
Kennen Sie „Optimus“? Das ist ein sogenannter humanoider Roboter aus dem Reich von Elon Musk. Er ist ein universeller Allzweck-Automat, der Aufgaben erledigt, die für Menschen gefährlich, langweilig oder repetitiv sind.
„Optimus“ wird über Künstliche Intelligenz gesteuert, ähnlich wie Teslas Autopilot-Systeme. In Fabriken transportiert er Fertigungsteile ans Band und hilft bei der Montage der Teile. Im Haushalt übernimmt er einfache Arbeiten wie Putzen oder Bügeln. Im Pflegeheim springt er dem Personal zur Seite.
Elon Musk nennt „Optimus“ sein wichtigstes Produkt der Zukunft
Noch gibt es „Optimus“ nicht zu kaufen. Prototypen sind seit 2022 zu besichtigen. Musk nennt „Optimus“ sein wichtigstes Produkt der Zukunft. Roboter können langfristig Arbeitskräfte ersetzen oder ergänzen. Sie leisten so einen wichtigen ökonomischen Beitrag nicht nur zur Verbesserung der Produktivität, sondern auch zur Humanisierung der (Arbeits-)Welt. Die Menschen können sich auf schönere Dinge konzentrieren.
Wird das Versprechen von „Optimus“ wahr, wäre dies ein Paradigmenwechsel und eine Abwendung vom weltweiten Kapitalismus, wie er sich Anfang des 20. Jahrhunderts etabliert hat. Den kennen wir unter dem Namen „Fordismus“: das von Henry Ford (1863 bis 1947) in den USA durchgesetzte Prinzip der Massenfertigung als Voraussetzung für den Massenkonsum. Seit 1908 baute Ford das berühmte T-Modell: standardisierte Autos zu niedrigen Preisen.
Henry Ford führte das Fließband ein
Dass Arbeitsteilung ein effizientes Fertigungsprinzip ist und angesichts hoher Stückzahlen große Skaleneffekte liefert, ist seit Adam Smith bekannt. Ford nahm Smith beim Wort, nutzte das Fließband. Die Arbeit wird in kleine, wiederholbare Schritte zerlegt; jeder Arbeiter ist nur für seinen Ausschnitt verantwortlich. Der Mensch bleibt am Platz, was sich bewegt, ist das Auto auf dem Band.
Verschwendung galt für Ford als größtes Hindernis des Fabrikanten. Deshalb mussten die Prozesse ständig optimiert und effizienter werden. In den Neunzigerjahren des 20. Jahrhunderts führte das zur sogenannten „Lean production“, einer betriebswirtschaftlichen Mode, die von japanischen Autobauern (Toyota) nach Detroit und Untertürkheim exportiert wurde.
Linke sahen den Fordismus negativ
Der Clou im Fordismus ist sein selbstreflexiver Motor: Henry Ford bezahlt seine Arbeiter gut, damit sie ausreichend Geld haben, Autos zu kaufen. Denn: „Autos kaufen keine Autos“, so Ford. Wenn spätere Kapitalisten nicht so klug wie Ford waren und die Löhne zu drücken suchten, sorgten Gewerkschaften dafür, hohe Löhne durch Streiks zu erzwingen. Das System der Tarifverträge, des „kollektiven Verhandelns“ (collective bargaining), hatte den Vorteil, dass der Konflikt aus den Betrieben herausgehalten wurde.
Der Fordismus wurde in meiner Jugend von den Linken negativ gesehen. Stumpfsinnige Arbeit entfremde die Arbeiter von sich selbst, so hieß es gut marxistisch. Als radikale Alternative wurde die sozialistische Revolution propagiert. Die weniger radikalen sozialdemokratischen Reformer votierten für die „Humanisierung der Arbeitswelt“ und das Betriebsverfassungsgesetz. Häufig wurde übersehen, dass gerade die Bandarbeiter bei Ford, VW oder BMW ein sehr aristokratisches Selbstbewusstsein hatten und stolz waren auf ihren Beruf und ihr Einkommen.
Musk statt Ford
Wird jetzt der „Fordismus“ durch den „Muskismus“ abgelöst? Der amerikanische Historiker Quinn Slobodian behauptet dies in einem neuen, zusammen mit dem Technikexperten Ben Tarnoff verfassten Buch. Muskismus soll das bessere Etikett sein, verglichen mit dem häufig gehörten Begriff „Technokapitalismus“, wobei „Tech“ immer für digitale Technologie steht. Denn natürlich ist auch ein VW Käfer ein Produkt von Technik.
Was ist anders am Muskismus? Eigentlich alles. Die globale Arbeitsteilung wird angesichts der globalen Bedrohung von Lieferketten, Luft- und Seewegen (Straße von Hormus) zurückgenommen. Stattdessen heißt das Stichwort jetzt wieder „vertikale Integration“: Möglichst alles am selben Ort fertigen. „Das amerikanische iPhone, zusammengesetzt in China, fertiggestellt in Vietnam“, hat ausgedient. Die Arbeitsteilung in der Fabrik wird zwar beibehalten, doch die Arbeit wird künftig von den humanoiden, KI-gesteuerten Robotern erledigt. Ein paar Menschen braucht es noch zur Überwachung.
Musk baut sich ein Imperium
Musk verkaufe nicht einfach Autos, Raketen oder Satelliten, schreibt Slobodian. Musk verkaufe das Gefühl, man könne in einer zunehmend instabilen Welt Selbstsicherheit und Unabhängigkeit gewinnen, sofern man sich seinen Produkten überlasse. Diese Unabhängigkeit gibt es paradoxerweise, aber natürlich gewollt, nur um den Preis der Abhängigkeit von Musk. Während der Fordismus philosophisch expansiv gewesen sei, verhalte sich der Muskismus aggressiv defensiv, schreibt Slobodian.
Das Neue ist die Symbiose von Konzernen – also Musks Imperium – und Staat. Denken wir zum Beispiel an Space X, Musks Raumfahrtunternehmen, dessen Fernziel die Eroberung und Urbarmachung des Mars ist. Längst sind auch die staatlichen Raumfahrtprogramme auf Space X angewiesen. Für Artemis IV, die geplante Mondlandemission der staatlichen NASA, braucht es das „Human Landing System“ (HLS) von Musk oder das Konkurrenzprodukt von Jeff Bezos’ Unternehmen Blue Origin. In so ein Landemodul steigen die Astronauten von der Orion-Raumkapsel um, bevor sie ihre Füße auf den Mond setzen können. Okay, HLS ist noch nicht fertig. Aber bis zur geplanten Mondlandung – frühestens 2027 – ist ja noch etwas Zeit. Und Musk hat häufig bewiesen, dass er schnell ist, wenn es drauf ankommt. Musk selbst ist auf den Erfolg angewiesen. Sein vom US-Magazin „Forbes“ auf 780 Milliarden Dollar geschätzter privater Reichtum steckt zu großen Teilen in den Aktien seines Unternehmens. Es wäre unklug, dieses Kapital aufs Spiel zu setzen.
Fälschlicherweise werden die „Tech Bros“, die Milliardäre des Silicon Valleys, als libertär beschrieben oder denunziert: Marktradikale, die den Staat auf ein Minimum zurückdrängen wollten. Slobodian hat in seinen früheren Büchern selbst gerne diese These vertreten. Inzwischen korrigiert er sich stillschweigend: Der Muskismus lebt von der Symbiose zwischen Unternehmen und Staat. Ein ausgabenfreudiger Staat nützt ihm. Denn er finanziert die Techies und ist ihr größter Kunde. Nicht nur die NASA, sondern auch das Pentagon haben sich von Musk abhängig gemacht. Entsprechend abhängig ist Musk von Donald Trump.
In der politischen Ökonomie war es eine Zeit lang Mode, von Spielarten des Kapitalismus („Varieties of Capitalism“) zu sprechen. Danach sollte man nicht von Früh-, Hoch- und Spätkapitalismus reden, einem konsekutiven Schema nach dem Muster von Aufstieg und Fall. Angemessener wäre es, von verschiedenen Spielarten des Kapitalismus auszugehen, die hinter- oder nebeneinander existieren. Der Muskismus fügt dieser Vielfalt ein neues und spannendes Modell hinzu.
