Deutschland und seine Bären. 2006 wurde Bruno, der erste Braunbär, den es seit 170 Jahren nach Bayern verschlagen hat, zum „Problembären“ stilisiert und zum Abschuss freigegeben – heute steht er ausgestopft im Münchner Museum Mensch und Natur. Sein Vorfahre, der letzte wild lebende Bär Deutschlands, wurde 1835 im oberbayerischen Ruhpolding erlegt – nicht in Hessen!
Letzteres braucht man nicht zu wissen, um zu merken, dass uns Regisseur Peter Meister mit seiner schwarzen Komödie „Bärenjagen“ einen gehörigen Bären aufbinden will. „Laut Bericht des Hessischen Anzeigers aus dem Jahr 1834 ist dies eine wahre Geschichte“ steht da zu Filmbeginn und das ist nur konsequent für diesen hessischen Western, der mit seiner herrlich irrsinnigen und dabei irrsinnig gegenwärtigen Geschichte aus dem 19. Jahrhundert in die Gegenwart grätscht. Ein Bär ist auch das Zentrum von „Bärenjagen“, ein mehr metaphorischer denn tatsächlicher allerdings.
„Wem gehört die Hand?“, fragt die Gendarmerie, als mal wieder Menschenteile auf einem Feld gefunden werden. Weil Rudolf Hünfeld (Bernhard Schütz), Major der Landesgendarmerie, nicht wirklich an der Aufklärung der vielen Todesfälle in letzter Zeit interessiert ist, lässt der im Hessischen Landesboten ein hohes Kopfgeld auf den letzten Bären ausschreiben, dem er die Morde in die Schuhe schieben will. Auf die Frage, ob er gut recherchiert habe, antwortet Gustav (Christopher Schärf), Herausgeber des Landesboten: „Natürlich hab’ ich nicht recherchiert!“

Hünfeld trauert seiner Ex nach, der ehemaligen Prostituierten Agnes (Pheline Roggan). Die ist mit Drucker Heinrich (David Scheid) verbandelt, der wiederum eine Affäre mit Minna (Aenne Schwarz) pflegt, der Frau seines Bruders Gustav. Weil Heinrich mit Minna nach Amerika durchbrennen will, geht er auf Bärenjagd – im Schlepptau hat er, unfreiwillig, Gustav. Letzterer ist auch durch seine penetrante Offenheit ein schräges Anhängsel. Er erzählt, dass er auf der Straße bei jeder Frau überlegt, ob er sie beschlafen würde und er eigentlich jede nehmen würde: „Ich frag mich, ob Gott uns so wollte?“ Es dauert nicht lange, da bricht im Wald eine regelrechte Jagdhysterie los auf den Bären, den niemand bisher gesehen hat.
Eine Parabel auf unsere Gegenwart
In der von Umwälzungen geprägten Epoche des Vormärz siedelt Meister eine Parabel auf unsere Gegenwart an. „Ich glaube, dass heutzutage Fake News zu den zentralen Themen unserer Zeit gehören und dass sie die Politik maßgeblich beeinflussen“, meint der Regisseur. Seine Motivation, den Stoff zu verfilmen, begründet er mit seinem Interesse an Geschichten, die in einem realistischen Setting angesiedelt sind und einen gewissen Grad an Skurrilität und Absurdität mitbringen. „Man kann ja fast keine Satire mehr machen, weil die Realität die Satire eingeholt hat“ meint Meister und betont, dass wir im Zeitalter der Postsatire lebten.

Seinen Bezug zu Hessen bringt Meister von Haus aus mit. Er wurde 1987 in Bonn geboren, wuchs dann aber im südhessischen Bensheim auf, wo er zur Schule ging und seinen Zivildienst ableistete, bevor er zum Studium der Filmwissenschaft, Literatur und Philosophie nach Mainz zog. Auch wenn er sein Büro in der alten Heimat aufgelöst habe, sei er der Stadt, wie er erzählt, bis heute sehr verbunden. Meister arbeitete als Regieassistent und Aufnahmeleiter und konnte mit seinem Langfilmdebüt, der skurrilen Gaunerklamotte „Das schwarze Quadrat“, bei den Internationalen Hofer Filmtagen 2021 den Kritikerpreis und den Förderpreis „Neues Deutsches Kino“ als bester Film gewinnen.
Für seinen zweiten Film „Bärenjagen“ sei sein Bezug zu Hessen essenziell gewesen. „Wir haben einen historischen Film mit wenig Budget gedreht, da waren meine Ortskenntnisse und der Hessenpark als Kulisse die besten Voraussetzungen“, erzählt Meister. Ebendort, im Hessenpark in Neu-Anspach, feiert sein Film am 11. August Premiere, bevor er, später als zunächst geplant, Anfang 2027 in den deutschen Kinos startet. Die Dreharbeiten seien besonders gewesen, weil er die Komparsen mit Freunden und Verwandten besetzt habe. „Das ist mein persönlichster Film, in vielen Szenen kommen Familienmitglieder oder Freunde um die Ecke“, freut sich der Regisseur.
Mit einem fantastisch aufgelegten Ensemble erzählt Meister von der, wie er es selbst nennt, „Jagd nach einem Phantom“ und entlarvt dabei die Mechanismen, die aus dem Phantom die Hysterie losbrechen lassen. Da jagen die Typen und später auch Frauen mit Flinten und Bärenfallen durch das Dickicht des deutschen Waldes, heben Gruben aus und schießen sich, manche aus Versehen, manche mit vollem Kalkül, gegenseitig über den Haufen. Dass die Frauen hier mehr verstehen als die Männer und in keineswegs konservativ-historisierten Rollen auftauchen, gibt dem Film auch eine feministische Schlagseite, ein geschlechterübergreifendes, ins absurde kippendes Western-Shootout inklusive.
„Bärenjagen“ ist eine Komödie, die ihre Galligkeit nicht vor sich herträgt, im Kern doch ziemlich bitter ist. Minna will unbedingt nach Amerika, weil sie dort Freiheit und einen Neuanfang mit Heinrich erwartet. Letzterer wiederum argumentiert gegenüber seinem die Monarchie liebenden Bruder, dass er für Demokratie wie in Amerika sei – man möchte mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen zum Schreien in den Keller gehen. Es habe damals tatsächlich einige gegeben, erzählt Meister, die vor der Aristokratie ins potentiell demokratischere Amerika geflohen seien. Für seinen Film habe es sich einfach angeboten, diese Utopie eines demokratischen Amerikas im Jahr 2026 aufzugreifen.
Auch das Ende ist zum Schießen und Weinen zugleich, wenn Wolfram Koch in seiner herrlichen Rolle als Oberst einen Leichenhaufen im Wald begutachtet und weiter den Bären jagen lässt. In Meisters Worten: „Was bleibt, sind die Fake News.“
Bärenjagen, Open-Air-Preview am 11. August auf dem historischen Marktplatz im Hessenpark, Neu-Anspach, Einlass von 19 Uhr an; um 19.30 Uhr beginnt ein Rundgang zu den Drehorten im Museum.
