Eintracht Frankfurt trifft beim Testspiel im Gießener Waldstadion am Samstag (17 Uhr) auf einen alten Bekannten: Michael Fink ist seit 2024 Cheftrainer des FC Gießen, der die vergangene Saison als Vierter der Hessenliga beendet hat. In Finks Vita stehen 137 Bundesligaspiele – 87 davon hat er mit dem Adler auf der Brust bestritten. Mit der F.A.Z. sprach der Vierundvierzigjährige über seine Trainerlaufbahn, die Verbindung zur Eintracht – und eine mögliche Rückkehr an den Main.
Herr Fink, erinnern Sie sich noch an den 19. Januar 2008?
An diesem Tag muss mein Tor des Monats gefallen sein. Mit Eintracht Frankfurt hatten wir ein Testspiel gegen den SC Paderborn. Es kam eine Flanke von rechts – ich kann mich nicht mehr erinnern, von wem. Ich war zu schnell im Strafraum, und der Ball kam in meinen Rücken. Es gab nur noch eine Option – ihn per Fallrückzieher zu nehmen. Er ist dann schön reingegangen. Es war ein unvergesslicher Moment, die Medaille hat einen Ehrenplatz. Daran erinnere ich mich sehr gern.
Sie spielten von 2006 bis 2009 in Frankfurt. Welche Rolle spielt die Eintracht heute in Ihrem Leben?
Eine sehr große. Ich bin immer noch für sie tätig und spiele für die Traditionsmannschaft, wenn es zeitlich passt. Einmal pro Woche arbeite ich in der Fußballschule. Dort bieten wir Training für junge Talente aus der Region an, das macht viel Spaß. Ich wohne in Dreieich und habe es nicht weit zum Stadion. Mein Lebensmittelpunkt ist also nahe Frankfurt.

Ihr letztes Bundesligaspiel für Frankfurt bestritten Sie im Mai 2009 an der Seite von Akteuren wie Alex Meier und Marco Russ. Der Trainer war Friedhelm Funkel. Wie nehmen Sie die Entwicklung des Vereins seitdem wahr?
Die Entwicklung ist sensationell. Die Eintracht von heute kann man nicht mehr mit dem Verein aus der Zeit, in der ich hier war, vergleichen. Es war mehr oder weniger Überlebenskampf. Vor meinem ersten Jahr hatte sie sich über den Pokal für den UEFA-Cup qualifiziert, zum ersten Mal seit Langem. Als ich weg war, ging es noch mal in die Zweite Bundesliga. Danach hat sich Frankfurt von einem mittelmäßigen Bundesligaklub zu einem Top-5-Klub vorgearbeitet. Wie die Marke gewachsen ist: Das ist enorm und freut mich. Es birgt aber auch Gefahren, die Erwartungshaltung ist extrem groß. Man hat es in der vergangenen Saison gemerkt. Wenn man zurückblickt und schaut, wo die Eintracht mal war, dann muss man solch eine Saison akzeptieren.
Ihr ehemaliger Mitspieler Alex Meier zählt mittlerweile zum Trainerstab der Bundesligamannschaft. War eine Rückkehr für Sie ein Thema – oder könnte sie es künftig werden?
Ich könnte mir das sehr gut vorstellen. Es hat sich noch nie etwas ergeben, es gab auch keine Anfrage. Aber der Kontakt ist immer da. Vielleicht klappt es früher oder später mal – vielleicht auch im Jugendbereich. Ich habe meinen Vertrag in Gießen kürzlich um ein Jahr verlängert, die Verbundenheit ist da. Ich bin jetzt sechs Jahre hier und habe alles miterlebt. Der FC Gießen ist gefühlt meine zweite Heimat geworden. Ich tue sehr viel für den Verein, er gibt mir aber auch sehr viel zurück. Er ist wie eine kleine Familie.

Wie lauten Ihre konkreten Ziele?
Mein Wunsch ist es, in die ersten drei Ligen zu kommen. In Deutschland oder im Ausland. Erst einmal als Ko-Trainer. Ich glaube, dass ich ein sehr gutes Auge habe, ein loyaler Mensch bin und gut zuarbeiten kann. Ziel für die nächsten Jahre ist es, den Schritt zu machen und mich weiterzuentwickeln.
Der FC Gießen stieg 2025 aus der Regionalliga ab, sorgte als Underdog aber mit bemerkenswerten Leistungen für Aufsehen. Wie haben Sie diese Zeit in Erinnerung?
Es war am Anfang sehr turbulent mit dem plötzlichen Abgang unseres Trainers, mit dem keiner gerechnet hatte. Ich wurde in die Cheftrainerrolle reingeworfen und habe die Doppelbelastung gemerkt. Diese wurde mir dann genommen: Nach meiner Verletzung konnte ich mich voll und ganz auf die Arbeit als Coach konzentrieren. In dem Jahr habe ich viel gelernt. Wir haben gezeigt, dass man auch mit kleinen Mitteln relativ guten Fußball spielen kann, und sensationelle 38 Punkte geholt. Dennoch sind wir abgestiegen, das war bitter. Leider gab es also keinen guten Ausgang.
Für Gießen spielten Sie im Alter von 42 Jahren noch in der Regionalliga – bis Sie beim 4:5 in Göppingen im Oktober 2024 ein Kreuzbandriss stoppte. War dies die letzte Partie des Spielers Michael Fink?
Ja, zumindest offiziell. Ich weiß nicht, ob Spiele in der Traditionsmannschaft zählen. Dort habe ich vor eineinhalb Monaten mein Comeback gegeben. Meine wirkliche Spielerkarriere ist aber vorbei, der Fokus liegt auf der Entwicklung als Trainer. Damit bin ich gut beraten.

Vor jener Saison stieß ein bis dahin eher unbekannter Stürmer zum Gießener Kader – Younes Ebnoutalib. Inwiefern war sein steiler Aufstieg absehbar?
Es war zu sehen, dass er Potential für mehr als Regionalliga hat. Man wusste aber nicht, wie schnell es gehen wird. Younes kam damals aus einer längeren Verletzungspause. Dazu, dass der Weg aus der Regionalliga in die Bundesliga in einem Jahr funktioniert, gehören viele Dinge wie das nötige Glück und auch der richtige Moment. Es freut mich riesig für ihn, er hat einen super Charakter. Younes arbeitet neben dem Platz unglaublich viel – das war auch zu Gießener Zeiten schon so. Die harte Arbeit hat sich ausgezahlt. Ich hoffe, dass er wieder dahin kommt, wo er war, und Einsatzzeiten hat.
Die Saison nach dem Abstieg beendete Gießen als Vierter der Hessenliga, muss nun aber den nach Schweinfurt gewechselten Torschützenkönig Mirco Geisler ersetzen. Wie ist die Perspektive des Vereins?
Wir haben wieder einen großen Umbruch und wissen noch nicht genau: Wie schnell wird es funktionieren? Greift ein Rädchen ins andere? Einen Stürmer, der 27 Tore macht, ersetzt man nicht einfach so. Wir haben also noch ein paar Baustellen und versuchen, es so gut wie möglich zu kompensieren. Wir wollen oben mitspielen, das ist immer das Ziel des FC Gießen in der Hessenliga.
Das Testspiel gegen Eintracht Frankfurt …
… ist eine Riesensache für die Spieler, Trainer, für die komplette Region. Auch ich kann daraus viel mitnehmen. Es ist total interessant, sich mit diesem Gegner zu messen. Unser Geschäftsführer Michèl Magel hat unglaublich hartnäckig um Eintracht Frankfurt gebuhlt, nicht lockergelassen.
Anfang Juli testeten Sie gegen Bundesliga-Aufsteiger SV Elversberg (0:5). Was ist gegen die Eintracht drin?
Wir wollen mutig auftreten. Klar, wir müssen kompakt verteidigen und Umschaltmomente ausnutzen. Ein Tor zu schießen, wäre schön – und nicht viele Gegentore zu bekommen. Es wird eine tolle Erfahrung für jeden einzelnen Spieler, man lernt aus solchen Partien unglaublich viel. Ich bin guter Dinge, dass wir ein guter Gegner sein können: Das ist das Ziel.
Die Fragen stellte Steffen Schneider.
