zu lassen, gehört deswegen zu den aufregendsten Freuden, die es gibt. Doch natürlich muss man das richtige Maß finden. In Sachen Ehrgeiz aus der Balance zu geraten, ist eine Gefahr, die man nicht unterschätzen sollte. Denn in gewisser Weise macht man es sich leicht und unkompliziert, wenn man sein ganzes Leben auf ein Ziel ausrichtet und alles andere darüber vernachlässigt. An mehreren Fronten präsent zu sein und verschiedene Bälle im Spiel zu halten, ist eben kein Kinderspiel. Aber natürlich die eigentliche Herausforderung, der man sich stellen sollte. Um seiner selbst und seiner Mitmenschen willen.
Ihr Ehrgeiz zeigt sich aktuell auch in Ihrem Fleiß. „Primetime“ ist nach „The Drama“ und „Die Odyssee“ bereits Ihr dritter großer Film in diesem Jahr, demnächst sind Sie auch in „Dune: Part Three“ dabei. Haben Sie ein Limit, was das Arbeitspensum angeht?
Ich sage es mal so: In den letzten beiden Jahren war das Limit lediglich die begrenzte Zahl von Tagen, die ein Jahr hat. So viel habe ich noch nie gearbeitet. Das war nicht unbedingt so geplant, sondern hat sich eher so ergeben. Und muss meinetwegen auch nicht so weitergehen.
Seit anderthalb Jahren sind Sie Vater einer Tochter, im Mai wurden Sie 40 Jahre alt. Da müssen Sie sicherlich ein bisschen mehr haushalten mit Ihrer Energie!
Einerseits. Aber andererseits hätte mich ein solches Arbeitspensum in jüngeren Jahren viel mehr gestresst. Der 40. Geburtstag fühlte sich an, als sei ich nun endgültig angekommen im Leben eines Erwachsenen. Jetzt gilt es zu arbeiten bis zur Rente! Aber Spaß beiseite: Mir ist es lieber, etwas zu tun zu haben, als zu Hause zu sitzen und darauf zu warten, dass mein Agent anruft und endlich mal wieder eine Rolle hat. Auch deswegen habe ich meine Produktionsfirma gegründet. Ich genieße es, mich ein bisschen mehr als Teil der Filmindustrie zu fühlen und auch ein paar Dinge in Bewegung setzen zu können.
Sie haben auf jeden Fall in jüngster Zeit ein gutes Händchen für ambitionierte, aber auch erfolgreiche Projekte. Wie viel Kalkül und Planung steckt in Ihrer Rollenauswahl?
Ich versuche schon, meine Entscheidungen gut abzuwägen. Manchmal gehe ich gerne Risiken ein, denn das wird bekanntlich oft belohnt. Und über die Jahre habe ich natürlich einen gewissen Instinkt entwickelt, dem ich folge. Aber zu 100 Prozent Verlass ist auf den auch nicht, deswegen habe ich immer wieder die Sorge, doch falsche Entscheidungen getroffen zu haben. Vor der Premiere von „Primetime“ zum Beispiel war ich plötzlich verdammt nervös und unsicher, ob der Film womöglich doch gar nicht funktioniert. Aber das gehört dazu, wenn man nicht immer nur auf die sichere Nummer setzen will.
Würden Sie denn unterschreiben, dass Sie sich zuletzt eher zu düsteren Rollen und ernsten Stoffen hingezogen fühlen?
Eigentlich war das doch nie anders, oder? Als jemand, der wie ich im echten Leben ziemlich lustig, fröhlich und aufgeräumt ist, sind solche gebrochenen Figuren und Geschichten nun einmal die spannendsten. Gegensätze zwischen mir und meiner Figur sind wie das Kraftfeld, das zwischen zwei sich gegenüberstehenden Magneten entsteht. Wobei ich dazu sagen muss, dass ich immer etwas verwundert bin, wenn Leute meine Rolle in „The Drama“ als düster beschreiben. Denn ich habe diesen Kerl ganz anders wahrgenommen. Und selbst Antinoos in „Die Odyssee“ war in meinen Augen nicht einfach nur durch und durch böse, denn das wäre ziemlich langweilig. Man kann ihn doch auch als jemanden sehen, der eigentlich versucht, Penelope dabei zu helfen, sich selbst zu finden. Zumindest habe ich das in den vergangenen Monaten immer wieder zu erklären versucht.
Hätten Sie Lust, mal die Hauptrolle in einer großen Komödie zu spielen?
Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich gut wäre in einer klassischen Komödie. Vor allem, weil ich meistens die Dinge besonders lustig finde, die gar nicht unbedingt lustig sein sollen. Aber mutmaßlich würde ohnehin niemand eine große Komödie mit mir drehen. Erstens weil solche Komödien kaum noch gedreht werden. In den frühen 2000ern waren die größten Kinoerfolge noch fast alles Komödien, doch gegen Ende des Jahrzehnts war das vorbei. Auf der Leinwand wurde es – auch buchstäblich – immer düsterer. Und zweitens braucht man für solche Komödien jemanden in der Hauptrolle, den das Publikum liebt, weil es schon lange gerne und herzlich über ihn lacht. Das bin ich wohl eher nicht.
Gerade laufen bereits die Dreharbeiten zu Ihrem nächsten „Batman“-Film. Können Sie uns darüber schon etwas verraten?
Nur so viel: Das Drehbuch ist unglaublich gut. Matt Reeves hatte schon mit dem letzten Film die Figur komplett neu erfunden, und dieses Mal geht er nun abermals in eine vollkommen neue Richtung. Dass Warner Bros. und DC uns das machen lassen, erstaunt mich immer noch, denn das wird wirklich eine ziemlich radikale Sache und ein Batman, wie man ihn noch nie gesehen hat.
