So schön kann Frankfurt sein. Wer beim Europa Open Air des hr-Sinfonieorchesters und der Europäischen Zentralbank auf dem Gelände der Weseler Werft im Frankfurter Ostend in friedlicher Stimmung mit Tausenden Menschen Musik hört und gemeinsam erlebt, wie langsam die Sonne untergeht, Dämmerung und blaue Stunde einsetzen und sich dann in der Dunkelheit die Lichter der Großstadt im Main spiegeln, kann vorübergehend die Nöte und die Hässlichkeit der Stadt vergessen. So viel Eskapismus ist jedem gestattet und tut als stärkendes Gemeinschaftserlebnis auch mal gut.
Der Hessische Rundfunk fängt die Atmosphäre des traditionellen Freiluftkonzerts mit vielen Kameras für die Live-Übertragung im Fernsehen und die Aufzeichnung mit betörenden, fast kitschig schönen Bildern ein: die Hochhauskulisse, die Menschenmenge auf dem Areal, Musiker und Zuhörer in Großaufnahmen, Paddler und Boote auf dem Main.
Schon vom Nachmittag an strömten bei freiem Eintritt zur achten Ausgabe des mit enormem organisatorischen und logistischen Aufwand verbundenen Spektakels die Besucher in Scharen auf das ehemalige Werftgelände, ausgestattet mit Picknickdecken und Klappstühlen. Mehr als 10.000 Menschen waren es bis zum Einlassstopp. So waren die besten Plätze an den bereitgestellten Bierbänken und Biertischen bei angenehmem Wetter und nicht bedrohlich wirkenden, lockeren Wolkenbildern schnell belegt. Die hr-Bigband sorgte dazu unter der Leitung ihres ehemaligen Chefdirigenten Jörg Achim Keller von 18 Uhr an mit dem Jazzsänger Kurt Elling für ein lockeres Warm-up.

Den Main Act eröffnete, nach einer etwa einstündigen Pause, das hr-Sinfonieorchester unter der Leitung seines Chefdirigenten Alain Altinoglu zünftig-schmissig mit dem Ungarischen Marsch („Marche Hongroise“) aus „La Damnation de Faust“ von Hector Berlioz, einem Riesenwerk mit Chor und Gesangssolisten, wie der Moderator Tobi Kämmerer sagte. Das hr-Sinfonieorchester wird die „Légende-dramatique“ in Gänze im kommenden Februar in der Alten Oper aufführen sowie bei Gastspielen im Wiener Musikverein und in der Hamburger Elbphilharmonie.
Paneuropäisch und international
Mit dem französischen Komponisten, der sich nach Ungarn denkt, war zugleich die Richtung für das paneuropäisch und international konzipierte Programm vorgegeben. Es folgten ein weiterer Franzose, der musikalisch nach Spanien führte, ein Russe und ein Norweger, die ihre Blicke nach Italien und Nordafrika richteten, und schließlich ein Amerikaner in Paris.
Bei einer diesmal zumindest in den vorderen Reihen exzellenten Tonqualität und Balance, die den mit der Live-Abmischung des Orchesters auf das Äußerste geforderten Tonmeistern zu aller Ehre gereichten, vermittelte Altinoglu den Esprit der Rhapsodie „España“ von Emmanuel Chabrier farbig, im wahrsten Sinne sonnig-heiter, passend zu den auf dem großen Screen neben der Bühne eingeblendeten Live-Bildern von der goldglänzenden Sonne hinter der Skyline.
Musikalisch durch Europa und über den Kontinent hinaus führte der Solist Richard Galliano. Denn der 75 Jahre alte französische Akkordeonist, Jazzmusiker und Komponist hat in seinem 1996 entstandenen „Opale Concerto“ für Akkordeon und Streicher Balkanklänge und im dritten Satz Pariser Musette-Idiome aufgegriffen. Vor allem aber lehnt sich der langsame, melancholische Mittelsatz stark an den argentinischen Tango Nuevo im Stil seines Lehrers, Mentors und Freundes Astor Piazzolla an. Den mit virtuosen Passagen gespickten Solopart hat sich Galliano auf den Leib geschrieben.
Mit dem „Libertango“ und „Oblivion“ von Piazzolla zeigte er zu den großorchestralen Arrangements weitere Facetten des Akkordeons, das 2026 von den Landesmusikräten in Deutschland zum „Instrument des Jahres“ gekürt wurde: das rhythmisch scharf akzentuierte Spiel ebenso wie den sanglichen Ton mit sanft kontrolliertem Vibrato. In Gallianos Zugabe verbanden sich Bach’sche Orgelklänge mit seinem an Piazzolla geschulten Stil.
Davor kam leicht und federnd Tschaikowskys „Capriccio Italien“ daher und als im Programmheft nicht ausgewiesene Dreingabe die kurze „Clapping Music“ von Steve Reich. Was Altinoglu und fünf Schlagzeuger da nur durch rhythmisches Händeklatschen minimalistisch zauberten, kam besonders gut an. Drei populäre Stücke aus der Schauspielmusik zu Henrik Ibsens Drama „Peer Gynt“ von Edvard Grieg („Morgenstimmung“, „Anitras Tanz“ und „In der Halle des Bergkönigs“) taten ein Übriges. Und „An American in Paris“ von George Gershwin war am Ende das perfekte Sinnbild des Kulturtransfers, um den das Programm kreiste: So kam der Swing nach Europa. Nach Frankfurt, in die verkehrstechnisch so günstig gelegene und internationale Stadt, fügte sich das bei allem Unterhaltungswert gedankenanregend. Oft sind nämlich weniger die Reisenden als die Besuchten diejenigen, die im Austausch etwas lernen. Die Zugaben waren der gepfefferte „Mambo“ aus der „West Side Story“ von Leonard Bernstein und mit Galliano „Tanti Anni Prima“ von Piazzolla.
