Von den Plakaten lächeln nur die anderen. Sieben Tennisspielerinnen aus sieben Nationen, vor allem aber allesamt aus den Top-10 der Weltrangliste. Das Feld der Teilnehmerinnen beim Frauenturnier in Stuttgart ist in diesen Tagen selbst nach einigen Absagen so erlesen wie in jedem Jahr. Und wie in jedem Jahr zeugen davon unter anderem die Poster mit den Stars des Wettbewerbs, die im Stadtgebiet dafür werben.
Es gab Zeiten, so lange sind sie gar nicht her, da wurde hinter den Kulissen darüber gezankt, welche deutsche Spielerin auf den Bannern in die vorderste Front und welche knapp dahinter gehört. Weil die eine den größeren Namen, die andere aber die zu diesem Zeitpunkt etwas bessere Weltranglistenplatzierung hatte. Die Zeiten aber sind vorbei. Mittlerweile sind die Deutschen froh, wenn sie überhaupt mitspielen dürfen.
Seidel wird zum Gesicht der Krise
In einem grellen Lichtkegel steht am Dienstagnachmittag in Stuttgart auch Ella Seidel. Bei dem Hallenturnier in der Porsche Arena blitzt, leuchtet und wummert es rund um die Matches gewaltig, die Lichter, die Bässe, die Show sind Teil des Programms. Seidel spielt an diesem Tag ihr Erstrundenmatch gegen die Belgierin Elise Mertens. Wie alle anderen fünf Deutschen war sie auf günstige Umstände angewiesen gewesen, um überhaupt am Start sein zu dürfen. Erst nachdem zahlreiche Spielerinnen, darunter mit der Belarussin Aryna Sabalenka auch die Weltranglistenerste, kurzfristig abgesagt hatten, rutschten Laura Siegemund und Eva Lys als die Nummern 51 und 78 der Weltrangliste noch ins Hauptfeld. Dazu erhielt Seidel wie auch Tamara Korpatsch und Noma Noha Akugue eine Wildcard.
21 Jahre ist Seidel erst alt. Als eines der größten Versprechen im deutschen Frauentennis gilt sie trotzdem schon eine ganze Weile. Zumindest wurde ihr Name seit Jahren immer dann genannt, wenn mal wieder jemand fragte, wo eigentlich all die deutschen Tennistalente bleiben. Dass sich nach dem Karriereende der so erfolgreichen Generation um Wimbledonsiegerin Angelique Kerber ein Loch auftut im deutschen Frauentennis, kommt nämlich keineswegs überraschend. Überraschend ist nur, wie tief es ist.
Denn statt ein Gesicht des Aufbruchs im deutschen Frauentennis zu sein, ist Seidel seit der vergangenen Woche plötzlich ein Gesicht der Krise geworden. Weil sie bei dem enttäuschenden Auftritt der Deutschen in Portugal mit Niederlagen gegen die Heimnation, Schweden und am Ende gegen Litauen die ihr zugedachte Rolle als Anführerin einer neuen Generation nicht erfüllen konnte. In mehreren wichtigen Matches versagten ihr die Nerven, gegen Spielerinnen, die viel schwächer einzuschätzen waren als sie selbst. Dieser jüngste Eindruck schmerzt auch deshalb, weil er im Grunde im Gegensatz zur allgemeinen Entwicklung Seidels steht.
„Das Jahr war relativ positiv, mehr als ich mir vorgenommen hatte als Ziel“, sagte sie am Dienstag im Rückblick auf die vergangenen zwölf Monate. Seit September steht sie erstmals in ihrer Karriere unter den Top-100 der Weltrangliste. Sie müsse sich „noch ein bisschen daran gewöhnen“, plötzlich nur noch bei großen Turnieren und von Beginn an gegen Topgegnerinnen zu spielen. Ihr Match gegen die erfahrene Top-20-Spielerin Mertens verlor sie trotz einiger guter Phasen am Ende klar mit 3:6, 4:6. Aber: „Ich finde es supercool auf der Tour zu spielen, und es macht mir sehr viel Spaß.“
„Das System steht dem Profisport in Deutschland im Weg“
Es ist in den Tagen nach dem großen Knall von Oeiras schon viel über die Gründe für den Absturz geredet worden. Denn fast jeder, der dem deutschen Tennissport in irgendeiner Form verbunden ist, scheint dazu eine Meinung zu haben. Boris Becker etwa hatte schon vor dem Abstieg mit dem Finger auf die Führungsriege beim Deutschen Tennis Bund (DTB) gezeigt und den handelnden Personen in seinem Podcast mindestens teilweise Inkompetenz unterstellt („Wenn ich in den Supermarkt gehe und einkaufen soll für den Abend, aber noch nie gekocht habe, weiß ich doch nicht, was ich einkaufen soll“). Claudia Kohde-Kilsch, einst Fed-Cup-Siegerin an der Seite von Steffi Graf, kritisierte via Facebook den geringen Stellenwert des Doppels in Deutschland. Es schmerze sie sehr, dass „keines der jungen deutschen Mädels auch nur einen blassen Schimmer“ habe, wie man ein „taktisch solides Doppel spielt“, schrieb sie.
Laura Siegemund wiederum, mit 38 Jahren derzeit mal wieder bestplatzierte deutsche Spielerin in der Weltrangliste, klagte in Stuttgart darüber, dass die jungen Spielerinnen nicht schon früher eingebunden wurden. Und Alexander Zverev machte am Rande des ATP-Turniers in München gleich das ganz große Fass auf und verwies auch auf die immer schwächer werdende Medaillenbilanz bei Olympischen Spielen. „Das System steht dem Profisport in Deutschland so ein bisschen im Weg“, sagte er. „Es ist nicht nur im Tennis so, in jeglicher anderen Sportart auch. Das spricht dafür, dass irgendwas im sportlichen Bereich nicht funktioniert in Deutschland.“
Darin, dass nun gehandelt werden muss, scheint immerhin Einigkeit zu herrschen. Der Verband hat schon vor Monaten ein neues Leistungssportkonzept verabschiedet, das viele Probleme klar benennt und angehen will. Die Prämisse: Talentierte Tennisspielerinnen gibt es noch immer genügend in Deutschland, man muss nur dafür sorgen, dass sie bessere Bedingungen vorfinden, um ihr Talent zu entfalten. Damit bald auch die deutschen Tennisspielerinnen wieder von den Plakaten in Stuttgart lächeln. Und sich dann sogar darüber zanken können, wer weiter vorne steht.
