Musk stört sich vor allem daran, dass eine schwarze Schauspielerin (Lupita Nyong’o) Trojas schöne Helena spielt. Auch er fand, es sei eine Beleidigung des Autors (zu gern würden wir Homer persönlich fragen). Nun will er die Sache geradebiegen – mit seiner hauseigenen KI Grok.
Die Ruderbesatzung hält kein einziges Ruder in der Hand
„Bevor dieses Jahr endet“, schreibt Musk auf der Plattform X, „wird Grok Imagine einen Film der Odyssee in voller Länge erschaffen, der historisch korrekt ist und der wahren Kunst Homers gerecht wird.“ Darunter findet sich der Post eines Nutzers, der eine „Dialogszene“ aus Homers Odyssee mit Grok gebaut hat und darunter minutiös beschreibt, wie man diese dirigiert, um gängige KI-Fehler in Filmsequenzen zu vermeiden.
Wie so oft, sieht der Ausschnitt (bestenfalls) makellos aus. Bis man genauer hinsieht und sich fragt, wie sich die schwarzen Schiffe mit einer Ruderbesatzung, die die Ruder nicht mal in den Händen hält, überhaupt vom Fleck bewegen, zumal in Formation. Aber darum geht es nicht.
In einem knapp 3000 Jahre alten Versepos, in dem Meeresungeheuer, Zyklopen und verführerische Zauberinnen vorkommen, hat historische Korrektheit (womöglich das neurechte Gegenstück zur politischen Korrektheit) genauso viel Bedeutung wie beim „Herrn der Ringe“. Auch im Fall der Serien-Adaption durch Amazon Prime Video erregten sich die Gemüter über womöglich werkuntreue Zwerge und Elfen, die von schwarzen Schauspielern dargestellt wurden. Von geschichtlichen Überlieferungen und Aufzeichnungen und ihrem Verhältnis zwischen Fiktion und Tatsache wollen wir hier erst gar nicht anfangen.
„Können wir Geschichten so schnell erschaffen wie Nachrichten?“
Außerdem gibt es die KI-generierte Version der Odyssee längst: Mitte Juli berichtete „Variety“ über das 135-minütige Filmprojekt „Odysseus: The Fall“, das der britisch-iranische Tech-Entrepreneur und Unterhaltungsallrounder Ashkan Kooshanejad mit seinem KI-Filmstudio „Fountain 0“ zusammen gepromptet hat. Für Kooshanejad geht es, wie er dem „Hollywood Reporter“ sagte, um solche Fragen: „Können wir Geschichten so schnell erschaffen wie Nachrichten?“ „Können auch Menschen außer Christopher Nolan mit bestimmten Werkzeugen malen? Und was entsteht, wenn sie es tun?“
Nun sollte man sich nichts vormachen: Manches in der Kontroverse um Film und KI erinnert an die Diskussion um den Einsatz von computergenerierten Bildern (CGI), deren Implementation zunächst von visuellen Unfällen, Schreckensbildern, aber auch dem Protest der betroffenen Filmgewerke begleitet wurde. Dieser Tage werden ganze Strecken in CGI-generierte Umgebungen eingebettet, ohne dass es jemandem auffiele.
Jetzt aber ist der zentrale Aspekt des Films bedroht: das Erzählerische und das Schauspiel und die Menschen, die es ausüben. Wie in vielen kreativen Bereichen, in denen enthusiastische KI-Dirigenten auftrumpfen, entscheidet am Ende der Zuschauer, inwieweit sich KI als Werkzeug filmischer Unterhaltung durchsetzt. Will er, dass Schauspieler beteiligt sind, oder ist er mit Traumbildern generativer KI zufrieden? Bilder die aus Zigtausenden von Prompts bestehen und einem Amalgam aus Videodaten aus annähernd hundert Jahren Filmgeschichte. Hätte KI bereits einen eigenständigen Humor, sie dürfte über Dinge wie historische Korrektheit lachen.
