„Können wir das prägende soziale, kulturelle und wissenschaftliche Ereignis des frühen 21. Jahrhunderts schaffen und die Menschheit vereinen?“ Eine veritable Frage. Unter ihr starten am Sonntag im US-amerikanischen Las Vegas die ersten Enhanced Games. Ein durchchemisiertes Körperspektakel, das ein lang gehegtes Willensprojekt des australisch-amerikanischen Unternehmers Aron D’Souza verwirklicht.
Wer dem Ideengeber in den letzten zwei, drei Jahren auf seiner Promotion-Tour durch Europa begegnete, sah einen aufreizend harmlos wirkenden Mann, der seinem Gegenüber in der Pause rasch noch seine Kampagnenbroschüre in die Hand drückte. In ihr beschreibt er auf 46 Seiten, was ihm so vorschwebt. Etwas, das unter „Our journey“ firmiert.
Lippen, Busen oder brasilianische Hintern
Die globalen Reiserouten in Sachen neuer Biopolitik werden gern noch als kollektives Unterfangen gepriesen, egal, ob es um Lippen, Busen, brasilianische Hintern, blendend weiße Gebisse, Muskeln oder skalierte Geschlechtsorgane geht. Die einhellige Botschaft der offensiven Körpertour: Wenigstens beim Modellieren, Rumbosseln, Optimieren und Managen unserer Natur sind wir im selben Boot und als Großverbund unterwegs. Im Werbeheft insofern gleich noch die Frage: „Was bauen wir auf?“ Die Antwort: „Die maßgebliche wissenschaftliche, kulturelle und sportliche Bewegung, die die Menschheit sicher zu einer neuen Übermenschlichkeit entwickelt.“
Wer mit Transhumanity um die Ecke kommt, hat es mit alten Hüten, mit Traumschleifen, Heilsversprechen, Entlastungserzählungen. Im extremen 20. Jahrhundert wussten vor allem die beiden politischen Religionen Nationalsozialismus und Kommunismus das Konzept des Neuen Menschen in ihre Radikalisierungsprogramme einzupreisen und schufen sich so ihren eigenen Gewaltkosmos. „Zur Dynamik der totalitären Bewegungen gehört es“, schreibt der Historiker Gerd Koenen, „dass die Ambitionen, Ideen und Interessen, von denen sie getragen wurden, nichts Statisches, sozialökonomisch Vorgegebenes waren, sondern nach vorn in ein Niemandsland unbestimmter Ansprüche und Erwartungen wiesen.“
Philosophie der Tat
Dabei hatten etwa die biopolitischen Utopien in Russland die Revolution 1917 als Initialschock im Grunde gar nicht nötig. Ihre Anfänge lagen deutlich früher, in einem illustren Konglomerat von unterschiedlichsten Ideengeschichten. Beispielsweise hatte Nikolai Fedorow (1829–1903) mit seiner „Philosophie der Tat“ einen kühnen Deal zwischen Vergangenheit und Zukunft, genauer zwischen allen Lebenden und Toten im Kopf, um sie miteinander in einem „ewigen Universum“ zu verschweißen. Der Hauptakteur seines Unsterblichkeitsprogramms war niemand anderes als der „sich selbst regulierende, künstliche Körper“. Seele brauchte es keine, da die Welt ohnehin nur rein materiell-körperlich existierte. Insofern war es auch kein Problem, den Neuen Menschen qua Technik zusammenzubauen.
Die aktuellen Transhumanisten oder auch der Ewigkeitsenthusiast Bryan Johnson mit seinem gerade so gehypten „Project Blueprint“, für den der Tod einzig ein technisches Problem ist, dürften an den Traktaten von Fedorow ihre wahre Freude haben. Stichwortgeber war dieser aber schon zu seiner Zeit. Für Konstantin Ziolkowski etwa, der von Weltraumtürmen mit Fahrstühlen in den Himmel oder der Metamorphose aller Menschen in einen gigantischen „Strahlenkörper“ träumte, dann aber letztlich nur mit seiner Zentrifuge für Küchenschaben reüssierte. Oder für Aleksandr Svjatogor, der ein „Haus der Unsterblichkeit“ plante, das die Diktatur von Raum und Zeit abschaffen sollte.

Svjatogor nannte sich Kreator und war ganz besoffen von seiner „Kampfgemeinschaft des Neuen“. Auch Leo Trotzki, Revolutionär der ersten Stunde und Stalins großer Widersacher, wollte im Zuge der sowjetischen Heroenkultur keinen Stein auf dem anderen lassen. Auch bei ihm war es höchste Zeit für eine „radikale Revision – der Natur wie des Menschen“. „Das Leben, selbst das rein physiologische, wird kollektiv-experimentell werden“, gab er vor. Trotzkis Bemächtigungsidee? „Einen höheren gesellschaftlich-biologischen Typus zu erschaffen, einen – wenn man so will – Übermenschen.“
Wird Las Vegas also eine Art Neufassung des alten Hybrisdenkens? Zurück in die Zukunft mit einem Überübermenschen, nur in neuem Style und neuester Technologie? Oder haben Aron D’Souza und seine Phalanx – unter anderem Disruptionsinvestor und Techmilliardär Peter Thiel, auch Donald Trump Junior oder Christian Angermayer, ebenfalls Milliardär und Mitgründer eines Biopharma-Unternehmens – noch etwas anderes im Köcher? Für die neuen Übermenschen in der amerikanischen Spielwüste will die Milliardärencrew das Bestmögliche aufbieten.
Testosteron, Stanozolol, Wachstumshormone
„Unser Ziel ist es, die sicherste Sportveranstaltung der Geschichte zu realisieren, indem wir einen neuen ‚Goldstandard‘ für Gesundheitsbewertungen in der Branche etablieren.“ Und das bedeutet? Die Enhanced Games promoten sich vornehmlich als ein hartes Dopinggroßaufgebot. Darunter, wie in der Kampagnenbroschüre gelistet, Testosteron, Stanozolol, Wachstumshormone, EPO, Anastrozol, Peptide, aber auch eher subtilere Sachen wie BPC-157, TB-500, CJC-1295, AOD-9604. An die hundert Stoffe sollen es sein. Eine Art „What is what“, das gegenwärtig in den Sportlaboren der Welt ausgelesen wird. Sicher durch Chemie? Ist das die Botschaft? Die Milliardärs-Crew bezieht sich in dieser Frage auf die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) und erklärt: „In Übereinstimmung mit der WADA untersagen wir die Verwendung von Substanzen, die keinen gesundheitlichen Nutzen haben oder dem Spirit of Sport zuwiderlaufen.“
Das ist kein Sprachgespinst, sondern ein kalkulierter Affront, der im organisierten Sport, und nicht nur dort, für helle Empörung sorgt. Genau die aber ist gewollt und vielleicht sogar schon die halbe Miete. Denn was am Sonntag in Las Vegas aufgeboten wird, hat maximal Stellvertreterfunktion: Von den anfangs geplanten vier Wettkampftagen ist noch einer übrig geblieben; nur in drei Sportarten – im Schwimmen, Gewichtheben und in der Leichtathletik – finden überhaupt Wettbewerbe statt; und lediglich 42 Athletinnen und Athleten haben sich bislang für die Wüstenspiele angemeldet. Aber das ist nur die Vorderbühne. Auf der Hinterbühne wird ein komplett anderes Skript geschrieben.
Niemandsland der unbestimmten Ansprüche
Im „Niemandsland der unbestimmten Ansprüche“ geht es um Risikoinvestment und Marktkapitalisierung. „Human Enhancement ist bedeutender als KI“, berichtet Aron D’Souza in seiner Hochglanzbroschüre und liefert damit das Modell, wohin sich das, was er unsere Reise nennt, bewegen soll. Sein „Mount Everest“, sein „Man of the Moon“, ist, so erzählt er, das Adipositasmedikament Ozempic. Oder in Zahlen: Ozempic steht mit 588 Milliarden Dollar Gewinn im Mai 2024 und damit mit einem Zuwachs von 93 Prozent innerhalb von zwei Jahren zu Buche. Das ist das finale Band, die Zielvorgabe für das, was sich Enhanced Games nennt. „Die Gesamtbewertung der zehn führenden Start-ups im Bereich der generativen KI beläuft sich auf rund 185 Milliarden US-Dollar. Dies bedeutet, dass ein einziges Medikament zur Leistungssteigerung – Ozempic – einen signifikant höheren Wert aufweist als diese Start-ups zusammengenommen.“
Was also ist neu an den neuen Superspielen? Ein Paradigmenwechsel hin zur stärkeren Sozialisierung globaler Biopolitik und damit zu künstlichen Formaten des Körpers. Lifestyle als Norm. Wer nichts an sich „machen“ lässt, wird öffentlich weggestöhnt. Das geht einer Bundeskanzlerin so wie der siebzigjährigen Schauspieldiva, die Kleider ohne Arm tragen will, auch wenn es hie und da runzelt. Aber Runzeln sind out, Natur ist lästig. Was anstrengt, kann weg, und wird durch Lackiertes, Aufgepolstertes, Durchgestrafftes überhübscht. Es geht um Selbstverbesserung, Selbstverfügung, Künstlichkeit, um die Pluralisierung von Lebensstilen. Es geht darum, in einem fort mehr aus der eigenen Natur zu machen, bis diese endlich keine Natur mehr zu sein braucht. Die Begehrlichkeiten wachsen, je mehr Technik, je mehr Chemie, je mehr Sehnsucht nach Machbarkeit, je mehr mutmaßliche Autonomie. Und zwanzig, dreißig Jahre später?
Die Enhanced Games könnten am Sonntag zum Flop werden, aber das ist unerheblich. Wichtig allein ist, dass sie stattfinden. Das Event soll vor allem zum großen Türöffner und zugleich zur Zäsur werden. Es steht einiges infrage: das Selbstbild des Sports sowieso, aber auch, wie viel formatierten Körper die Gesellschaft verträgt. Natur versus Diktatkörper? Und wie ist in diesem Übergang der Mensch als Spezies rechtlich verankert? Wie viel Schutz braucht er, um sich von den Willensprojekten der Megareichen fernzuhalten? Im Sinne des neuen Goldstandards werden die Athleten rund um die Uhr in eine klinische Studie eingebunden, geleitet vom Medical Center in Abu Dhabi. Ihre Daten sind in einem „Enhanced Advanced Health Assessment Protocol“ eingetragen. Daten zu Herzgesundheit, Herzfrequenz, Leber, Milz, Schilddrüse, Prostata, dazu mehr als hundert Biomarker zu Blut, Knochen, Organen, Angaben zu Gehirngesundheit, neurokognitiven Funktionen, zum psychischen Zustand, zu genomischen Risikofaktoren.
Eine Art Hyperprofil. Der durchkontrollierte Körper als der billigste, profitabelste, hochleistungsfähigste Forschungskörper, mit dem die Phalanx der Neukreatoren ihr Marktkapital weiter forcieren kann. Die Thiels und Angermayers der Welt werden sich am Sonntag im Resorts World Las Vegas behaglich in ihre Sitze drücken, die seltsam aufgepumpte Spezies bestaunen, um später die neuesten Daten für ihren chemischen „Man of the Moon“ eingespielt zu bekommen. Das läuft sehr öffentlich, sehr vorsätzlich, sehr stylisch, sehr freiwillig, in gewisser Weise organisch ab. Körperfaschismus als Gesellschaftsdesign? Auf der letzten Seite des Kampagnenheftes noch der Satz: „Wir werden fortwährend höhere Gipfel entdecken, die die Menschheit dazu ermutigen, voller Ehrfurcht nach oben zu blicken.“
