„Für die Kinder sind Eltern immer der schlechteste Umgang.“ Hat der längst verlorene Schulfreund vielleicht doch recht gehabt mit seinem kategorischen Urteil? Im Fall von Jacob und Ethan Taubes, Vater und Sohn, fühlt sich der Rezensent noch Jahrzehnte nach den fernen Jugendtagen fast überzeugt.
Der Religionswissenschaftler und Judaist Jacob Taubes (1923 bis 1987) ist weiß Gott eine schillernde Gestalt. Da seine Dissertation „Abendländische Eschatologie“ das einzige Buch blieb, umgibt seine spätere Beschäftigung mit der Theologie des Paulus der Zauber einer umso exklusiveren Geheimwissenschaft. Leicht diabolischen Glanz bekommt diese Aura zudem durch Taubes’ extrem kontroverse Persönlichkeit und durch neugierfördernde, viel beschriebene Lebenstatsachen wie den Freitod seiner ersten Frau Susan Taubes und ihren autobiographischen Eheroman „Nach Amerika und zurück im Sarg“. Der reine Wissenschaftler Jacob Taubes ist in dieser Gemengelage kaum auffindbar.
Ein irres, wirres Leben
Ändert sich das durch die Erinnerungen seines Sohnes? Es ist ein äußerst merkwürdiges, immer wieder fesselndes, immer wieder nervtötendes Dokument – aber Dokument wofür? Der Rezensent findet sich in heikler Lage: Die Nähe, Intensität, mit der hier der Sohn seinem Vater und sich selbst zu Leibe rückt, macht aus dem Kritiker eines Buches unversehens den Kritiker eines Menschen; schüttelt er den Kopf, so meint er oft nicht das Buch, nicht einmal den Autor, sondern tatsächlich den Sohn, vom Vater ganz zu schweigen.

Solches Kopfschütteln aber ist ganz und gar nicht Rezensentensache. Ein Buch ist ein Buch, und nur das will beurteilt werden, nicht aber das irre, wirre Leben, von dem es erzählt. Also hält sich der Leser ans Buch und fragt zuerst, warum er es lesen soll. Weil es um eine extreme Vater-Sohn-Beziehung geht? Oder doch weil der Vater, von dem hier erzählt wird, eine Berühmtheit ist? Aber lernt man denn etwas über den Wissenschaftler und sein Denken aus dieser extremen Vater-Sohn-Beziehung? Und was?
Jacob Taubes, Professor in Westberlin, erleidet 1976 einen kompletten Zusammenbruch, wird in New York, wo sein Sohn lebt, mit einer harten Elektroschock-Therapie schließlich wiederhergestellt. Nun will er zurück nach Berlin, an die Universität. Vor der Abreise treffen sich Vater und Sohn noch einmal, verbringen den Heiligen Abend miteinander, reden, streiten, essen, streiten, trinken, streiten, und diese, bizarr genug, gemeinsame Christnacht zweier Juden bildet den erzählerischen Rahmen von Ethan Taubes Memoir.
Der Sohn scheut keine Dramatisierung
Doch damit fängt es schon an, denn natürlich weiß der Autor, dass seine derart detailreiche Inszenierung einer fünfzig Jahre zurückliegenden Nacht vom Leser nicht als realitätsnahe Schilderung gelesen werden kann, und die literarische Form gleicht denn auch durchweg dem Roman. Gerade das aber erzeugt dabei die faszinierende, ja klaustrophobische Atmosphäre von ungeheurer Dichte: lange leidenschaftliche Dialoge, noch längere väterliche Monologe, pittoreske Auftritte von Kellnerinnen, die der Vater bezirzt, von neugierigen Gästen am Nebentisch, erschreckt durch lautstarken Streit, stockende Gänge durch die nächtliche Stadt. Unübersehbar erzählt der Sohn viel mehr, als hineinpasst in eine einzige Nacht, und allein ob der unzählbaren Zigaretten und gestopften Pfeifen wäre auch der gestählteste Kettenraucher bei Hälfte des Buches längst bewusstlos.
Ethan Taubes scheut keine Dramatisierung; beim Reden des Vaters „wird mir schwindlig und der ganze Raum gerät ins Schwanken“, ihn überkommt „eine Welle von Übelkeit und Beklemmung“, der Vater „schreit so, dass der angestaute Speichel aus seinem Mund durch die Luft spritzt“, während „ich um Beherrschung ringe“. Kaum eine Seite, die auskommt ohne das Auf und Ab von „Wut“, „Ekel“, doch dann erklingt plötzlich die Hoffnung, dass Vater und Sohn hier und heute „die Grundlage für eine liebevollere Verbindung und eine tiefere Freundschaft finden könnten“. In einer Nacht, nach dreiundzwanzig Jahren Familientragödie? Und fast schon hätte der Rezensent dem Sohn wieder gründlich ins Gewissen geredet.
Man muss schon felsenfest überzeugt sein von der Freundlichkeit der Welt, wollte man hier – wie Aleida Assmann im Nachwort – „das Ergebnis einer kongenialen Zusammenarbeit zwischen den Generationen“ finden; der Rezensent dagegen erschrickt mit dem Autor vor dieser „folie à deux zwischen Vater und Sohn, die beide für immer in einem psychologischen Kampf gefangen sind“. Die Ideen zu Religion, Philosophie, Judentum, die in diesem Kampf zur Sprache kommen, tun das nicht unbeschädigt.
An der Grenze zum Größenwahn – auch theoretisch
Natürlich, es widerspricht dem guten akademischen Ton, Wissenschaft und Krankheit in Beziehung zu setzen, aber in dieser romanhaften Erzählform ist die Grenze zwischen Jacob Taubes’ Theorien, die konzessionslos nach intellektueller Provokation suchen, und seinen provozierenden Wut- und, es lässt sich nicht leugnen, Wahnausbrüchen sehr unscharf gezogen. Die Selbstdiagnose „messianischer Größenwahn“ hat einiges für sich, spätestens bei der Selbsterhöhung: „Ecce homo! That’s me!“
Tatsächlich verweist Ethan Taubes damit auf ein seriöses Problem: Wissenschaftliche Theorien werden durch den Geisteszustand ihres Erfinders gewiss nicht automatisch widerlegt, aber wer von einem Zusammenhang gar nichts wissen will, macht es sich doch allzu leicht. Und bei diesem Religionswissenschaftler, bei seiner atemlosen Rede von Erlösung, Vernichtung, Gnade, von der Aufgabe, „jede einzelne menschliche Seele vor der ewigen Dunkelheit und Verdammnis zu retten, bevor es zu spät ist“, bei diesem besessenen Worte-Macher verfolgt man staunend und beklommen, wie jedes christliche und jüdische Theorem sofort gleichsam enteignet wird und in Besitz genommen für die Beschäftigung mit dem eigenen Ich.
„Du bist meine einzige Hoffnung auf Erlösung!“, ruft der Vater in die New Yorker Straßen. Was soll ein Sohn, der, einmal sei’s gesagt, auch nichts anderes ist als ein Mensch mit seiner eigenen Geschichte, was soll er tun angesichts einer derart monströsen, unmöglichen Forderung, in deren quälendem und gequältem Dauerpathos doch eigentlich nur eines spricht, eine grenzenlose Egozentrik, die nicht wissen will, unter welche untragbare Last sie den anderen zwingt.
Der Titel dieses verstörenden Buches greift zurück auf das biblische Gleichnis von der Rückkehr des verlorenen Sohnes, doch ob dieser verlorene Vater in irgendeinem Sinne heimkehrt, bleibt offen. Stunde um Stunde reden hier Sohn und Vater fast durchweg aneinander vorbei, und dennoch bindet irgendetwas sie so fest, dass der Sohn noch fünfzig Jahre später diese Nacht erzählt. Das mag rätselhaft erscheinen, aber wahrscheinlich liegt gerade hier das zeitlose Thema des Buches: in den rätselhaften Familienbanden, die, leider Gottes, oft stärker sind als alle Vernunft.
Ethan Taubes: „Der verlorene Vater“. Erinnerungen an Jacob Taubes. Aus dem Englischen von H. Kopp-Oberstebrink. Nachwort von Aleida Assmann. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2026. 330 S., geb., 28,– €.
