Wer verstehen will, wie Wolfgang Kubicki – ein meist grau gekleideter, scharfzüngiger Anwalt aus der Provinz – zu einem deutschen Volkstribun werden konnte, sollte ihm beim Beurteilen der Konkurrenz zuhören. Die unerwartete Wiederauferstehung der Partei Die Linke, schwärmte Kubicki unlängst, hätte mit der „lustigen Aktion Silberlocke“ begonnen, also der Medien- und Direktmandatsoffensive dreier Linke-Haudegen, die dann von einem „wirklich grandiosen Auftritt“ der jungen Heidi Reichinnek im Bundestag vollendet worden sei.
Kubicki, sozialistischer Sympathien weitgehend unverdächtig, hat offenkundig kein Problem damit, dem politischen Gegner Respekt zu zollen, sofern dem was Freches gelungen ist. Das ist selten in der Politik. Kubicki kann gönnen, und dafür braucht es Eigenschaften, die auf viele Menschen anziehend wirken: eine gewisse Großzügigkeit, gewitzten Pragmatismus, Unverkniffenheit. In dieser Hinsicht ist Kubicki der bessere Söder.
Wenn die FDP-Delegierten Ende des Monats den 74 Jahre alten Politiker zum neuen Parteichef wählen, stimmen sie vor allem für eine Hoffnung: dass die Bekanntheit und Beliebtheit Kubickis den nicht mehr ganz so bekannten und beliebten Liberalen zum Aufschwung verhelfen wird. „In normalen Zeiten wäre wohl niemandem in der FDP der Name Kubicki für den Parteivorsitz eingefallen“, sagt ein früherer Spitzenliberaler und greift – eine Politikerangewohnheit – zu einem Bild aus dem Fußball: „Es gibt diesen Trainertyp, den man nur dafür einstellt, den Aufstieg zu erreichen oder den Abstieg zu verhindern. In normalen Zeiten würde so ein Trainer nicht funktionieren.“
Anführer mit anderer Gewichtsklasse
Von normalen Zeiten lässt sich fürwahr nicht reden, schon gar nicht für die FDP. Vor einem guten Jahr flog die Partei, die zum Inventar der Bundesrepublik gehörte, aus dem Deutschen Bundestag. Das war zwar im Jahr 2013 schon einmal passiert, aber damals hatten sich die Liberalen schnell auf einen neuen Stern fixiert, Christian Lindner, der die Partei bald wieder in der Wählergunst steigen ließ. Nach dem Wahlschock von 2025 versammelte sich die Partei dagegen hinter einem Mann, an den sie nicht recht glaubte, und als die Umfragewerte nach einem Jahr noch tiefer gesunken waren, war die Episode Christian Dürr vorüber. Will die FDP in den nächsten Bundestag zurückkehren, muss sie von einem Anführer mit anderer Gewichtsklasse aus dem Graben gezogen werden – und zwar rasch, denn angesichts der Dauerkrise im Berliner Regierungsviertel weiß niemand, ob es nicht abermals zu vorgezogenen Wahlen kommen wird.
Zunächst bot sich der FDP-Fraktionschef im Düsseldorfer Landtag, Henning Höne, an. Mit 38 Jahren ist er jung genug, um als Zukunftshoffnung durchzugehen, aber im Gegensatz zu den legendären Jungstars früherer Zeiten, Guido Westerwelle und Christian Lindner, fehlt ihm der Rebellen-Charme. Höne redet vernünftig und kohärent, sodass sich Ältere an den früheren FDP-Chef Wolfgang Gerhardt erinnert fühlen können, der in den Neunzigerjahren als Verkörperung liberaler Solidität galt. Aber die FDP schreibt das Jahr 2026. Kubicki, der erst als Zweiter seine Kandidatur erklärte, ging bei gemeinsamen Auftritten so nachsichtig mit „dem Henning“ um, als habe er gewusst, dass er von einem bundespolitischen Leichtmatrosen mit einem Stich ins Biedere nicht viel zu befürchten hat – nicht in diesen Zeiten, nicht in dieser Parteistimmungslage.

Kubicki sollte recht behalten. In der vergangenen Woche einigten sich die beiden auf eine gemeinsame Kandidatur: Kubicki als Nummer eins, Höne als Nummer zwei, der Alte als Parteichef, der Junge als Stellvertreter. Vermutlich kam Höne damit einer Abstimmungsniederlage auf dem Parteitag zuvor, die seine Chancen bei den nordrhein-westfälischen Landtagswahlen im kommenden Jahr nicht vergrößert hätte. Ob ihm das selber bewusst geworden war oder ihn ein zwingendes Plädoyer des Favoriten umgestimmt hatte, wollen die beiden lieber für sich behalten.
Nun müssen sich mangels Alternative alle in der Partei um den notorischen Querkopf Kubicki scharen, auch jene, die sich in den vergangenen Wochen intern oder öffentlich gegen ihn positioniert hatten. Die gab es reichlich, von der omnipräsenten, mittlerweile aus dem EU-Parlament operierenden Marie-Agnes Strack-Zimmermann über den Parteivize Johannes Vogel bis hin zur Veteranin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Die Mäkeleien, die aus dem linksliberalen Flügel gegen Kubicki gestreut wurden, hatten auch in der medialen Berichterstattung Gehör gefunden: Kubicki sei tendenziell unseriös, unfähig, eine Partei professionell zu führen, und überdies unberechenbar, wo es um die Abgrenzung nach rechts gehe.
Im Kubicki-Lager wurden die Vorwürfe teils als durchsichtig zurückgewiesen, teils für unerheblich erklärt. Für lachhaft hielt sie kaum jemand. Man tritt Kubicki nicht zu nahe, wenn man ihm politische Sprunghaftigkeit nachsagt, auch wenn er selber lieber von „Lernfähigkeit“ spricht. Früher galt er als Vertreter des linksliberalen Flügels, jetzt sieht man ihn am rechten Rand der Liberalen. Eine Weile war er voll des Lobes für einen anderen bundesweit bekannten Schleswig-Holsteiner, den Grünen-Politiker Robert Habeck, dann fand er plötzlich nur noch Spott für ihn.
Lange, sogar schmerzhaft lange, hielt Kubicki an einer russlandfreundlichen Politik fest, warb für die Gasleitung Nord Stream 2, gegen Russlandsanktionen, für eine Rückkehr Wladimir Putins in die G 8. Heute empfindet er den Begriff Putin-Versteher zwar immer noch als Anerkennung, weil Verstehen zum politischen Geschäft gehöre, aber er beschwört die russische Bedrohung mittlerweile mit der ihm eigenen Affinität zu Pointen: „Eine Rakete von Königsberg nach Berlin braucht zwei Minuten und zwölf Sekunden, das reicht noch nicht mal, um eine Flasche Wein aufzumachen.“
„Dem Nachdenken geschadet“
Kubicki reagiert nicht gereizt, wird er mit seinen Volten konfrontiert. Er habe eben nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine einige Tage nachdenken müssen und dann seine lange gehegte Überzeugung, dass Wandel durch Handel möglich sei, aufgegeben. Befragt nach einem Fehler, den er bedauere, fällt ihm ein anderer ein: sich nicht noch früher dafür eingesetzt zu haben, die Ampelkoalition zu verlassen. Zu lange habe er sich von der „Emotion“ der Anfangszeit mitreißen lassen, in der ein „Team-Spirit“ beschworen wurde. Das habe den Blick auf die Realitäten vernebelt und „meinem Nachdenken geschadet“. Das Einzige, was sich Kubicki nicht zu verzeihen scheint, ist der vorübergehende Ausfall seines messerscharfen Verstandes.
In seiner langen Laufbahn war er politisch mal hier, mal dort, aber wo immer er gerade haltmachte, traf er rhetorisch ins Schwarze. Wenige können so rasant und so punktgenau formulieren. Vielleicht ist es kein Zufall, dass seine Karriere im Gleichtakt mit der kommunikativen Digitalisierung abhob. Onlineplattformen wie X, auf denen sich ein immer größerer Teil der politischen Meinungsbildung abspielt, sind wie gemacht für ihn. Belohnt werden Schlagfertigkeit und die Dauerbereitschaft zum politischen Nahkampf. Kubicki hat für einen Politiker im Rentenalter beachtliche 74.000 Follower an sich gebunden. Die berufsjugendliche Heidi Reichinnek bringt es auf 49.000. Kubickis junger Rivale Höne hat keine 6000.
Sarkasmus und böser Witz führen Kubicki die Finger, wenn er Posts über Kabinettsmitglieder in die Tastatur tippt und deren Phrasen (die Menschen mitnehmen, Gerechtigkeit voranbringen) auseinandernimmt. Mit Vergnügen platziert er Videoschnipsel aus Reden von Kanzler und Ministern, die er dann mit beißenden Kommentaren versieht. Man kennt dieses Vorgehen auch von AfD-Vertretern, aber Kubickis Posts kommen meist ohne das Dröhnende, Plumpe, Vulgäre aus. Es ist diese Schnittstelle oder auch Nische, die Kubicki für sich und die FDP entdeckt hat: jene anzusprechen, denen die schwarz-rote Koalition zu entscheidungsschwach und auch zu links ist, die aber nicht zur AfD wollen oder unglücklich bei ihr sind. Da könnten einige, vielleicht die lebensentscheidenden Prozentpunkte für die Liberalen zusammenkommen.
Zum Herzensthema ist Kubicki die Meinungsfreiheit geworden, die er von einem falsch verstandenen Einsatz für „unsere Demokratie“ und dem Kampf gegen „Hass und Hetze“ bedroht sieht. Viele Beobachter, zuletzt Journalisten der Zeitschrift „Der Spiegel“, werfen ihm vor, damit ein „rechtes Narrativ“ zu bedienen. Dabei könnte man sich mit Kubicki auch darüber wundern, warum nicht mehr in der sogenannten politischen Mitte aufschreien, wenn Spitzenpolitiker rechtlich gegen Kritiker vorgehen oder, wie jüngst die frühere SPD-Chefin Saskia Esken, zum Werbeboykott eines Influencers aufrufen, weil der dem AfD-Rechts-außen Björn Höcke für vier Stunden eine Bühne bot.
Während die AfD über die „linke Cancel Culture“ schäumt, spricht Kubicki kühl von einer „Entgleisung“ der Sozialdemokratin. In einer liberalen Demokratie entschieden nicht Politiker darüber, was gedruckt oder gesendet werde, erinnerte er Esken via X und verwies auf den Vorzug unzensierter Öffentlichkeit. Schließlich erlaube sie den Lesern und Hörern, sich ein eigenes Bild von Politikern zu machen, gerade auch von deren „Dummheit“. Dann zitierte er einen Satz Höckes, der jedem Liberalen den Magen umdrehen muss: „Der höchste Grad von Freiheit ist es, freiwillig in einer intakten Gemeinschaft aufzugehen und ihr dienen zu dürfen.“

Früher habe man ihn als „Knallfrosch aus dem Norden“ bezeichnet, erinnert sich Kubicki. Das höre er nun nicht mehr. Spät in seiner politischen Laufbahn hat er zu einer Mission gefunden, die in der demokratischen Mitte einmal selbstverständlich war und seit einigen Jahren nicht mehr gratis zu haben ist: der Verteidigung bürgerlicher Grundrechte. Erstmals fiel das während der Corona-Zeit auf, wo er als einer der wenigen Nicht-AfD-Politiker das rechtsstaatliche Prinzip der Verhältnismäßigkeit einklagte und die Einschränkung grundgesetzlich garantierter Freiheiten kritisierte.
Der Filou entwickelte Gravitas – nicht weil er seine Positionen verändert hatte, sondern weil er ihnen ungeachtet politischer Klimaverschiebungen treu geblieben war. „Während der Pandemie entdeckte ich erstmals, dass mir Kubicki wirklich imponierte“, sagt ein Liberaler aus der letzten Bundestagsfraktion, der sich mit dieser Zustimmung nicht öffentlich exponieren möchte.
Jahrzehntelang hatte Kubicki, um zum Fußballbild zurückzukehren, von der Seitenlinie aus reingerufen. Seine Bank stand in Kiel, wo er die schleswig-holsteinischen Liberalen seit den frühen Neunzigerjahren dominiert. Dort und von dort zog er, weit über Partei und Bundesland hinaus, politische Fäden. Als erfolgreicher Strafanwalt mit Hang zu prominenten Mandanten knüpfte er besondere Kontakte in der Politik und in der Wirtschaft. Das brachte ihn zuweilen in Verlegenheit. Lange musste er sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, er habe das Land Mecklenburg-Vorpommern beim Kauf einer Mülldeponie wegen eigener wirtschaftlicher Beteiligungen nicht uneigennützig beraten.
1993 legte er wegen der Rechtsverfahren seine Führungsämter nieder, nur um sie drei Jahre später wieder aufzunehmen; es war ihm nichts nachzuweisen. Seine persönlichen Erfahrungen, auch seine beruflichen Einblicke in die menschlichen Niederungen machten ihn zu einem Seismographen bei der Aufarbeitung der Barschel-Engholm-Affäre, die jahrelang bundespolitisch ausstrahlte und am Ende Verwüstungen in der SPD anrichtete. Niemand durchschaute das Geflecht aus Verrat und Täuschung so sehr wie der Jurist und Menschenkenner Kubicki. Immer wieder brachte er Journalisten auf Spuren, die das Weiterstöbern lohnten.
Überparteilich veredelt
Erst 2017 verlagerte er sein Wirkungszentrum dauerhaft in die Bundespolitik und an den Regierungssitz. Womöglich wäre er Minister geworden, hätten die Verhandlungen über eine Jamaika-Koalition einen besseren Verlauf genommen. Am Ende erwies sich das Scheitern als Glücksfall für ihn, denn er sicherte sich den Posten des stellvertretenden Bundestagspräsidenten, ein Amt, das seine öffentliche Ausstrahlungskraft mit einer staatspolitischen, fast überparteilichen Aura veredelte. Spätestens in dieser Zeit wurde Kubicki zu dem, was man in der Politik ein Urgestein nennt. Die Älteren beobachteten ihn und erinnerten sich an Kubicki-Momente aus ihrer Jugendzeit. Die Jüngeren hatten ohnehin den Eindruck, er müsse schon immer da gewesen sein.
Nie in seiner langen Laufbahn hatte Kubicki ernsthaften Ehrgeiz entwickelt, an die Spitze zu rücken, sei es aus Einsicht oder Kalkül. Während sich Parteifreunde, in rascher Folge, in der ersten Reihe verbrannten, wärmte sich Kubicki feixend in der zweiten auf. Wer erinnert sich heute noch an ehemalige Parteichefs wie Klaus Kinkel oder Philipp Rösler, an Bundesminister wie Dirk Niebel oder Daniel Bahr? Kubicki ist geblieben. Die Mischung aus Durchhaltefähigkeit, Mut zu unpopulären Positionen und Beredsamkeit haben Kubicki zu einem Faktor in der Öffentlichkeit gemacht. Fachleute hätten ihm „Volksfest-Bekanntheit“ bescheinigt, bemerkt er mit einer Mischung aus Stolz und Verwunderung. Vielleicht hätten die Menschen die glatte Agentursprache der Politiker satt, während er das „Bedürfnis nach klarer Ansprache“ bediene, versucht er eine Erklärung. Dieses Pfund wolle er nun jedenfalls aus Verantwortung für die Liberalen in deren Dienste stellen.
Eine „Kubicki-Partei“ werde die FDP dabei nicht werden, versichert er, weil er ein anderes Verhalten als seine Vorgänger an den Tag legen und die Liberalen in „enger Abstimmung“ führen wolle. Das klingt nach einem neuen Kubicki, und tatsächlich, berichtet er, werde ihm neuerdings widergespiegelt, weniger arrogant, ja „weicher“ geworden zu sein. Andererseits ist noch immer genug Kubicki übrig, wenn er den Anspruch an sich definiert. Statt sich demütig an einem Vorbild aus der FDP-Vergangenheit auszurichten, hofft er, das Beste gleich mehrerer Vorsitzender in sich vereinen zu können: die Beliebtheit Hans-Dietrich Genschers, die analytischen Fähigkeiten Otto Graf Lambsdorffs und die rhetorische Gewandtheit Guido Westerwelles sowie Christian Lindners.
