Dass der Eschenheimer Turm bis heute erhalten geblieben ist, gleicht beinahe einem Wunder. Kaum ein anderes Gebäude an der Großen Eschenheimer Gasse überstand den Luftangriff vom 22. März 1944, auch nicht das Palais Thurn und Taxis am Eingang der Straße, das erst 2009 als Rekonstruktion wiedereröffnet wurde. Anders als in das Palais schlug in den Eschenheimer Turm keine Sprengbombe ein. Da er aus massivem Stein erbaut wurde, konnten ihm auch die Brandbomben nichts anhaben. Bei Kriegsende schaute damit ausgerechnet er, das älteste Gebäude der Straße, noch aus der Trümmerlandschaft. Wenn der Frankfurter Maler Carl Theodor Reiffenstein im 19. Jahrhundert schrieb, der Eschenheimer Turm sei „unstreitig einer der schönsten Überreste mittelalterlicher Befestigung in Deutschland“, dann gilt das seit dem Zweiten Weltkrieg, in dem so viele mittelalterliche Bauten zerstört wurden, umso mehr.
Doch nicht nur als Baudenkmal ist der Eschenheimer Turm interessant, vor allem zeigt sich an seiner Geschichte beinahe alles, was die Frankfurter Stadtgeschichte dieser Zeit ausmacht. Im 14. Jahrhundert wuchs Frankfurt über seine Stadtmauer hinaus, die damals an der Südseite der Zeil verlief. Das aufblühende Messewesen zog inzwischen Händler aus weiten Teilen Europas an. Also bewilligte Kaiser Ludwig der Bayer im Jahr 1333 eine Stadterweiterung. Sein Nachfolger Karl IV. ernannte mit der sogenannten Goldenen Bulle Frankfurt außerdem zur offiziellen Wahlstätte der römisch-deutschen Herrscher. Frankfurt wollte also seine außerstädtischen Gebiete einfassen und Händlern wie Herrschern zusätzlichen Schutz gewähren. Gerade von Norden fürchtete man Gefahr, denn Raubritter aus dem Taunus stellten immer wieder eine Bedrohung dar, und das Aufkommen der Feuerwaffen brachte neue Möglichkeiten, alte Mauern zu zerstören.
Holzbrücken über den Wassergraben
So verlagerte man die Stadtgrenze nach Norden. Was zuvor die Stadt gewesen war, wurde zur Altstadt. Was von der Zeil bis zum heutigen Anlagenring hinzukam, wurde die Neustadt. Unter den ungefähr 60 Wehrtürmen, die als Teil der neuen Stadtmauer errichtet wurden, kam Tortürmen wie dem Eschenheimer Turm eine besondere Bedeutung zu. Von ihnen reichten Holzbrücken über den Wassergraben. Sie ermöglichten damit den Ein- und Ausgang – Richtung Norden etwa zum damaligen Dorf Eschenheim, von dem sich beide Namen ableiten: Eschenheimer Tor und Eschenheimer Turm.
Vor dem Bau des Eschenheimer Turms entstand an dieser Stelle zunächst ein schlichter Rundturm. Doch schon im Jahr 1400 wurde dieser abgetragen. Es sollte ein noch wehrhafterer Turm gebaut werden. Schließlich war in diesem Jahr ein neuer König gewählt worden, der in Frankfurt noch als gefürchteter Gegner bekannt war: Ruprecht von der Pfalz. In der Kronberger Fehde war er den verfeindeten Raubrittern zu Hilfe geeilt und hatte Frankfurt eine empfindliche Niederlage beigebracht. Diese Niederlage lag zwar schon elf Jahre zurück, an den Folgen litt die Stadt aber noch immer. Lösegelder für gefangen genommene Bürger und Reparationen führten zu klammen Stadtkassen. Die Nachwirkungen zeigen sich sogar bis heute: Dass Frankfurt sich kein Rathaus bauen ließ, sondern mit dem Römer ein Handelshaus kaufte und dieses umfunktionierte, ist wahrscheinlich ebenfalls dem Geldmangel zuzuschreiben.

Auch der Eschenheimer Turm blieb dadurch für lange Zeit ein offenes Bauvorhaben. Erst 1426 beauftragte man den Stadtbaumeister Madern Gerthener, den angefangenen Turmbau abzuschließen. Gerthener hatte zuletzt die Alte Brücke repariert und war inzwischen mit dem neuen Domturm beauftragt worden, der ebenfalls bis heute steht. Unter Gertheners Leitung vollendeten dann fünf bis zehn Steinmetze und Maurer den Eschenheimer Turm in seiner bis heute existenten Form: mit seinem 48 Meter hohen Turmschaft, der Helmkrone und den charakteristischen fünf Spitzen. Gerade einmal zwei Jahre Bauzeit fielen dafür an. Die vorgelagerten Türme wie Bockenheimer Warte und Galluswarte wurden zwar in ähnlich kurzer Zeit errichtet, sind baulich aber weitaus schlichter.
Herrschaftssymbole zieren den Turm
Neben seiner Funktion als Befestigungsanlage war der Eschenheimer Turm auch dafür gebaut worden, das Frankfurter Selbstverständnis auszustrahlen – dasjenige einer Freien Stadt mit kaiserlichen Privilegien, dem Ort der Handelsmessen und der Herrscherwahlen. Entsprechend zieren den Turm die Herrschaftssymbole: Stadteinwärts blickt der Frankfurter Wappenadler, stadtauswärts der doppelköpfige Reichsadler. Beide wurden von Madern Gerthener selbst gefertigt. Im südlichen Torbogen verewigte er sich außerdem mit einem gemeißelten Selbstporträt als Mann mit einer weiten Sackmütze, wie sie für die Baumeister dieser Zeit typisch war.
Anschließend diente der Eschenheimer Turm, wie alle Tortürme, der Kontrolle des Ein- und Ausgangsverkehrs. Auch wurden in ihm wichtige Dokumente aufbewahrt und Gefangene eingesperrt.
Als man im 19. Jahrhundert die Stadtmauer schleifte, war eigentlich auch der Abriss des Eschenheimer Turms vorgesehen. Initiativen konnten dies allerdings verhindern. Seitdem darf das Areal der ehemaligen Stadtmauer nicht bebaut werden, sondern wird als Grüngürtel erhalten – die Wallanlagen.
Bis 1957 war der Eschenheimer Turm bewohnt. Zeitweise war auch ein Café in seinem zweiten Obergeschoss eingerichtet, doch dieses hat inzwischen wieder geschlossen. Heute befindet sich zumindest noch im Erdgeschoss Gastronomie, und immerhin: Wer im dortigen Restaurant zur Toilette geht, muss dafür den Weg über den mittelalterlichen Wehrgang nehmen. Abgesehen davon bleibt der Eschenheimer Turm unzugänglich. Ganz funktionslos geworden ist er aber nicht; bis heute repräsentiert er Frankfurt als ein Wahrzeichen.
