Oben auf den Trümmern hebt jemand die Faust in die Höhe. „Silencio! Silencio!“, schreien die Helfer. Ruhe! Die Bagger stellen ihre Motoren aus, es wird leise. Ein Zivilschützer hält seinen Kopf unter einer Mauer. Hoffnung keimt auf, die wenige Sekunden später wieder enttäuscht wird. Die Bagger starten ihre Motoren, die Helfer machen weiter, transportieren Stein für Stein die Trümmer eines fünfstöckigen Wohnblocks ab, der während des schweren Erdbebens am Mittwochabend eingestürzt ist und an ein zusammengefallenes Kartenhaus erinnert.
Anders als an der venezolanischen Karibikküste, wo Tausende Tote vermutet werden, ist die ganz große Katastrophe in der venezolanischen Hauptstadt Caracas ausgeblieben. Dennoch hat das Beben auch in Caracas tiefe Narben hinterlassen. Viele Gebäude weisen teilweise schwere Schäden auf, unzählige Wohnhäuser können nicht mehr bewohnt werden. Davor sitzen ihre Bewohner und machen sich auf eine weitere Nacht im Freien gefasst oder packen ihre Sachen, um zu Verwandten zu ziehen. An mehreren Orten in der Stadt sind Gebäude komplett eingestürzt. So auch das fünfstöckige Haus im Stadtbezirk San Bernardino.
Während Anruf die Freundin verloren
Nachbarn berichten, sie hätten zunächst gar nicht wahrgenommen, was passierte. Das Gebäude sei fast geräuschlos in sich zusammengefallen und habe Unmengen von Staub aufgewirbelt. Bereits kurz nach dem Beben sind die ersten Rettungskräfte eingetroffen. Später Bagger, ein Kran und eine Lastwagenkolonne, um den Schutt abzutransportieren. Unter den Augen von Angehörigen der Bewohner, von Nachbarn und einigen Schaulustigen arbeiteten sich die Helfer seit Stunden durch die Trümmer. Die Stockwerke liegen zusammengeklappt übereinander. Vielerorts ist kein Durchkommen. Am frühen Morgen meldeten die Zivilschützer vor Ort zwei erfolgreiche Bergungen. Doch seither konnten nur noch drei Tote geborgen werden. Nach Regierungsangaben werden weiterhin etwa 200 Menschen unter den Trümmern vermutet.
Am Rande des Geschehens steht Jonathan Mota. Der 20 Jahre alte Student macht einen verwirrten Eindruck. Seine gleichaltrige Freundin habe in dem Haus gelebt, erzählt er. Er telefonierte gerade mit ihr, als sich das Beben ereignete. „Ich bekam einen Alarm auf meinem Handy und sagte ihr, sie solle sich in Sicherheit bringen“, erzählt er. Doch seine Freundin spottete nur, weil starke Erdbeben in Venezuela eine Seltenheit sind. Kurz danach bebte in Caracas die Erde mit einer beängstigenden Kraft. „Ich habe nur noch ihren Schrei gehört“, erzählt Mota, „dann brach die Verbindung ab.“
Wenige Minuten später fuhr Mota mit seinem Motorrad nach San Bernardino und sah, was passiert war. Seit fast 24 Stunden wartet er nun neben dem Trümmerfeld und hofft, dass die Bergungstrupps seine Freundin, deren zwei Schwestern und deren Mutter finden. Mota beschreibt seinen Zustand als ein quälendes Wechselbad aus Hoffnung, Trauer und Verwirrung. „Wir sind seit fünf Jahren zusammen, ein Viertel meines Lebens.“
„Solange es Leben gibt, gibt es Hoffnung“
Im Laufe des Tages kommen immer mehr freiwillige Helfer hinzu. Sie verteilen Wasser und Zwischenmahlzeiten oder beteiligen sich direkt an den Bergungsarbeiten. Eine Gruppe macht sich für ihren Einsatz bereit, erhält Helme und Gesichtsmasken, um sich vor dem Staub zu schützen, der alles überzieht. Wenig später stehen die Helfer mitten in den Trümmern. Es seien bestimmt hundert Freiwillige im Einsatz, sagt eine ältere Offizierin der Bolivarianischen Miliz, einer Milizeinheit, die der Armee angegliedert ist. Am Freitag sollen zudem professionelle Helfer aus verschiedenen Ländern im Erdbebengebiet ankommen – darunter auch 50 Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks.

Einer der Freiwilligen ist Gilberto Gómez, der schon in den frühen Morgenstunden an der Unglücksstelle eingetroffen ist. Gómez war früher bei der Armee und stand 1999 bei den Rettungsarbeiten nach einer schweren Erdrutschtragödie im Einsatz. Er habe Erfahrung, und verstehe es als seine Pflicht, bei den Arbeiten zu helfen. Nach Stunden der quälenden Arbeit ist sein Gesicht mit Staub überzogen, seine Kleider sind verschwitzt. Er denke nicht ans Aufhören, sagt Gómez und berichtet von zwei geretteten Hunden, die sich in den Trümmern befunden hätten. „Solange es Leben gibt, gibt es Hoffnung.“
Die venezolanische Präsidentin Delcy Rodríguez, die am Nachmittag auf ihrer Tour zu den am schwersten betroffenen Orten in der Hauptstadt auch in San Bernardino Halt macht, muntert die Hilfskräfte auf. An der Seite ihres Bruders Jorge, dem Vorsitzenden des Parlaments, und schwer bewacht von Leibwächtern, lässt sie sich von der Bürgermeisterin von Caracas über den Stand der Bergungsarbeiten informieren. Die Arbeiten würden fortgesetzt, sagt Rodríguez, die zuvor schon in der schwer betroffenen Küstenregion war. Alles werde unternommen, um die Familien zu beschützen, die es nötig hätten.
Hochriskant für die Rettungskräfte
Nach der Visite von Rodríguez wimmelt es am Einsatzort von Beamten der unterschiedlichsten Institutionen. Es ist kaum nachzuvollziehen, wer welche Aufgabe hat. „Es gibt zu viele Kapitäne und zu wenige Matrosen“, kritisiert Axel Rivero. Der 30 Jahre alte Elektroingenieur, der beim Infrastrukturministerium arbeitet, fungiert als technischer Beobachter, der die Risiken der Trümmerbeseitigung bewertet, um die Sicherheit der Rettungskräfte zu gewährleisten.
Er beschreibt die Situation als hochgradig instabil und hochriskant für die Rettungskräfte, da Nachbeben die Trümmer jederzeit in Bewegung versetzen könnten. Rivero kritisiert offen die chaotische Organisation vor Ort. Da zahlreiche staatliche Institutionen gleichzeitig präsent sind, fehle es an einer klaren Führung, da jeder die Kontrolle übernehmen wolle, anstatt sich abzustimmen.
Oben auf den Trümmern befinden sich zu diesem Zeitpunkt praktisch nur noch Freiwillige. Was Anlass zu Bedenken geben sollte, macht Gilberto Gómez stolz. Der Helfer sagt, dass die Zahl der Freiwilligen jene der offiziellen Hilfskräfte nun etwa um das Fünffache übertreffe. Die Solidarität unter seinen Landsleuten wühlt den ehemaligen Armeeangehörigen auf. Als er über den Zusammenhalt der Venezolaner in Krisenzeiten spricht, beginnt er zu weinen. Mit tränenerstickter Stimme ruft er dazu auf, die politischen Gräben des Landes angesichts des Leids zu vergessen. „Vergessen wir die Politik“, sagt er. „Vergessen wir die Politik und lasst uns wieder Venezolaner sein.“
