
Ein Fenster, das per Knopf geöffnet werden kann, dahinter ein Babybett, vorgewärmt auf 37 Grad. Auf der bunten Decke liegt ein kleiner Teddybär und ein Brief mit der Aufschrift „An die Mutter“. Am St.-Vinzenz-Krankenhaus in Hanau können seit einem Vierteljahrhundert Neugeborene anonym abgegeben werden. Im September 2001 eröffnete dort die erste Babyklappe Hessens.
„Jeder Fall ist einzigartig und berührt mich“, sagt Krankenschwester und Seelsorgerin Annette Biecker, die seit den Anfangstagen dabei ist. Wenn da ein Kind liege, vielleicht noch blutig von der Geburt, deren Umstände man nicht kenne, „da sehe ich einfach die Not dahinter“. Der Träger der Babyklappe, der Sozialdienst katholischer Frauen in Fulda, betreibt inzwischen in Hessen drei Babyklappen, auf Hanau folgten Fulda und Kassel. Seitdem wurden an den drei Standorten 54 Kinder abgegeben, davon 27 in Hanau.
Auf die Idee seien sie gekommen, weil man damals immer wieder in der Presse von ausgesetzten Babys gelesen habe, sagt Marion Meister vom Sozialdienst. Nach einigen behördlichen Hürden habe es schließlich geklappt. Allerdings sollte es noch rund vier Monate dauern, bis das erste Baby in Hanau abgegeben wurde.
Erstes Hanauer Babyklappen-Kind kam an einem Januarmorgen
Mitinitiatorin Jutta Berg – damals Pflegedirektorin und seit zwei Jahren in Rente – erinnert sich genau: Das Mädchen sei an einem Januarmorgen nach einer eiskalten Nacht abgegeben worden. „Da waren viele Emotionen hier im ganzen Haus“, sagt die Sechsundsechzigjährige. Alle seien voller Euphorie gewesen.
Nachdem ein Baby abgelegt wird, geht ein Alarm an, das Kind wird in Empfang genommen und medizinisch versorgt. Über den Sozialdienst wird nach passenden, geschulten Adoptiveltern gesucht. Meist bekommt das Kind schon in der Klinik einen Namen, den die Adoptiveltern manchmal als Zweitnamen behalten, wie Berg sagt.
In dem Schreiben, das für die leibliche Mutter in der Babyklappe hinterlegt ist, wird diese mit „Liebe Unbekannte“ angeschrieben. „Wir respektieren Ihre Entscheidung und möchten Ihnen helfen.“ Das Kind komme in eine sorgfältig ausgewählte Familie, und werde „ein geliebtes Kind“ sein. Zugleich könne sich die Mutter jederzeit – auch anonym – beim Sozialdienst melden, etwa wenn sie Hilfe benötige, dem Kind Informationen zur Herkunft mitgeben oder die Entscheidung rückgängig machen wolle.
In dem Brief steht aber auch, dass die Adoption nach etwa einem Jahr nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Es bestehe aber selbst nach vielen Jahren die Möglichkeit, das Kind kennenzulernen. Laut der Initiatorinnen wurden zwei Kinder aus der Hanauer Babyklappe wieder zu ihren leiblichen Eltern zurückgebracht, die sich beim Sozialdienst gemeldet hatten.
Der Sozialdienst in Fulda, der die Adoptionen vermittelt, begleitet danach die Familien. Es gibt Ansprechpartner, und es werden Treffen organisiert, wie ein Sommerfest mit den Adoptionsfamilien. Geplant sei auch, Jugendliche zusammenzubringen, die einst Babyklappen-Kinder waren. Das sei wichtig, um zu sehen, „dass sie nicht alleine sind mit ihrem Lebenslauf“, sagt Berg.
Ethikrat empfahl Schließung
Allerdings sind Babyklappen auch umstritten. Kritiker bemängeln, dass das Konzept das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft verletzt. In einer Stellungnahme empfahl der Ethikrat 2009 eine Schließung der Klappen. Seit 2014 gibt es die Möglichkeit der vertraulichen Geburt.
Auch der Kinderschutzbund Hessen sieht das Angebot kritisch. „Grundsätzlich begrüßen wir, dass es Babyklappen gibt“, sagt Vorsitzende Silke Arnold. „Aber die abgelegten Kinder haben keinerlei Möglichkeit, herauszufinden, wer ihre leiblichen Eltern sind.“ Wünschenswert wäre eine juristische Nachjustierung. „Das Ablegen in eine Babyklappe ist für die Kinder oft eine traumatische Erfahrung, die sie in ihrem Leben begleitet.“
Berg, die schon viele abgegebene Kinder betreut hat, sagt, die Frauen seien in einer Not, die es ihnen nicht erlaube, das Kind bei sich zu behalten. Die Babyklappe sei eine von vielen Hilfsmöglichkeiten. Sicher gebe es ein Recht auf Herkunft, aber: „Das Recht auf Leben steht für mich höher.“
