Liebe Leserin, lieber Leser,
»Das Leben geht
weiter«, sagte Peter Tschentscher freundlich lächelnd, als er gestern, am Tag
nach dem Olympia-Nein, im Rathaus vor die Presse trat. Katharina Fegebank war
ganz in Schwarz gekleidet, Sportsenator Andy Grote blickte ernst drein. Alle
drei bemühten sich um die richtige Balance zwischen Enttäuschung und
Zuversicht. »Wer solch eine Frage zur Abstimmung stellt, darf sich nicht über
die Antwort beklagen«, sagte Tschentscher. Der Senat sehe sich durch das nunmehr
zweite verlorene Referendum binnen eines Dreivierteljahres nicht beschädigt,
sagte der Bürgermeister. Er fühle sich weiterhin von der Bevölkerung
unterstützt. Und Grote setzte hinzu: »Wir wollen doch jetzt nicht in Depression
verfallen.«
Nach vorn schauen, das ist nun also die Devise. Manche
Idee aus dem Bewerbungskonzept wolle man auch ohne Olympia weiterverfolgen,
sagte Grote. Sportangebote für Kinder und Jugendliche sollen ausgebaut werden,
auch an den Plänen für ein neues Stadion im Volkspark hält die Stadt fest. Wann
und wie die Arena gebaut wird, ist noch offen.
Von Selbstkritik war im Rathaus nichts zu hören. Kein
Wort dazu, ob der Ton der Werbekampagne richtig gewählt war. Kein Wort dazu, ob
man Sorgen und Einwände einiger Hamburgerinnen und Hamburger womöglich
unterschätzt hat. Das hat mich nicht unbedingt überrascht, aber ich hätte mir
mehr erhofft. Denn aus etlichen Gesprächen, Recherchen und auch aus Ihren Mails
habe ich genau diesen Eindruck gewonnen: Viele Menschen hätten sich keine
Hochglanzkampagne gewünscht, sondern eine ehrlichere Debatte auf Augenhöhe.
Nicht nur: »Das wird super, vertraut uns mal!« Sondern auch: »Ja, das wird
teuer. Ja, das wird kompliziert. Aber wir halten es trotzdem für richtig – und
zwar aus diesen Gründen.«
Das Leben geht weiter, das stimmt. Die Frage ist nur, ob
die Politik aus diesem Referendum mehr mitnimmt als die Erkenntnis, dass
Olympia in Hamburg gerade keine Mehrheit findet. Und wo wir schon beim Thema
Kommunikation sind: Spannend wird auch, welche
Geschichte der Senat über Infrastrukturprojekte wie den Ausbau des
Hauptbahnhofs erzählt. Verzögern sie
sich weiter, wird man dann irgendwann hören: Tja, hättet ihr mal für die Spiele
gestimmt? Ich hoffe nicht. Viele dieser Vorhaben wurden lange vor der
Olympia-Idee angekündigt, sie sind notwendig für uns alle. Die Aufgabe der
Politik wird nun sein, nicht nachträglich noch ein Lagerdenken zu beschwören,
sondern diese Projekte als gemeinsame Themen zu behandeln.
Am Ende sitzen wir ohnehin alle in derselben
Bahn.
Mein Kollege
Christoph Twickel und ich haben uns noch ein paar Gedanken zum Olympia-Nein
gemacht. Falls Sie weiterlesen möchten, hier entlang (Z+).
Ich
wünsche Ihnen einen schönen Tag!
Ihre Annika Lasarzik
Wollen
Sie uns Ihre Meinung sagen, oder wissen Sie etwas, über das wir berichten
sollten? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail an hamburg@zeit.de.
WAS HEUTE WICHTIG IST
Mit einer großen Evakuierungsübung am 20. Juni
will sich der Hamburger Michel auf mögliche Notfälle wie etwa einen Brand
vorbereiten. Dafür sucht die St. Michaeliskirche rund 1.500 Freiwillige.
Gesucht werden Menschen jeder Altersklasse, mit und ohne Geheinschränkungen.
Die rund 75-minütige Übung startet mit einem Orgelkonzert.
Im Zehnjahresvergleich ist die Lebenserwartung
älterer Hamburger um rund drei Monate gesunken. Das geht aus einer Antwort
der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion hervor. Die
Hamburger Bundestagsabgeordnete Cansu Özdemir (Linke) bewertete den Rückgang
als »katastrophale Entwicklung« und forderte, »dringend Maßnahmen« zu
ergreifen. Die Linke ist gegen eine Anhebung des Renteneintrittsalters und
gegen eine Kopplung dessen an die Lebenserwartung.
Zwei Gänse im Gleisbett haben am Sonntag
den S-Bahnverkehr in Altona lahmgelegt. Um die Tiere in Sicherheit zu bringen,
sperrte die Bundespolizei die Strecke zwischen den Stationen Hochkamp und Klein
Flottbek und schaltete den Strom ab. Beide Tiere blieben unverletzt.
Die Polizei hat in einer Lagerhalle in Moorburg 21.000 gestohlene
Gastronomie-Handtücher sichergestellt. Das mutmaßliche Diebesgut aus einem
Restpostenhandel im Wert von knapp 170.000 Euro war auf sechs Paletten sowie in
44 Umzugskartons verpackt. Die Ermittlungen gegen eine 49-Jährige und einen
68-Jährigen wegen des Verdachts der Hehlerei dauern an.
Gut vier Monate nach Schüssen in einem türkischen Kulturverein in Lurup
hat die Staatsanwaltschaft eine Belohnung von 5.000 Euro für Hinweise
ausgelobt, die zur Ergreifung der drei noch flüchtigen Täter führen. Einen
26-jährigen Tatverdächtigen hat die Polizei bereits am 5. Mai in Altona
verhaftet.
AUS HAMBURG
Gute Laune allein reicht nicht
Die Hamburger Olympia-Bewerbung scheiterte nicht an der
fehlenden Sportbegeisterung in der Stadt – sondern an der Arroganz von Senat
und Unternehmen. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Kommentar von Annika
Lasarzik und Christoph Twickel.
Ein paar Tage vor der Abstimmung am Sonntag tauchte sein sonnenbebrilltes
Schlapphut-Konterfei plötzlich überall in der Stadt auf. »Olympia? Cooles
Ding«, stand auf den Udo-Lindenberg-Plakaten, die Teil der millionenschweren
Pro-Olympia-Kampagne von Senat, Wirtschaft und Sportverbänden waren. Offenbar
sollte Hamburgs berühmtester Rockstar der Kampagne kurz vor Schluss noch den
nötigen Schub geben. Aber vergeblich: Die städtische Kampagne ist krachend
gescheitert. Knapp 55 Prozent der Hamburgerinnen und Hamburger stimmten gegen
die Spiele.
Und das, obwohl das Pro-Olympia-Bündnis breit aufgestellt war: Neben den
beiden Regierungsparteien SPD und Grünen gehörten auch die CDU, der Hamburger
Sportbund, die Handelskammer, Großkonzerne wie die Otto Group und zahlreiche
weitere Institutionen dazu. Das Udo-Plakat steht für das Missverständnis, dem
sie alle aufgesessen sind. Sie glaubten, die Begeisterung für Olympia sei in
Hamburg längst da – man müsse sie nur noch wachküssen. »Dein Ja für ein
Sommermärchen für Hamburg«, stand auf einem anderen Plakat. Als fehle dieser
Stadt zu ihrem Glück nur noch ein gut gelauntes Großevent.
Vor dem Hintergrund dieses Mindsets überrascht die Stimmverteilung nicht.
In manchen Hamburger Gegenden stimmten die Menschen durchaus mehrheitlich für
Olympia – und zwar in den bessergestellten
und locker besiedelten Stadtteilen. In den Walddörfern im
Norden der Stadt, in den Elbvororten Blankenese, in Nienstedten, Othmarschen,
Eppendorf, Harvestehude und in der Hafencity. Dort also, wo sich weniger
Menschen um Mieterhöhungen Sorgen machen müssen, weil viele im Eigentum wohnen.
Und wo ein notorisch überfüllter Hauptbahnhof keinen Stress bereitet, weil in
der Garage ein Kleinwagen und ein SUV stehen. Wo man weit weg ist von den
verstopften Straßen, den Tourismusströmen und Polizeiaufgeboten, die ein
wochenlanges Großereignis mit sich bringen. In diesen Gegenden klingt die
Aussicht auf Olympia scheinbar tatsächlich nach einem Sommermärchen.
Wie weit die Schere zwischen Pro-Olympia-Bündnis und den Mit-Nein-Stimmenden
letztendlich aufgeht, lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung. → Zum Artikel (Z+)
SCHON GELESEN?
Lassen
Sie sich in der Bahn anquatschen. Es wird Ihr Leben verändern
»Ich war
immer skeptisch, wenn mich jemand im Bordbistro zwang, die Kopfhörer
rauszunehmen. Heute weiß ich: Etwas Besseres kann einem auf einer Zugfahrt
nicht passieren.« Diese Entdeckung hat ZEIT-Redakteur Francesco Gianmarco
gemacht. Er hätte sonst unter anderem den Fun Fact verpasst, dass es in Hamburg
angeblich einen Mann gibt, der dem Zoo den Tiermist abkauft, um seinen Boden zu
düngen. → Zum Artikel (Z+)
DAS KÖNNTE SIE INTERESSIEREN
Am kommenden Freitag eröffnet die Künstlerin
Katharina Kohl am Ballindamm Gedächtnislücken
#revisited – ein temporäres Denkmal, das die Lücken der
Aufklärung im NSU-Komplex sichtbar machen will. Anlass ist auch der Mord an
Süleyman Taşköprü vor 25 Jahren: Erst 2011 wurde die Tat in Hamburg in den
Zusammenhang des NSU gestellt, zuvor hatten die Behörden vor allem im
familiären Umfeld und im Bereich organisierter Kriminalität ermittelt.
Bis zum 12. Juli sind an weiteren Orten im Stadtgebiet großformatige
Plakate zu sehen. Sie basieren auf Protokollen der NSU-Untersuchungsausschüsse
und sind weitgehend geschwärzt. Lesbar bleiben nur jene Passagen, in denen
Zeugen aus Sicherheitsbehörden angeben, sich nicht erinnern zu können. Zum
Rahmenprogramm gehört am 7. Juni um 14.30 Uhr im Kölibri (Hein-Köllisch-Platz
12) ein Podiumsgespräch mit Filmvorführung.
»Gedächtnislücken #revisited«, 5. Juni, 16.00 Uhr; Ballindamm/Jungfernstieg bei der digitalen
Litfaßsäule und bis 12. Juli diverse Orte im Stadtraum
MEINE STADT
HAMBURGER SCHNACK
Neulich im Steakhaus kam uns
die Kellnerin sehr bekannt vor. Ich sagte: »Ja, wie schön, dass Sie doch schon
30 Jahre da sind. Das freut uns immer sehr.« Da sagte sie: »Ich bin aber erst
30.«
Erlebt von Marie-Luise Schwarz
Das war die Elbvertiefung, der tägliche
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