Wenn Marcus Meye vor seinen Laden tritt, blickt er auf die Anfänge von Feinkost Lautenschläger. Der 42 Jahre alte Bad Homburger Kaufmann zeigt auf die gegenüberliegende Seite der Louisenstraße in der Innenstadt. Neben dem Bettengeschäft steht ein Laden leer. Dort hat Meyes Urgroßvater Wilhelm Lautenschläger im November 1907 ein Fischgeschäft eröffnet; 1924 dann hat der Uropa das jetzige Gebäude gekauft. Über der Tür prangt die Zahl 118: So viele Jahre schon kaufen die Bad Homburger Delikatessen bei Lautenschläger. Im November werden es 119.
Bis zum Jubiläum ist also noch etwas Zeit, aber Meye hat gerade trotzdem etwas zu feiern: Das Consorzio del Prosciutto di Parma hat seinen Betrieb zu „Deutschlands Parmaschinken-Spezialist des Jahres“ gekürt. Der Geschäftsführer steht jetzt an den Theken mit Fleisch und Wurst ganz hinten im Laden. Die besondere Schneidemaschine, Teil der Auszeichnung des italienischen Verbands, ist noch nicht angekommen. Aber auch ohne sie ist jedenfalls ein älterer Kunde hochzufrieden mit den Schinkenscheiben von Lautenschläger: Die ließen sich mit denen aus dem Lebensmittelmarkt schlicht nicht vergleichen.
Der Mann isst, wie er erzählt, regelmäßig im integrierten Bistro zu Mittag. „Fisch, in drei Gängen!“ Den kann er sich selbst an der Theke zusammenstellen; 180 Gramm Lachs, Zander oder Kabeljau kosten dann 18 Euro, die Kartoffeln oder das Gemüse dazu vier Euro. Gleich neben der Fischtheke blickt der Kunde auf eine Vielfalt von Salaten. Allein einen Kartoffelsalat auszusuchen, dürfte eine Weile dauern.
Außerdem bieten die Bottiche Salate mit Nudeln, Feta, Couscous, Matjes – und, dem Gründer und Urgroßvater zu Ehren, dessen „Schlemmersalat“, einen Garnelencocktail. Der sei früher ein Verkaufsschlager gewesen, sagt Meye. Derzeit sei an der Theke, in der auch kalte panierte und gebratene Fleisch- und Fischwaren liegen, das Kalbsschnitzel der Renner.

Die Mitarbeiterin hinter dem Glastresen berät, schöpft, wiegt, verpackt. Von sechs Uhr morgens an beginnen laut Meye acht bis zehn Köche täglich die Arbeit in der Küche hinter dem Ladenlokal. Die Theken werden ebenfalls so früh schon vorbereitet. Auch bei Fleisch und Wurst wird der Kunde bedient, sei es mit australischem Wagyu-Rind, Maishähnchen, Ahler Blutwurst oder eben Parmaschinken.
Bei der Patisserie und an der Kasse am Ausgang herrscht ebenfalls Kaufladen-Atmosphäre. Ein Mitarbeiter schneidet Stücke vom Streuselkuchen, wickelt Florentiner und Torteletts ein. Beraten wird auch beim Käse mit einer schönen Auswahl vor allem französischer Sorten, von korsischem Schafskäse bis zu Camembert aus der Normandie. Die Preise liegen hier oft bei 3,95 Euro je 100 Gramm. Auch insgesamt sind sie gehoben, erscheinen aber nicht überteuert.
Wer sich lieber selbst bedient und verpackte Ware schätzt, findet ebenfalls ein umfangreiches Angebot. In einem Kühlschrank stehen üppige Bowls für knapp 14 Euro mit Lachs, Feta und Thunfisch. In einer anderen Theke liegen inzwischen Convenience-Gerichte in schwarzen Schalen mit Folienüberzug für den Backofen oder die Heißluftfritteuse: Lasagne, Thai-Curry, Bœuf Bourguignon.

Die SB-Produkte sollen bei einem Umbau in den nächsten Jahren mehr Platz bekommen, sagt Meye. Aber wie viel genau? Und was ist mit SB-Kassen, gar einem 24-Stunden-Angebot? Was ist zeitgemäß, was zu viel? Darüber denke er gerade viel nach, berate sich mit der Familie und dem Betriebsleiter. Schließlich schätzten viele Kunden gerade auch das Einkaufserlebnis.
Der Urgroßvater hat den Fisch einst mit der Sackkarre am Bad Homburger Güterbahnhof geholt. Seine Tochter Ria Lautenschläger übernahm den Laden, heiratete und hieß dann Meye. Marcus Meyes Vater Thomas gehört noch immer zur Geschäftsführung – und kann sich aus Kindertagen noch an den Fischtransport gen Innenstadt erinnern. Inzwischen betreibt Feinkost Lautenschläger, ein Betrieb mit insgesamt 65 Mitarbeitern, am Güterbahnhof eine Event-Location: Dort werden Hochzeiten, vor allem aber Unternehmensfeiern ausgerichtet. Auch beim Catering seien die großen Unternehmen in der Stadt ein wichtiger Kunde, sagt Meye. Das größte Standbein aber soll der Laden an der Louisenstraße bleiben.
