Der Vorstandsvorsitzende Benedetto Vigna will keinen Zweifel am neuesten Wurf aus dem Ferrari-Stall aufkommen lassen: „Der Luce ist ein sich aufbäumendes Pferd – kein Elefant“, sagte er am Montag im Gespräch mit der F.A.Z. Das Unternehmen hat zu Wochenbeginn in Rom den ersten vollelektrischen Ferrari seiner Geschichte namens Luce („Licht“) vorgestellt. Ein Ferrari mit schwerer Batterie und ohne Motorgeheul – kommt so was an?
Vigna will allen Traditionalisten entgegentreten und belegen, dass sein Unternehmen schon immer eine Lichtgestalt der technischen Entwicklung war, ohne dabei seine Wurzeln zu vergessen. So sei der neue Wagen durch und durch innovativ, andererseits liege er in der Tradition wendiger, schnittiger und kraftvoller Edelkarossen aus dem norditalienischen Maranello – so wie eben das Markensymbol des sich aufbäumenden Pferdes es verdeutliche.
Vor fünf Jahren entschloss sich Ferrari, den Schritt zum vollelektrischen Ferrari zu gehen. Die Palette der Thermo- und der Hybrid-Modelle brauche diese konsequente Ergänzung Richtung Elektrifizierung, fand das Unternehmen. Dessen Vorstandsvorsitzender war damals übergangsweise John Elkann, der Großaktionär der Industriellen-Familie Agnelli, der heute dem Ferrari-Verwaltungsrat vorsteht. 2019 waren erste Studien angefertigt worden. Die Entscheidung für den E-Ferrari nahm richtig Schwung auf, als Benedetto Vigna im September 2021 vom Halbleiterhersteller ST Microelectronics an die Ferrari-Spitze gewechselt war.

Für Ferrari schwimmen die anderen gegen den Strom
Und heute, in Zeiten, in denen Lamborghini, Rolls-Royce, Bentley, Porsche, Mercedes‑Benz und Lotus ihre Elektrifizierungspläne verlangsamt haben, die EU das Verbrenner-Aus verschoben hat und Donald Trump gegen Elektroautos wettert? Ferrari bereue seine Entscheidung keine Sekunde, betont Vigna. „Wir tragen als Führungskräfte die Verantwortung, mutig zu sein und die Fahne der Innovation hochzuhalten; ansonsten wären wir nur Mitläufer – das war Ferrari nie“, sagt Vigna. Seiner Ansicht nach „ist die Entwicklung der Elektrifizierung unvermeidbar. Daher schwimmen wir nicht gegen den Strom des Fortschritts, jemand anderes tut es“, sagt Vigna, ohne präzisieren zu wollen, wen er meint.
Was er mit Innovation meint, beschreibt der Ferrari-Chef dagegen allzu gern: Mehr als 60 Patente stecken in dem neuen Wagen. Nicht weniger als zwölf unabhängig voneinander arbeitende Elektromotoren finden sich darin, drei an jedem Rad, zum Drehen, zum Ändern der Fahrtrichtung und zum Dämpfen der Stöße. „Vor 80 Jahren brachte Ferrari den ersten Zwölf-Zylinder-Motor, heute sind es zwölf Motoren“, stellt Vigna fest. Diese helfen nach seinen Worten, dem Wagen eine Wendigkeit zu geben, die anderen Modellen dieses Gewichts überlegen sei.
„Der Wagen kann blitzschnell drehen“, erklärt der Produktentwicklungschef Gianmaria Fulgenzi diese empfundene Leichtigkeit. Der Luce ist mit 2,2 Tonnen Leergewicht der schwerste Ferrari, der bisher auf die Straße kam – allein gut 600 Kilogramm wiegt die Batterie, welche die gesamte Fläche zwischen den Achsen und unter den Sitzen einnimmt. Sie ermöglicht, dass die Karosse in 2,5 Sekunden von null auf 100 Kilometer pro Stunde und in 6,8 Sekunden auf 200 Kilometer pro Stunde beschleunigt. Kurz danach kann dann auch die Hochgeschwindigkeit von 310 Stundenkilometern erreicht werden. Dafür sorgt ein mehr als 1000 PS starker Antrieb. Die Reichweite gibt Ferrari mit 530 Kilometern an, doch bestimmt nicht bei solch hohen Geschwindigkeiten.

Erster Ferrari mit fünf Sitzen
Erstmals hat ein Ferrari mit dem Luce auch fünf Sitze, wobei der Mittelsitz auf der Hinterbank auch als halber Sitz durchgehen könnte, so schmal ist er. Als Familienauto will Vigna sein neuestes Gefährt denn auch nicht bezeichnen, das werde einem Ferrari nicht gerecht. Lieber spricht er über die Erwartungen potentieller Käufer, die heute noch gar nicht in der Kundenkartei stehen. „Ich sehe da kein geographisches Muster oder eine Tendenz in der Altersskala. Aber etliche Leute sagen uns, dass sie Teil der Ferrari-Welt werden wollen, sobald wir einen E-Ferrari haben.“
Die Kaufkraft muss solche Neugierde natürlich ergänzen, das war bei den italienischen Luxusschlitten schon immer so: Der Ferrari soll in Deutschland für rund 550.000 Euro auf den Markt kommen, und das nur in der Basisausstattung. Bestellungen nimmt Ferrari ab sofort entgegen. Nach Deutschland sollen die ersten Fahrzeuge Ende des Jahres überstellt werden. Vigna will für den deutschen Markt wie für andere Länder keine Prognose wagen. Doch er erinnert daran, „dass die erneuerbaren Energien in Deutschland rasch ausgebaut werden. Das Interesse an vollelektrischen Autos ist hoch. Das ist ermutigend.“

Doch wie reagieren die eingefleischten Ferrari-Fans, die das Motorgeheul lieben? Der langjährige Ex-Ferrari-Vorstandsvorsitzende Luca di Montezemolo kritisierte schon im Vorfeld, dass ihm „die Musik des Motors“ fehle. Ferrari betont dagegen, dass der Luce einen „authentischen“ Sound erzeuge, der von der Mechanik des Fahrzeugs komme „und das Fahrerlebnis abrundet“. Ein Beschleunigungsmesser in der Mitte der Achse erfasse „die Dynamik und Vibration der rotierenden Komponenten, während sich die Schallwellen ausbreiten“, heißt es.
Dieses von Ferrari entwickelte System „filtert, entzerrt und verstärkt Signale ähnlich wie eine E-Gitarre“. Freilich kann der Fahrer diese Klänge auch abschalten. Er ertönt nur, wenn ein kleiner Hebel links am Lenkrad auf den Modus „Performance“ gestellt ist. Das sei nicht nur eine Funktion, welche die Emotionen des Fahrers anspreche, betont der Hersteller; der Sound vermittle dem Fahrer wichtige Informationen über die Beanspruchung des Wagens.

Fahrspaß soll es weiter geben
Ferrari tritt dabei Vermutungen entgegen, der Luce werde quasi von einem Computer gesteuert. Aktives Fahren und damit Fahrspaß seien erhalten geblieben. Dafür hat man hinter dem Lenkrad die Schaltpaddel erhalten, die es auch bei anderen Modellen aus Maranello gibt. Im E-Ferrari ermöglichen sie über fünf Leistungsstufen eine Veränderung des Drehmoments und somit entweder die Erhöhung der Leistung oder die Betätigung der Motorbremse. Dem Schalten beim Verbrennermotor komme das nicht gleich. Aber es ermögliche etwa in den Kurven ein aktiveres Fahren und damit mehr Spaß, so die Hoffnung von Ferrari.
Dem Konzernchef ist nicht nur das nun präsentierte Produkt wichtig, sondern auch die Art und Weise, wie es entstand – nämlich unter Einbeziehung von mehr externen Partnern denn je. „Wir sind mehr bereit, uns für Innovationen zu öffnen“, sagt Vigna. Das Design wurde weitgehend in San Francisco vom Ex-Apple-Designer Sir Jony Ive sowie von Marc Newson vom Kreativkollektiv Love From entwickelt. Elemente, die an das iPhone erinnern, haben die Fachjournalisten in Rom am Montag daher durchaus wahrgenommen.
In der anderen geographischen Richtung hat man bis nach Korea neue Partner gesucht und gefunden. „Wenn ein Unternehmen eine starke Marke wie Ferrari hat, besteht immer die Gefahr, zu arrogant zu werden und zu glauben, man könne alles allein schaffen“, meint Vigna. „Dagegen ist es ein Zeichen der Stärke, wenn man mit anderen Unternehmen und anderen Teams zusammenarbeitet.“ Ferrari ist stolz darauf, dass es im vergangenen Jahr in Maranello mehr als einen „Technologie-Treff“ mit Start-up-Unternehmen und großen Unternehmen pro Woche, teilweise auch aus ganz anderen Branchen, abgehalten hat.
Herausgekommen sei am Ende, so Vigna, der „komfortabelste Ferrari aller Zeiten“. Dabei betont er freilich, dass der Luce eine Ergänzung der Modellpalette sei, die in keiner Weise die anderen Fahrzeuge in den Hintergrund stelle. „Wir erwarten nicht, dass alle unsere Kunden sich in den Wagen verlieben, wir wollen das tatsächlich auch gar nicht. Für uns steht der Kunde im Mittelpunkt, den wir in keiner Weise zu irgendwas zwingen.“
Ob der Luce auch Licht in die Gewinn-und-Verlust-Rechnung sowie in die Einschätzungen der Analysten bringen werde, ist derzeit offen. Ein Volumenrenner dürfte der Wagen bei dem hohen Preis erst mal nicht werden. Ferrari hofft, dass die wohlhabenden Stammkunden den Wagen aus Freude an der neuen Technologie mit in ihren Bestand nehmen. Die Ferrari-Aktie hatte im vergangenen Herbst beim Investorentag schwer gelitten, als die ersten Komponenten des Luce vorgestellt wurden.
In den vergangenen fünf Tagen hat das Papier um knapp zehn Prozent gewonnen und notiert damit wieder auf dem Niveau zu Beginn des Jahres. „Die Börse weiß jetzt, um was für ein Auto es sich handelt. Manche hatten spekuliert, dass wir eine Markteinführung in drei Stufen gewählt hätten, weil wir in Verzug geraten seien. Das war nicht der Fall“, sagt Vigna. „Stattdessen haben wir detailliert gezeigt, was die neue Technologie leisten und wie sie unseren Kunden dienen kann.“
