Das Kino hat, wie andere Künste auch, den Vorteil, für alles zuständig zu sein. Niemand muss sich hier thematisch qualifizieren, wie es in den Wissenschaften der Fall ist. Von den Anfängen von allem bis zu den kompliziertesten Fragen der Natur und des Historischen und natürlich zur Liebe als dem größten Geheimnis von allem haben Filme sich schon tausendmal geäußert.
Und so überrascht es auch niemanden, sorgt aber doch für einen leichten Kitzel, wenn Paul Schrader bei den Filmfestspielen in Venedig mit „The Basics of Philosophy“ angekündigt ist. Der Titel hat Aspekte von Koketterie. Denn die „Grundlagen der Philosophie“ mögen auf einen typischen Anfängerkurs verweisen; zugleich kann man nicht leicht von den einfachsten Dingen beim das Denken bedenkenden Denken handeln, ohne gleich mächtig in Komplexitäten zu geraten.
Paul Schrader ist so etwas wie ein säkularisierter Gnadentheologe im amerikanischen Kino. Er hat das Drehbuch zu „Taxi Driver“ geschrieben und in seiner späteren Karriere ein dramaturgisches Prinzip entwickelt, sein Großthema „forgiveness“ („Vergeben“) in einer Reihe von immer neuen Remakes eigener Filme zu variieren: In „Light Sleeper“ (1992) war ein Drogenkurier die Figur, die einer Erlösung bedurfte; in „The Walker“ (2007) war es ein professioneller Begleiter in Washington, und Schrader griff dabei den „American Gigolo – Ein Mann für gewisse Stunden“ mit Richard Gere aus Jahr 1980 wieder auf; in dem herausragenden „The Card Counter“ (2021) spielte Oscar Isaac einen Berufsspieler namens William Tell, der von seiner Vergangenheit im Irakkrieg eingeholt wird.
Schlag nach bei Spinoza
In „The Basics of Philosophy“ geht es um einen Philosophie-Professor an einem nicht weiter auffälligen College, der junge Menschen eben an die „basics“ heranführen will und abends ein Buch über Spinoza schreibt. Dieser John Jorrisen war zudem in seiner Jugend in eine missbräuchliche, homosexuelle Handlung verwickelt, deren Implikationen allerlei Anlass geben, Andeutungen über spinozistische Kausalitätstheorie zu machen, die mit dem Adjektiv „basic“ schon grob überbewertet wären.
Kinomenschen identifizieren gern das Werk mit dem Autor. Sie sprechen einfach vom „neuen Schrader“, gemeint ist natürlich „der neue Film von Paul Schrader“. In Venedig hat das Festival auf dem Lido so etwas wie einen heiligen Bezirk für das Kino eingerichtet, einen Haram rund um die berühmten Gebäude aus der faschistischen Ära. Wenn man die Taschenkontrolle passiert und seinen QR-Code hat einlesen lassen, dann befindet man sich in einem abgegrenzten Bereich, den man dann oft den ganzen Tag nicht mehr verlässt.
Umgeben ist man in dieser Zone von Satzfetzen, die oft eine ähnliche Struktur haben. Zum Beispiel: „der neue Tsukamoto kriegt gerade so halbwegs die Kurve“ – Shinya Tsukamoto aus Japan hat mit „Nelson San, Did You Kill People?“ einem in Japan sehr populären afroamerikanischen Vietnamveteranen ein Denkmal gesetzt; „der neue Moretti ist fast so gut wie seine frühen“ – Italiens längst nicht mehr unumstrittener Kinoheld hat für „Succederà Questa Notte – Heute Nacht wird es passieren“ Geschichten von Eshkol Nevo zusammengefügt; „der neue Lee Chang-dong ist wie erwartet stark“ – der koreanische Regiestar erzählt in „Possible Love“ von einer Familie, die durch die Entlassung des Vaters in eine kathartische Lebensphase eintritt und dabei von einer Dokumentarfilmerin begleitet wird. Mit Sätzen dieser Art hält man sich während eines Filmfestivals halbwegs auf Kurs. Der neue Schrader ist leider Unsinn.
Das Konklave von Venedig
Der heilige Bezirk des Kinos mit den vielen Menschen, von denen zwischendurch immer wieder gut 500 in einen Saal verschwinden, hat in seinen besten Momenten etwas von einer philosophischen Akademie, auch etwas von einem Konklave, denn es muss ja ein Goldener Löwe ermittelt werden. Seine ideale Bestimmung erreicht das ganze Exerzitium, wenn man mit jemandem aus einer Vorführung kommt und sofort in ein Gespräch gerät, das gar nicht mehr aufhören sollte, so sehr hat der gerade zu Ende gegangene Film die Sinne geschärft.
So war es zum Beispiel bei „Imperium“ von Sergei Loznitsa, einem dreistündigen Archivfilm über die Sowjetunion der frühen Breschnew-Jahre. Ein italienisches Team war damals drei Jahre im ganzen Land unterwegs, von Tallinn bis Taschkent. Aus den 60 Stunden Material hat Loznitsa eine Auswahl getroffen, die etwas, was damals auch wie Propaganda wirken mochte, zu einer Essenz seines Lebenswerks werden lässt. Denn der ukrainische Filmemacher arbeitet an einem gigantischen Versuch über die Sowjetunion. Schon bisher hat er in vielen Montagefilmen auf Grundlage alter Bilder verschiedene Kapitel ihrer Geschichte durchgearbeitet.
Unter Breschnew gab es sogar Modenschauen
„Imperium“ bietet nun eine räumliche Synthese, von Tallinn bis Taschkent, von Georgien bis Kalmückien. Unter dem Generalsekretär Leonid Breschnew verstand sich die Sowjetunion wieder als leninistische Weltmacht, Stalin war unsichtbar geworden, es herrschte ein kärglicher Ansatzwohlstand, an manchen Orten gab es sogar Modenschauen. Im Zentrum von Loznitsas Aneignung des faszinierenden italienischen Materials, das die Jahre von 1970 bis 1973 abdeckt, klafft eine bewusste Lücke: Kann man sich ein menschliches Projekt vorstellen, das keine Ideologie hervorbringt, sondern eine zwanglose Form, diese unterschiedlichsten Kulturen, Individuen, Auskommensformen der riesigen Union der sozialistischen Sowjetrepubliken auf etwas Gemeinsames zu einigen? Loznitsa verkündet am Ende lakonisch das Ende der Sowjetunion anno 1991, mit Punkt und Datum, als wäre das die logische Konsequenz auch aus dem, was er gezeigt hat. Dabei wirkt „Imperium“ eher wie eine Reflexion darauf, ob vielleicht 1973 ein Jahr war, in dem der real existierende Sozialismus in Russland und seinen Nachbarländern Ansätze zu einer Legitimität entfalten konnte.
Vor dem Festival hat Sergei Loznitsa, gewohnt streitbar, die Europäische Kommission dafür gescholten, dass sie der Biennale in Venedig (der Dachorganisation auch für das Filmfestival) Gelder gestrichen hat, weil bei der diesjährigen Kunstbiennale der russische Pavillon bespielt wurde. Loznitsa sprach von einer Entscheidung „für einen Kindergarten“ angesichts dessen, dass trotz aller Sanktionen zahlreiche Handelsbeziehungen mit Russland aufrechterhalten bleiben.
Mit „Imperium“ kommt er allerdings selbst gefährlich nahe an eine Erzählung, die Putin ohne Weiteres auf seine Zwecke umlenken könnte. Es ist aber wohl gerade dieses Risiko, das den Film zu einem Ereignis macht. Und die Mostra ist mit „Imperium“ eingestimmt auf „Dau“ von Ilya Khrzhanovsky, der Mitte der Woche laufen wird und ein weiteres (noch deutlich umstritteneres) Gesamtkunstwerk über die Sowjetunion sein will. In der Hauptrolle: der Stardirigent Teodor Currentzis!
