Kater Neo wartet schon, als sich Martina Schmidt der Futterstelle nähert. Sie hat Nass- sowie Trockenfutter dabei und füllt es in die Näpfe, die in der Nähe eines Feldwegs in einem einfachen Unterstand aus Holz stehen. Neo ist eine Streunerkatze – eine von vermutlich Zehntausenden in Hessen. Die Tiere befinden sich gesundheitlich meist in einem schlechten Zustand und sind auf menschliche Hilfe angewiesen.
Wie kommt es zu einer so hohen Zahl an Katzen, die keine Halter haben und draußen leben? Der Grund sind unkastrierte Katzen, die sich unkontrolliert vermehren, wie Sigrid Faust-Schmidt vom Landestierschutzverband sagt. Auch unkastrierte Freigängerkatzen sind daran beteiligt, die von ihren Haltern gepflegt und gefüttert werden, aber regelmäßig draußen herumstreifen.
Straßen- und Streunerkatzen seien sehr scheu und eher nachtaktiv und daher häufig gar nicht sichtbar, so Faust-Schmidt. Sie lebten meist in Gruppen auf Bauernhöfen oder Friedhöfen, in verlassenen Scheunen, Schrebergärten oder alten Industrieanlagen.

Martina Schmidt versorgt mehrere Streunerkatzen rund um Hochheim-Massenheim. Ihr Engagement begann vor acht Jahren, damals wurde sie von einer Nachbarin auf draußen lebende junge Katzen aufmerksam gemacht. Immer mehr Streuner kamen hinzu. Mehr als 100 Katzen habe sie seitdem eingefangen und kastrieren lassen, sagt Schmidt. Sie ist inzwischen Vorsitzende der Katzenhilfe Katzenherzen, die vergangenes Jahr für ihr Engagement den Hessischen Tierschutzpreis erhalten hat.
Die Tiere brauchen meist medizinische Hilfe, wie Schmidt erklärt. Und sie müssen kastriert werden, um ihre weitere Vermehrung zu stoppen. Junge Katzen könnten an Privatleute vermittelt werden – erwachsene Tiere in den meisten Fällen nicht, denn Katzen, die von Geburt an das Leben draußen gewohnt seien, könne man nur schwer umerziehen.
Vereiterte Zähne und Wunden
„Es ist nicht tierschutzgerecht, die Tiere sich selbst zu überlassen“, sagt Schmidt. Auf sich selbst gestellt, würden viele von ihnen nicht lange überleben. „Allein an Wurmbefall würden viele zugrunde gehen.“ Häufig litten die Tiere auch an vereiterten Zähnen oder Wunden. „Viele Menschen schauen weg, im besten Fall melden sie sich bei uns.“ Schmidt fährt im Wechsel mit anderen Helfern jeden Tag zu mehreren Futterstellen. An einem Ort bei Hochheim haben sie sogar ein kleines Katzenhaus errichtet.
Der Verein Katzenherzen habe sich auch erfolgreich dafür eingesetzt, dass Hochheim und weitere Kommunen eine Katzenschutzverordnung erlassen hätten, sagt Schmidt. Damit werden die Besitzer von Freigängerkatzen zu deren Kastration verpflichtet.
Katzenschutzverordnung für Hessen gefordert
In Hessen ist es Sache der Kommunen, eine solche Regelung zu erlassen. 147 von 427 Gemeinden und kreisfreien Städten hätten solche Verordnungen derzeit, sagt die Landestierschutzbeauftragte Madeleine Martin. Der Weg dorthin sei vielerorts zäh. Sinnvoll wäre daher eine landesweite Regelung. Derzeit sei in der politischen Diskussion, ob es eine solche Verordnung geben könne.

„Frei laufende und nicht kastrierte Katzen sorgen ständig für Nachwuchs“, sagt Martin. Eine Katze werfe im Durchschnitt zweimal im Jahr bis zu sechs Junge. „Die Tierheime sind hoch belastet, das ist seit Jahren der Fall, und sie brauchen Unterstützung.“ Es müsse sich etwas ändern. Der Deutsche Tierschutzbund fordert gleichzeitig eine gesamtdeutsche Verordnung, die die Kastration von Freigängerkatzen vorschreibt. Er geht von Millionen Straßenkatzen in Deutschland aus, deren Nachkommen meist krank seien und häufig verendeten.
Tierheime brauchen Entlastung
Wie viele Streuner- und Straßenkatzen es in Hessen gebe, lasse sich schwer schätzen, sagt Faust-Schmidt vom Landestierschutzbund. Sie sammelt derzeit Daten von Vereinen und privaten Tierschützern, um die Situation im Land zu erfassen – das ist ein Schritt auf dem Weg zu einer Landesverordnung zum Thema Kastration. Die Erhebung sei noch nicht abgeschlossen, weitere Informationen seien willkommen.
Die Tierheime seien stark beschäftigt mit den Streunerkatzen. „Die Tiere, die in schlechtem Zustand kommen, müssen erst mal aufgepäppelt werden. Wir müssen Parasiten behandeln, kastrieren und impfen.“ Häufig dauere die medizinische Behandlung auch länger. Faust-Schmidt appelliert daher an Katzenhalter, ihre Tiere kastrieren, kennzeichnen und registrieren zu lassen. „Es geht uns natürlich in erster Linie um das Vermeiden von Tierleid. Und es geht um die Entlastung der Tierheime, der Tierschutzvereine und der privaten Tierschützer.“
Wie soll man auf Streunerkatzen reagieren?
Wer eine Straßenkatze sieht, sollte sich zunächst vergewissern, dass es sich nicht um eine Nachbarkatze handelt. Lebt das Tier tatsächlich wild, sollte man am besten das Ordnungsamt oder das örtliche Tierheim verständigen. Von eigenständigem Fangen rät der Tierschutzbund ab, da es sich um sehr menschenscheue Tiere handeln kann.
