Vor ihrem Tod postete Maria R. noch ein Foto mit den Worten: „Wer war der Verrückte, der mich von einer Brücke springen lässt?“ Dann ließ sich die 21 Jahre alte Brasilianerin von zwei Männern etwa 40 Meter in die Tiefe werfen. Das Sicherungsseil hatten sie vergessen, es lag unbenutzt oben. Die Verrückte war sie selbst – und eine weltumspannende Gemeinschaft von Irren, die glauben, der Tod ließe mit sich spielen.
Schon das Wort Hobby ist verniedlichend für diese Art von Freizeitbeschäftigung. Die englischen Wörter, die solche Idiotien umschreiben, verheißen spielerische Leichtigkeit: „Cliff Diving“ – das sind Sprünge von hohen Klippen ins Wasser, die oft genug im Rollstuhl enden; „Wingsuit Flying“ – das hätte seit dem tödlichen Versuch des Franz Reichelt am Eiffelturm im Jahr 1912 als halsbrecherisch bekannt sein sollen; „Highlining“ – das Balancieren auf einem schmalen Gurtband in sehr großer Höhe – hat ebenfalls am vergangenen Wochenende wieder ein Opfer gefunden, den Extremsportler Andy Lewis.
Als könnte man über die Gesetze der Physik hinweg klettern
Die Schwerkraft zu überwinden, das ist ein alter Traum des Menschen. Und wenn der eigene Körper wenig gegen die unerbittliche Gravitation machen kann, dann nutzt man sie eben für seine „Abenteuer“ (noch so ein Euphemismus). „Freeclimbing“, „Big Wave Surfing“, „Base-Jumping“ – das klingt so, als ob man ganz frei und über alle Gesetze der Physik hinweg klettern, springen und surfen könnte.
Und weil der Mensch in Gestalt des Abenteurers sich ständig steigern muss, hat man das „Bungee-Jumping“ noch durch den gefährlichen Ableger des „Rope-Jumping“ ergänzt. Dabei dehnt sich das Seil nicht, sodass man noch länger den freien Fall genießen kann und ruckartig gestoppt wird – es sei denn, oben stehen Männer, die das Seil gar nicht erst angebracht haben. Die arme Maria R. hätte gewarnt sein müssen: Dan Osman, der den „kontrollierten Fall“ ins Kletterseil erfand, kam 1998 um, als bei einem Sprung aus 335 Meter Höhe das Seil riss.

Warum nur? Warum der selbstmörderische Ehrgeiz, an die Grenzen zu gehen? Zunächst einmal will man sich mit seinen extremen Beschäftigungen aus der Masse herausheben, und selbst die Masse betreibt schon Hochleistungssport. Ein Marathonläufer war früher eine singuläre Erscheinung – im vergangenen Jahr beendeten allein den Berlin-Marathon fast 50.000 Läufer. In Fitnessstudios trainieren heute doppelt so viele Menschen wie vor 15 Jahren. Deutscher Alpenverein, Deutscher Fußball-Bund, Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft – überall wachsen die Mitgliederzahlen. Das ist schon deshalb gut, weil solche Vereine Leitplanken bieten auf dem Weg ins Abenteuer. Und weil sie neben aller Sportlichkeit auch Gemeinschaftsgeist vermitteln, dessen Fehlen heute so oft beklagt wird.
Allein: Die vermeintlich wahren und echten Abenteurer kann das nur anstacheln. Es geht ums Höher, Schneller, Weiter. Früher „Trimm dich“, heute Triathlon. Mit E-Bikes gelangen selbst ältere Herrschaften in die hintersten Alpentäler. Flachlandtiroler spazieren in Turnschuhen auf Dreitausender. Für 100.000 Euro gibt es eine Besteigung auf den Mount Everest; erstmals stapften in dieser Saison mehr als 1000 Menschen an den tiefgefrorenen Leichen vorbei auf den höchsten Berg der Welt. Die Schlangen, die sich hinaufwinden, haben offenbar keine abschreckende, sondern anziehende Wirkung. Und nur Ehrenmänner gehen noch auf Touren, die sie ohne künstliche Hilfsmittel wie Extrasauerstoff bewältigen können.
Die digitalen Plattformen verstärken das Ich-Gefühl
Manche meinen, dass das Massenphänomen mit Corona begann. Damals gingen immer mehr Menschen in die Berge, weil sie Befreiung vom Dichtestress der Städte versprachen und weil die Viruslast über allen Gipfeln gering ist. Angestachelt wird der Drang zu Bergeshöhen und Meerestiefen durch die sozialen Medien, die gleich in mehrfacher Hinsicht ein Zeitalter der Extreme eingeläutet haben. Auf Bildern und Videos sehen die „Huber Buam“ auf Instagram so unbeschwert aus – das wird man doch wohl auch noch können!
Dahinter steht aber auch eine Entwicklung, die in den vergangenen Jahrzehnten wahlweise als Konsum-, Wegwerf-, Freizeit-, Ich- oder Spaßgesellschaft etikettiert wurde. Als der Soziologe Gerhard Schulze diese teils vorwurfsvollen Diagnosen vor drei Jahrzehnten im Begriff der Erlebnisgesellschaft bündelte, konnte er nicht ahnen, wie recht er damit behalten sollte. „Innenorientierte Lebensauffassungen, die das Subjekt selbst ins Zentrum des Denkens und Handelns stellen, haben außenorientierte Lebensauffassungen verdrängt“, schrieb er. Die digitalen Plattformen nahmen dieses neue Ich-Gefühl auf und wurden zu einer wunderbaren Bühne der Selbstdarstellung. Dem „Projekt des schönen Lebens“ sind familiäre, politische und kirchliche Bindungen egal.
Der wahre Luxus, so heißt es immer öfter, seien keine Luxusgüter oder Protzbauten. Heute gehe es um Erlebnisse wie Reisen, Wellness, Abenteuer. Besonders im Sommer lässt man sich auf Abenteuer ein, die schon viele Menschen in den Abgrund gerissen haben. Und wenn man dann auch noch die nötigen Milliarden hat, dann träumt der Mensch in seinem Wahn sogar von Tourismus-Ausflügen zum Mond und von der Besiedlung des Mars. Wir wünschen schon einmal gute Reise und recht viele Likes!
