Der Ball rollte und rollte. Mehr als zwölf Meter war er unterwegs, ehe er schließlich im Loch verschwand. Esther Henseleit riss beide Arme hoch. Ihr englischer Trainer, Caddie und Lebensgefährte Reece Phillips hüpfte vor Freude. Mit einem spektakulären Birdie-Putt auf dem letzten Grün der 50. AIG Women’s Open hatte die 27 Jahre alte Hamburgerin mit einer Schlussrunde von 70 und insgesamt 279 Schlägen (fünf unter Par) tatsächlich noch ein Stechen erzwungen.
Im Clubhaus verfolgte Shiho Kuwaki die Szene auf einem Fernsehmonitor. Die 23 Jahre alte Japanerin, die ihre Runde mit exakt denselben Ergebnissen bereits knapp eine halbe Stunde zuvor beendet hatte, wusste plötzlich, dass ihr erster Major-Titel noch längst nicht sicher war. Wenig später verfehlte Henseleit zunächst nur knapp den größten Triumph ihrer Karriere, ehe ein ebenso kurioser wie folgenschwerer Abpraller das dramatische Finale gegen sie entschied.
Das traditionsreiche Turnier im Royal Lytham & St. Annes Golf Club, einem klassischen Links Course an der englischen Nordwestküste, bildete den Abschluss der fünf Major-Turniere im Damengolf – mit einem spektakulären Schlussakt. Für Henseleit war es nach der olympischen Silbermedaille von Paris 2024 die bislang größte Chance ihrer Karriere. Gleichzeitig verpasste sie den zweiten deutschen Sieg bei diesem Traditionsturnier nach Sophia Popov, die 2020 triumphiert hatte.
„Natürlich war das etwas Pech“
Das mitreißende Finale war eines Majors würdig. Auf der 16. Bahn vergab Henseleit einen Par-Putt aus weniger als zwei Metern und fiel dadurch zunächst einen Schlag hinter Kuwaki zurück. Doch die Deutsche bewies enorme Nervenstärke. Mit ihrem langen Birdie-Putt auf dem Schlussgrün zwang sie Kuwaki doch noch ins Play-off. „Es war ein sehr schwieriger Putt mit vielen Breaks“, sagte Henseleit später.
Im ersten Extraloch schien das Momentum sogar auf ihrer Seite zu liegen. Kuwakis Drive verschwand im dichten Rough hinter einem Fairwaybunker. Die Japanerin konnte den Ball nur zurück aufs Fairway schlagen, spielte anschließend jedoch einen nahezu perfekten Schlag bis auf gut einen Meter an die Fahne und rettete nervenstark das Par. Henseleit bot sich aus knapp viereinhalb Metern die große Chance auf ihren ersten Major-Titel, doch ihr Birdie-Putt lief knapp am Loch vorbei.
Als beide Spielerinnen noch einmal auf den 18. Abschlag zurückkehrten, nahm das Finale eine ebenso kuriose wie bittere Wende. Henseleits leicht nach rechts verzogener Drive prallte gegen den Fuß eines Marshals und sprang tief in einen Ginsterbusch. Statt sich über ihr Pech zu beklagen, reagierte die Deutsche bemerkenswert gelassen. „Das war wohl ein unglücklicher Abpraller. Wenigstens konnte ich den Ball noch spielen und musste ihn nicht für unspielbar erklären. Natürlich war das etwas Pech – aber genau das gehört zum Links-Golf“, sagte sie.
Zwar gelang ihr noch ein guter Befreiungsschlag, doch das Bogey ließ sich nicht mehr verhindern. Kuwaki blieb auch im siebten Loch in Serie ohne Schlagverlust und sicherte sich mit einem Par ihren ersten Major-Titel. „Ich kann es einfach nicht glauben“, sagte die Japanerin nach dem größten Erfolg ihrer Karriere.
Party mit reichlich Whisky Soda
Dabei hatte auf der Schlussrunde lange nichts auf ihren Triumph hingedeutet. Nach Bogeys auf den Bahnen vier und fünf lag Kuwaki bereits fünf Schläge hinter der Spitze. Erst Birdies auf den Löchern neun und 13 brachten sie zurück ins Rennen. Fünf Pars auf den letzten fünf Bahnen reichten, um mit 70 Schlägen die Führung im Clubhaus zu übernehmen.
Außerhalb Japans war Kuwaki bislang nur Kennern des Damengolfs ein Begriff. Zwar hatte sie bereits sechs Turniere auf der Japan LPGA gewonnen, bei ihren ersten sechs Major-Starts aber nie eine Top-Ten-Platzierung erreicht. Die Golferin aus Okayama tritt bewusst auffällig auf. Ein gelber Ball, auffällige Outfits und lange, farbig gestaltete Gelnägel unterstreichen ihren selbstbewussten Auftritt. „Ich bin wahrscheinlich eine der auffälligeren Spielerinnen. Genau das gibt mir Selbstvertrauen auf dem Platz“, sagte sie. Gefeiert werden sollte anschließend mit reichlich Whisky Soda.
Auch der übrige Turnierverlauf bot reichlich Spannung. Nach der ersten Runde führte die Weltranglistenzweite Jeeno Thitikul aus Thailand, zur Halbzeit übernahm die Südkoreanerin Haeran Ryu, Siegerin der beiden vorherigen Majors, die Führung. Nach drei Runden schien schließlich die Amerikanerin Yealimi Noh mit drei Schlägen Vorsprung auf dem Weg zu ihrem ersten Major-Titel. Doch fünf Bogeys bis zur 14. Bahn warfen sie auf Platz drei zurück. Die amerikanische Weltranglistenerste Nelly Korda spielte mit einer 68 zwar die beste Schlussrunde der Spitzengruppe und belegte gemeinsam mit Thitikul Rang vier, verpasste damit aber ihren dritten Major-Sieg des Jahres und den Karriere-Grand-Slam. Ryu fiel nach einer 74 auf den geteilten sechsten Platz zurück und verpasste den dritten Major-Sieg in Serie.
Kuwaki erhielt für ihren ersten Major-Triumph rund 1,3 Millionen Euro, Henseleit durfte sich über rund 790.000 Euro freuen. Beide haben sich dadurch in der Weltrangliste deutlich verbessert. Kuwaki ist von Rang 46 auf Platz 16 geklettert. Henseleit hat ihre bisherige Bestmarke (20) geknackt und ist von Rang 43 auf Platz 19 vorgestoßen.
Nach ihren beiden Erfolgen auf der Ladies European Tour wartet sie zwar weiterhin auf ihren ersten Sieg auf der LPGA Tour. Nach ihrer Vorstellung in der Kleinstadt Lytham St. Annes scheint dieser Erfolg jedoch näher denn je. Vor allem aber hat die beste deutsche Golferin eindrucksvoll bewiesen, dass sie auf der größten Bühne mit der Elite um die bedeutendsten Titel spielen kann. Ihr nächster großer Auftritt lässt nicht lange auf sich warten. Mitte September darf Henseleit nach 2024 zum zweiten Mal für Europa beim Solheim Cup in den Niederlanden gegen die besten Amerikanerinnen antreten.
