Der „Elefant im Raum“ wird nicht benannt. Doch die Ankündigung der deutschen Fahrradverbände, künftig eine neue „internationale Weltleitmesse“ in Köln veranstalten zu wollen, lässt sich nicht übergehen. Und so stehen alle Ankündigungen, die Eurobike-Chef Philipp Ferger am Vortag der am Dienstag beginnenden Messe macht, im Licht des neuen Konkurrenzkampfs. Der für die Frankfurter ein harter Kampf ums Überleben wird. Die aktuelle Messe, die mit weniger als 800 Ausstellern nur etwa halb so groß ausfällt wie die im vergangenen Jahr, gerät dabei in den Hintergrund.
Dass die Fahrradschau in diesem Jahr einen Grad der Internationalisierung von 80 Prozent mit Ausstellern aus 44 Ländern hat, wie Ferger hervorhebt, kann man unter diesen Vorzeichen unterschiedlich bewerten. Allein fast 300 kommen aus China. Die Messeveranstalter stellen es als Beleg für die Internationalität und die Relevanz als Weltleitmesse dar. In der Fahrradbranche war die große Zahl insbesondere asiatischer Produzenten kritisch gesehen worden. Als Folge dessen wird gewertet, dass das Gros der deutschen Hersteller in diesem Jahr keine Stände in Frankfurt gebucht hat, sondern auf eigene Hausmessen setzte, wie beispielsweise das Mühltaler Unternehmen Riese und Müller.
Konkurrenzmesse für Köln fast zur gleichen Zeit
Doch Frankfurt nimmt den Wettstreit um den Titel „internationale Weltleitmesse“ für die Fahrradbranche an. So präsentiert Ferger, der als Vicepresident Konsumgütermessen, die Leitung der Eurobike und damit den Auftrag zur Rettung erst zu Jahresbeginn übernommen hatte, gleich eine ganze Reihe von geplanten Veränderungen für das nächste Jahr. An erster Stelle steht dabei der Termin: Die nächste Eurobike soll vom 1. bis 3. September 2027 stattfinden und damit eine Woche vor der in Köln geplanten Schau „towards tomorrow“. Mit diesem Termin ebenso wie mit der Verkürzung auf drei Tage folge man dem Wunsch der Aussteller, sagte Ferger: „Wir haben in den letzten Wochen und Monaten intensiv zugehört.“ Daraus folge auch die Konzentration auf das Fachpublikum. So werde es keine Angebote für Endverbraucher mehr geben, und auch das Eurobike-Festival mit seinen vielen Showelementen auf dem Messegelände und in der Stadt soll nicht mehr stattfinden. Mit dieser Konzentration auf eine B-to-B-Veranstaltung will Frankfurt den gleichen Weg gehen, wie es am Montag für die neue Fahrradmesse in Köln angekündigt worden war.

Auf „klare Rückmeldungen aus der Branche“ reagiere man auch mit der Terminierung vor der ersten Sitzungswoche des Bundestags nach der Sommerpause, um Vertreter aus der Politik in das begleitende Konferenzprogramm einzubinden. „Es soll deutlich mehr Raum für Diskussionen geben“, sagt Ferger und damit auch mehr Gründe, die Messe, die von einem umfangreichen Kongressangebot flankiert werden soll, zu besuchen. Dazu soll auch beitragen, dass Ausstellern und anderen Interessenten mehr Meetingräume zur Miete angeboten werden. „Es geht nicht nur um Quadratmetermaximierung“, hebt Ferger hervor und tritt damit einem Vorwurf entgegen, der den Veranstaltern vonseiten der deutschen Fahrradindustrie gemacht worden war.
So wird die Eurobike in Frankfurt auch in Zukunft kleiner als bisher sein und auf dem östlichen Teil des Geländes um die Agora auf die Hallen drei, vier und fünf verteilt werden. Man setze auf Kompaktheit und Übersichtlichkeit, sagt Ferger. Die Messe wäre damit nicht nur deutlich kleiner und kürzer als bisher, sie soll auch nicht mehr jährlich, sondern nur noch alle zwei Jahre stattfinden. „Das ist im Sinne der Branche und war als Anforderung an uns gestellt worden, um die Budgets der ausstellenden Unternehmen zu entlasten.“
Doch die Branche soll mit Hilfe der Eurobike auch jenseits der Messetermine ihre Kunden treffen können. So setzt Ferger mit seiner Fairnamic, einem Jointventure der Messen Frankfurt und Friedrichshafen, auf die ganzjährige virtuelle Vernetzung über die digitalen Plattformen der Messe, so wie die Frankfurter es auch bei ihren anderen Schauen machen.
Damit kommen sie den Wünschen der Marktakteure entgegen, die sich in einer angespannten Lage befinden. Wie Ralf Deckers vom Kölner Institut für Handelsforschung anhand der Ergebnisse seiner jüngsten Studie erläuterte. Demnach ist die Stimmung in der Branche zwar nicht rabenschwarz, aber eher grau, wie er sagte. Auch hier wirkten sich die Energiepreise, globale Konflikte und ein insgesamt nicht sonderlich konsumfreundliches Umfeld aus. Grundsätzlich leidet die Fahrradindustrie immer noch unter den Folgen einer Überproduktion nach dem Boom während der Corona-Pandemie.
Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland nach Branchenangaben 3,8 Millionen Räder verkauft und ein Umsatz von knapp sechs Milliarden Euro erzielt. Hohe Lagerbestände und eine sinkende Nachfrage zwangen den Handel aber zu Preisnachlässen, insbesondere bei E-Bikes, die gleichzeitig für mehr als 80 Prozent der Erlöse stehen.
Frauen als Zielgruppe zu wenig beachtet
Eine Zielgruppe aber wird von der Branche bislang aber zu wenig beachtet: die Frauen. Das ist das Ergebnis einer zweiten Studie, die zur Messe erstellt wurde. Hier sieht Isabell Eberlein von Velokonzept noch ein großes ungenutztes Potential mit bis zu 950 Millionen Euro Marktwert, das gehoben werden könne.
Auch über dieses Thema soll bei der Messe diskutiert werden. Ob all das dazu führt, dass Frankfurt sich im Konkurrenzkampf gegen Köln wird behaupten können, bleibt abzuwarten. Manche Branchenkenner sehen Chancen und verweisen auf eine Entwicklung, die es bei den Motorradmessen gegeben habe, wo die Verbände schließlich auf die wirklich internationale Messe zurückgekehrt seien. Genauso gut aber könnten sich die internationalen Aussteller entscheiden, die verlockenden Angebote aus Köln zu nutzen. Dieser Elefant bleibt im Raum.
