Als Ousmane Dembélé und Chwitscha Kwarazchelia nicht mehr in die eine Richtung rennen, als Luis Díaz und Michael Olise nicht mehr in die andere Richtung rasen, als die Stürmer aus Paris und die Stürmer aus München nicht mehr an den Gesetzen von Raum und Zeit rütteln, wie in einem Fußballstadion vielleicht noch nie an ihnen gerüttelt wurde, als das alles vorbei ist, sitzt Vincent Kompany vor den Reportern und spricht über Religion.
Es ist fast Mitternacht und der Fußballtrainer des FC Bayern ist in der Pressekonferenz gerade gefragt worden, ob in diesem Halbfinal-Hinspiel der Champions League, in diesem Sieg der besten französischen über die beste deutsche Mannschaft, in diesem 5:4 der Kern des Spiels sichtbar geworden sei.
Es geht um die Gretchenfrage des Fußballs. Der Reporter scheint sagen und vielleicht auch hören zu wollen, dass die offensive Spielidee, der die Trainer und Teams aus Paris und München folgen, die einzig wahre sei. Doch Kompany sagt, dass Fußball wie Religion sei, dass man an das glaubt, an was man glaubt. Er sagt, dass es keine einzig wahre Spielidee gebe, dass er als Trainer auch schon in der zweiten Liga in England gearbeitet und gelernt habe, dass die Fans dort es eben feiern, wenn der Ball hoch und weit geschossen werde.
Die Entdeckung der Geschwindigkeit
Paris, Parc des Princes. Es ist 20.55 Uhr, als in dem Stadion im Westen der Stadt zweiundzwanzig Männer auf das Spielfeld kommen und sich kurz danach in ihrer Hälfte aufstellen, elf auf der einen, elf auf der anderen Seite. In den nächsten zwei Stunden wird man sehen, wie sie die Hälfte des Gegners erobern wollen, Sprint für Sprint für Sprint.
Und weil sie eben rennen und rasen, so schnell, dass sie an den Gesetzen von Raum und Zeit rütteln, wird man nach diesen zwei Stunden sagen können: Paris Saint-Germain gegen den FC Bayern, das war wie Amundsen gegen Scott, weil zwei Fußballmannschaften in einen Bereich vorgestoßen sind, in den davor noch keine Fußballmannschaft vorgestoßen war.
Als Luis Enrique, der Trainer der Pariser, der Sieger, um kurz nach Mitternacht dort sitzt und spricht, wo Kompany gerade gesessen und gesprochen hat, sagt er, dass es eine Nacht gewesen sei, an die man sich ewig erinnern werde. Stimmt das?
In diesem Fall könnte das nicht nur so dahingesagt sein, weil dieses Spiel, PSG gegen FCB, zwar anders als Amundsen gegen Scott, die Entdeckung des Südpols, kein besonderer Moment in der Geschichte der Menschen sein wird, dafür aber möglicherweise ein besonderer in der Geschichte des Fußballs: als Entdeckung der Geschwindigkeit. Denn am Dienstagabend kann man im Parc des Princes so klar wie wahrscheinlich noch nie sehen, was für Spieler eine Mannschaft haben muss, die den anspruchsvollsten Wettbewerb des modernen Fußballs gewinnen will.
Dritte Minute. An der Außenlinie ist Alphonso Davies, der Linksverteidiger der Bayern, schneller als sein Gegenspieler. Dort wird deutlich, warum der Trainer Kompany (der in diesem Halbfinal-Hinspiel wegen einer Gelbsperre nicht an der Außenlinie, sondern nur auf der Tribüne sein darf) im bisher wichtigsten Spiel der Saison auf einmal auf Davies statt auf Konrad Laimer setzt.
Wenn Davies nur etwas langsamer wäre, würde er vermutlich nicht mal in der Bundesliga spielen, weil sogar in seinem Verein gewitzelt wird, dass er den rechten Fuß vor allem zum Bierholen habe. Doch in der dritten Minute sieht man, dass im Laufduell mit ihm selbst Achraf Hakimi nichts zu lachen hat.
Hakimi ist schnell. Und es sagt eigentlich schon alles über die Mannschaft von Paris Saint-Germain aus, dass er dort nur der zweitschnellste Außenverteidiger ist. Nuno Mendes ist noch schneller. Vor den Außenverteidigern Hakimi und Mendes spielen die Außenstürmer Chwitscha Kwarazchelia und Désiré Doué. Und zwischen denen Ousmane Dembélé.
In Paris spielt nur noch einer, der die höchsten Geschwindigkeitsanforderungen nicht erfüllt
Danach hat Enrique den Torhüter Gianluigi Donnarumma fortgeschickt, weil der mit dem Ball am Fuß nicht schnell genug war. Es gibt in seiner Elf damit eigentlich nur noch einen Spieler, der die höchsten Geschwindigkeitsanforderungen nicht erfüllt: Marquinhos, der Kapitän.
Zwölfte Minute. Als Luis Díaz, der Außenstürmer des FC Bayern, den Ball an ihm vorbeispielt und dann auch an ihm vorbeisprinten will, stellt sich Marquinhos ihm in den Weg. Foul, Gelbe Karte. Diese Sprints sind der Grund, warum sie in München wiederum vor der Saison für Díaz, der im Januar 29 Jahre alt geworden ist, alleine als Ablösesumme mindestens 67,5 Millionen Euro ausgegeben haben sollen. 16. Minute. Im Strafraum ist Díaz schnell, aber auch geschickt. Foul, Strafstoß, 1:0 durch Harry Kane. Er ist der langsamste Stürmer auf dem Feld. Und auch das ist eine Lehre dieses Spiels: Diese Langsamkeit kann man sich als Stürmer dann leisten, wenn man so oft ins Tor trifft wie Kane.

24. Minute. Auf einmal sind Doué und Kwarazchelia schnell auf einer Seite – und die Bayern überfordert. Kwarazchelia dribbelt Josip Stanišić aus und trifft. 1:1. An Stanišić sieht man, dass Paris Mittel hat, die München so wohl nie haben wird. Die Bayern können sich nicht nach einem teuren Außenstürmer auch noch einen teuren Außenverteidiger kaufen. Sie müssen ein bisschen bluffen. Stanišić, der Schlawiner, machte das in dieser Saison gut. Er spielte wie ein Student, der in seinem Kurs mitdiskutiert, obwohl er das Paper nicht gelesen hat. Doch in diesem ersten Halbfinalspiel können alle lesen, dass Stanišić das Paper nicht gelesen hat.
Das Spiel ist immer wieder zu schnell für ihn. Erstaunlicherweise auch für Jamal Musiala, der zu spät ist, als sein Gegenspieler João Neves bei einer Ecke mit dem Kopf zum 2:1 trifft (33. Minute). Das Spiel wird noch schneller.
41. Minute. Michael Olise zeigt, dass er mit dem Ball am Fuß gerade schneller ist als fast jeder andere Stürmer auf der Welt, dribbelt durch die Mitte, trifft, 2:2. 45. Minute. Handspiel Davies, Strafstoß, 3:2 durch Dembélé. Und als Kwarazchelia und Dembélé nach der Halbzeitpause in der 56. und 58. Minute das 4:2 und das 5:2 schießen, hätte es mit diesem Spiel und damit vermutlich auch mit dem Finale für den FC Bayern schnell vorbei sein können.

Als der Schiedsrichter das letzte Mal an diesem Abend in seine Pfeife pustet, ist es aber nicht vorbei. Die Bayern haben verloren, aber nicht 2:5, sondern 4:5. Weil erst Dayot Upamecano (65. Minute) getroffen hat, dann Díaz (69. Minute), der an diesem Abend noch etwas besser ist als Olise, vielleicht sogar noch etwas besser als Dembélé und Kwarazchelia.
Fünf Tore für Paris, vier Tore für München, neun Tore insgesamt – so viele hat es in einem Halbfinalspiel der Champions League noch nicht gegeben. Das passt zum Trend im Spitzensport, das Angreifen wird immer wichtiger. Nicht nur im Fußball, auch im American Football, im Basketball, wo immer mehr Dreipunktewürfe versucht werden, weil man mit Dreipunktewürfen eben mehr Punkte machen kann als mit Zweipunktewürfen.
Im Fußball ist die Rechnung nicht so einfach, aber auch dort kommen immer mehr zu diesem Ergebnis: dass ein perfekter Angriff auch mit einer perfekten Verteidigung nicht aufgehalten werden kann. Und wenn dieser Angriff in höchster Geschwindigkeit erfolgt, noch viel weniger.
Sowohl Paris St. Germain als auch Bayern München haben nicht perfekt verteidigt. Doch sie haben sich nicht nur für diesen Weg entschieden, weil es aus ihrer Sicht der schönere Weg ist, sondern auch deswegen, weil sie wirklich daran glauben, dass dieser Weg sie zum Titel führen wird. Und, im Fall von Paris, sogar schon zum Titel geführt hat.
Das, was Luis Enrique und Vincent Kompany machen, ist keine Religion. Das ist Wissenschaft.
